Auch Venedig kommt auf den Hund

Als mir kürzlich eine deutsche Kollegin in London sagte, sie lese gern meinen Hundescheiße-Blog, kam ich ins Grübeln. Vielleicht bin ich doch ein bisschen zu sehr auf dieses Thema fixiert? Umso mehr freut mich, dass sich jetzt größere Geister in glänzenderen Blättern dieses Komplexes annehmen. „Mein Thema ist ja Kacke“, schreibt Donna Leon unter der Überschrift „Merda!“ im SZ-Magazin. Die Schriftstellerin setzt sich mit den Phasen auseinander, die Venedig mit Bezug auf Hundekot durchlief. Die Straßen waren früher geradezu unpassierbar vor Dreck, dann wurde es etwas besser, doch jetzt lässt das Verantwortungbewusstsein der Hundehalter wieder nach. Berlin scheint sich gerade am Anfang des Mittelteils dieses Zyklus‘ zu befinden. Es wirkt rein subjektiv auf mich zurzeit jedenfalls so, als ob es wider Erwarten doch einige vernünftige Hundebesitzer gibt. Bei einem mehrtägigen Heimaturlaub habe ich jetzt gleich zweimal den vorbildlichen Tüteneinsatz nach Geschäftsverrichtung mitansehen dürfen. Das ist mir vorher in fast 20 Jahren Berlin nie vergönnt gewesen. Oder doch: Ein einziges Mal, um ehrlich zu sein. Es geschah in Ku’damm-Nähe. Eine ältere Dame mühte sich, den Dreck ihres kleinen Lieblings wegzumachen. Am liebsten wäre ich niedergekniet, um ihr zu danken. Doch das ging nicht. Um uns herum war alles voll Scheiße.

Mit Muffelhansa von City nach Tegel

Während sich ganz Deutschland wegen des Heathrow-Kofferdramas nicht mehr einkriegt, hatte ich die Ehre, nach langer Zeit mal wieder mit Lufthansa zu fliegen, der deutschesten aller Fluglinien. Ist ja an sich angenehm, dass Lufthansa jetzt einen halbwegs günstigen Flug von London-City nach Berlin-Tegel anbietet. Und der kompakte City-Airport ist nun wirklich kein Vergleich mit dem gefallenen Riesen Heathrow (aber auch keiner mit Tempelhof, liebe Schließungsgegner, alle Argumente in dieser Richtung sind unsinnig, weil City trotz seines Namens kein Innenstadtflughafen ist, sondern von der Stadtrandlage her sogar eher mit Schönefeld vergleichbar). Aber dann: auch hier Verspätung. Schon vor dem Start. Eine Durchsage der Crew nach dem Boarding wälzt die Schuld erst einmal souverän auf die Reinigungstruppe ab. Bald darauf gibt die Stewardess mit bösem Blick und fuchtelnden Händen zu verstehen, dass sie beim Durchzählen der Passagiere nicht mit Kundenfragen behelligt werden will. Hätte man doch wissen müssen, dass sie gerade über Zahlen meditiert. Und nach der Landung in Tegel gibt es selbst nach einer mehr als halbstündigen Verspätung keine Entschuldigung. Man selbst war ja nicht schuld, sondern die Putzfrau. An das liebenswerte britische Chaos habe ich mich nach einem Jahr London gewöhnt. An deutsche Arroganz auch nach vierzig Jahren nicht.

Fröhliche Wissenschaft: Berlin glücklich, London grüblerisch

Umwertung aller Werte, part two: Entnehme einer der mit Recht so beliebten Metropolenwohlfühlstudien, dass es Berlin gutgeht. Fast sechzig Prozent der Berliner blicken zuversichtlich in die Zukunft. Die grüblerischen Deutschen jetzt fröhlich, die fröhlichen Briten grüblerisch? In Berlin klagen vergleichsweise geringe 40 Prozent über Einsamkeit oder Anonymität. Dagegen leiden mehr als zwei Drittel der Londoner dieser Umfrage zufolge unter Beklemmung. Alles wie gehabt allerdings beim Thema Dreck in Berlin, laut Studie der am häufigsten genannte Kritikpunkt: Alle stört’s, keiner unternimmt was. Waldi, Hasso und Hektor scheißen derweil weiter fröhlich die Stadt zu. Du glückliches London.

