Peter Norton schlägt das Wetter – Ebbsfleet United siegt in Wembley

Hier ein Gastbeitrag von Mathias Klappenbach, Tagesspiegel, Sportredaktion:
Peter Norton ist einer der wichtigsten Menschen bei Heimspielen. Der wetterfeste alte Herr ist Platzwart bei Ebbsfleet United, dem Klub aus der fünften englischen Liga, der von der Internet-Community myfootballclub.com gekauft worden ist. Norton ist jeden Tag auf dem Gelände. Als auf myfootballclub.co.uk mit der Videoberichterstattung begonnen wurde, war Norton der erste, der vor der Kamera stand und seine Arbeit erklärte, das virtuell-reale Projekt bekam für die User ein Gesicht. Zur Identifikationsfigur wurde Norton, nachdem er dem Tagesspiegel gesagt hatte, dass er selbst auch einen Anteil an dem Projekt kauft und ein User den Artikel ins Englische übersetzt hatte. Eine der Folgen ist, dass sich Norton derzeit auf ihm völlig unbekanntem Terrain bewegt: In den Charts. Sein Videointerview wurde mit brasilianischer Percussion und Fußballgesängen unterlegt, herausgekommen ist ein von „Justinio“ abgemixter Dancetrack, der durchaus im Ohr bleibt. Denn Norton scheint cool zu rappen, und der Refrain „Beat the weather, never get caught in the weather“ beschäftigt jeden Tag längst nicht nur die Platzwarte dieser Welt. Der Song schaffte es in sogar in die iTunes-Dance-Charts. Von den Einnahmen soll ein Düngemittelverteiler angeschafft werden, der Norton die Arbeit erleichtert. Peter Norton hört, wenn er sich nicht um den Platz kümmert, gerne Frank Sinatra und Modern Jazz. Heute steht für Norton und Ebbsfleet noch ein ganz besonderes Auswärtsspiel an. Der Klub steht überraschend im Finale des Pokalwettbewerbs FA Trophy, im Wembley-Stadion vor mehr als 20000 Zuschauern. Dort kann das Internetprojekt auswärts seinen ersten Titel gewinnen. Ohnehin besser als Platz eins in den Charts.

Nachtrag am Nachmittag: Ebbsfleet hat Torquay United in Wembley 1:0 geschlagen. Mehr hier hinter diesem Link.

Gordon Brown ist Avram Grant

Parallelen zwischen Fußball und Politik werden oft vorschnell gezogen, doch der Vergleich zwischen Gordon Brown und Avram Grant drängt sich auf. Britanniens Premier und Chelseas Trainer sind sich sehr ähnlich – nicht nur vom bärigen, leicht unbeholfenen Erscheinungsbild her. Beide sind spät ganz nach oben gekommen. Beiden wird das Amt nicht wirklich zugetraut. Beide haben glamouröse Vorgänger – Tony Blair und José Mourinho -, gelten aber selbst als farblos. Beide sind gut gestartet und haben dann Probleme bekommen. Beide haben Visionen (Browns Britishness, Grants entertaining football), während die Fans vor allem gewinnen und die Wähler vor allem genug Geld in der Tasche haben wollen. Wenn bei Grants Team ein Gegentor fällt, singen die Zuschauer: „You don’t know what you’re doing.“ Wenn Browns Umfragewerte fallen, schreiben die Zeitungen über innerparteiliche Nachfolgedebatten. Einen Vorteil hat der Premier gegenüber dem Trainer. Grant muss die Wende bis zum Saisonende in einem Monat schaffen. Brown bleiben noch zwei Jahre, bis er eine Wahl ausrufen muss.

P.S.: Kurz nach Niederschrift dieses Posts gab Avram Grant eine grandiose Pressekonferenz, ein Meisterwerk der einsilbigen Rhetorik. Transkript zum Beispiel hier.

Arsenal geht alle an

Dass Arsenal in diesem Jahr leer ausgeht, muss alle Fußballfans traurig machen. (Ok, Spurs-Fans sind entschuldigt.) Dieser Klub geht uns alle an, er ist dem Fußball-Irrsinn auf der Insel noch nicht völlig anheimgefallen. Arsenal ist noch nicht von Tycoons oder Oligarchen übernommen worden. Arsenal kauft keine Superstars anderswo auf, sondern macht sie selbst. Arsenal hat einen intelligenten, artikulierten Trainer. Für Fans, Unterstützer und alle anderen Sympathisanten organisiert Philosophy Football am 17. April einen Arsenal-Abend mit den Autoren Simon Inglis und Jon Spurling im Offside-Pub, 271-272 City Road, London EC1. Es geht um 18.30 Uhr los. Der Eintritt ist frei, die Veranstalter bitten aber um Anmeldung unter events@philosophyfootball.com oder 0044 (0)20 88023499.

P.S. In einem irrte Arsenals Trainer Arsene Wenger. Im Tor auf den profillosen Almunia statt auf den erfahrenen Lehmann zu setzen. Da ich als Deutscher und Fan der Nationalelf da voreingenommen bin, lasse ich einen Experten von der Insel sprechen, siehe hier.

Sarkozy verbal overdressed

Gott war das eine Schleimerei von dem Sarkozy hier in London. Verbal total overdressed. Hat ohne Not das ganz große historische Rad gedreht und sich mit seiner ganzen Grande Nation vor dem Vereinigten Königreich in den Staub geworfen. „Ewige Schuld der Dankbarkeit“ für die Befreiung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg – geht’s vielleicht eine Nummer kleiner im Jahr 2008? Das hatte was von der klassischen, aber in dem Fall untauglichen, weil allzu durchschaubaren Strategie