Heathrow, oder: Die allzu feine englische Art

Jetzt hat sich auch der britische Außenminister zum Chaos am Flughafen Heathrow, dem zeitgenössischen englischen Drama, geäußert – knapp und dezent, in seinem Blog. David Miliband lässt einen Amtskollegen für sich sprechen: „Ein Außenminister, mit dem ich am Wochenende am informellen Treffen in Slowenien teilnahm, fiel der Terminal-5-Saga zum Opfer“, schreibt Miliband. „Er kam nur um weiterzufliegen, aber seine Koffer waren nicht auffindbar und wie man hört, kann es Wochen dauern, bis sie wiederauftauchen.“ Der Kollege habe ihn gebeten, eine Botschaft an die Fluglinie British Airways und die Flughafengesellschaft weiterzugeben: „Um Gottes Willen, bringt das endlich in Ordnung.“ Von Ordnung war auch gestern in Heathrow nur wenig zu spüren. Erneut wurden 50 Flüge abgesagt, mehr als 300 sind es nun insgesamt seit der Eröffnung des neuen Terminals 5 am Donnerstag vergangener Woche. Das Gepäck jenes Ministers ruht nun Seite an Seite mit den Koffern gewöhnlicher Reisender – unter einem Berg von 28 000 Gepäckstücken, der sich zurzeit in Heathrow aufwirft. Um den Namen des Kofferverlierers drückt sich Chefdiplomat Miliband. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier sei es jedenfalls nicht, hieß es dazu in Berlin. Heathrow ist zum Symbol nationaler Scham und Schande geworden. „Tearing your hair out“ schreibt Miliband als Überschrift über seinen Blog-Eintrag. Was für ein Kontrast zu den Worten seiner Königin noch vor wenigen Tagen. Vom verdienten Stolz der Planer, von der künftigen Wertschätzung durch die Reisenden und der effizienten Gestaltung des Terminals hatte Elizabeth II. bei der royalen Eröffnungszeremonie gesprochen. Jetzt ist alles Haareraufen, Heulen, Zähneknirschen – aber immer mit Humor. In diesen Tagen von Heathrow abfliegen zu müssen, sei vergleichbar „mit dem Auftrag, gegen die Mahdi-Armee in Basra zu kämpfen“, schreibt Max Hastings vom Guardian. In solchen Kommentaren – die britischen Zeitungen sind voll davon – klingt wieder durch, was der deutsche Publizist und England-Kenner Karl Heinz Bohrer einst „ein bisschen Lust am Untergang“ nannte. Nach dem Motto: Erst genießen wir den Pomp und dann kosten wir den Thrill der Erniedrigung aus. Bohrer schrieb 1975 von dieser ganz speziellen britischen Lust – in Zeiten, in denen das Vereinigte Königreich wirtschaftlich am Ende war, wovor viele Briten nach Jahren des Aufschwungs jetzt wieder Angst haben. Zu Alltagskatastrophen wie derzeit in Heathrow, zum üblichen Chaos im Londoner Nahverkehr oder zu bürokratischen Pannen wie den Datenverlusten in Regierungsbehörden trägt aber auch eine britische Tugend bei: Immer freundlich sein, stets duldsam, nie aufbrausend oder nörglerisch. Was dem Gast aus Deutschland auf der Insel so angenehm vorkommt, fördert nicht unbedingt die Aufarbeitung von Fehlern. In seinem Buch „How to be a Kraut“ hat Roger Boyes das Phänomen anhand eines Vergleichs zwischen deutschen und englischen Urlaubern beschrieben: Die Briten lassen sich von Reiseveranstaltern und Hotelbesitzern alles gefallen. Die Deutschen nörgeln und prozessieren und erreichen dadurch Verbesserungen, die schließlich auch den Briten zugute kommen. Vielleicht muss also doch einmal ein deutscher Minister seine Koffer in Heathrow verlieren. Oder Miliband selbst? Das wäre wenig hilfreich. Der britische Außenminister ist viel zu nett, um daraus ein wirkliches Drama zu machen.

Be Berlin, sei Hertha

Wenn ich es nicht in eine der hier bereits genannten Londoner Oasen des deutschen Fußballs schaffe, informiere ich mich hier, hier, hier und hier über die Bundesliga. Aus letzterer Quelle ist mir jetzt ein Spielerzitat besonders aufgefallen, Jermaine Jones über sein Tor zum 2:0 für Schalke bei Hertha im Olympiastadion: „So leicht hat man es mir noch nie gemacht. Ich habe mich gewundert. Es sind alle an die Seite gegangen, anstatt mich anzugreifen.“ Ich frage mich aus der Ferne: Ist Berlin neuerdings so lieb zu seinen Gästen? Die neue Imagekampagne funktioniert.

Be Berlin und Totally London

Bevor ich nach London gezogen bin, habe ich gedacht, dass der Wunsch nach einer Imagekampagne typisch deutsch und typisch Berlinerisch ist. Das verbindet Nabelschau und die Angst, vor anderen schlecht dazustehen, auf produktive Weise. Seit ich in London lebe, weiß ich, dass die Briten auch nicht so sehr in sich ruhen, dass ihnen die Meinung der anderen egal sein könnte und sie sich dank ihrer Tradition selbst genügen. Viele hier, der Premierminister vorneweg, grübeln inzwischen in aller Öffentlichkeit darüber nach, was eigentlich Britishness ist. Und es gab sogar mal vor nicht allzu langer Zeit eine Imagekampagne für London, die Weltmetropole, von der man annehmen könnte, dass sie sowas nicht braucht. „Totally London“ hieß der dazugehörige Slogan. Umso mehr Verständnis habe ich jetzt für Berlins neue Werbung. „Be Berlin“ ist völlig okay. „Total Berlin“ hätte doch ein bisschen zu sehr nach Sportpalast 1943 geklungen.

Reality Check am Ticketautomaten

Londoner verlieren im Öffentlichen Nahverkehr selten die Fassung. Eine junge Mutter aber redete sich kürzlich am Ticketautomaten im Bahnhof Walthamstow Central so in Rage, dass ihre kleine Tochter Angst bekam und anfing zu weinen. „I am not mad at you, I am mad at Public Transport“, sagte die Mutter, um ihre Tochter zu trösten. Sie wollte mit dem Kind in die Stadt, doch die Victoria Line fuhr wegen planned closure für Reparaturen mal wieder nicht. Jetzt müssten sie erst sechs Pfund für die Overground nach Liverpool Street zahlen und dann noch einmal sechs, um mit der U-Bahn weiterzukommen, klagte die Frau. 18 Euro (36 Mark, ich denke oft immer noch so) für eine Fahrt in die Innenstadt – der Londoner Nahverkehr kann das Budget einer jungen Familie schnell sprengen. Nach diesem reality check – und der aufgefrischten Erkenntnis, wie gut es uns im Nahverkehr daheim in Berlin geht – fiel mir gleich das Gejammer eines Neu-Londoners ein. Der Fußballprofi Jonathan Woodgate, der nach seinem Wechsel vom FC Middlesbrough zu Tottenham Hotspur angeblich 90000 Euro in der Woche verdient, beschwerte sich über exorbitante Hauspreise in der Hauptstadt. „I think you could buy 10 penthouses up north for the price of something down here“, sagte Woodgate. Der Arme. Dabei hat er ja Recht. Nur hätte er als Angehöriger einer schwerreichen Parallelgesellschaft, die seit Jahren die Preise in London in die Höhe treibt, doch besser die Klappe gehalten.

Auf den Hundefänger hoffen

Das Verhaltensmuster legt es nahe: Es muss ein Zugereister aus Berlin sein, dem Charlotte Ross, Kommentatorin des Londoner Evening Standard, einen Hundefänger an den Hals wünscht. Auf einen Aha-Effekt in der alten Heimat hoffend, übersetze und dokumentiere ich den Text von Charlotte Ross mit Tusch und Applaus. Die Überschrift lautet: „Ein Hundefänger würde mich glücklich machen“.
„Hündische Hygiene verpestet meine Straße. Ein Hundebesitzer, der ein paar Häuser weiter wohnt, weigert sich, den Dreck seines Köters wegzumachen. Weil besagtes Haustier vor meine Haustür scheißt, werde ich in den Fall verwickelt. Unsere Nachbarn, ein Paar mit einem Kleinkind, haben den Mann direkt darauf angesprochen, ohne Erfolg. Sie gehen nun niemals ohne kleine Plastiktüten auf den angeblich hundefreien Spielplatz. Unterdessen läuft ein Rentner, der auf der anderen Straßenseite wohnt, mit einem Eimer Sand herum, um die penetranten Hinterlassenschaften abzudecken. Das Bezirksamt reagiert langsam, obwohl es sogar auf die Adresse des Hundedreckverbreiters aufmerksam gemacht wurde. Jetzt läuft ein bezirksweiter ‚Anhörungsprozess‘ zu dem Thema. Gibt es irgendeinen guten Grund, warum der Übeltäter nicht einfach eine Geldstrafe verpasst bekommt?“
Soweit Charlotte Ross. Eine erhellende Debatte unter Zugereisten in Deutschland zum Thema Hundedreck gibt es übrigens hier (vielleicht sollte uns Berlinern das mal langsam peinlich werden, bevor die Hundescheiße für Berlin zum Klischee wird, so wie der Nebel für London). Und so sieht es ein Berlin-Besucher aus London in seinem Blog: „Dog shizer. Its fucking everywhere! Like nowhere I’ve ever seen (even East Timor!). In summer on a hot day you get these winds coming down particularly bad streets and its like a sand storm in the desert only it aint sand and it smells BAD! I’m told its coz the government give extra money to the unemployed for each dog they have so the punks usually have one or two each.“ Mehr zum Thema auch hier, hier und hier.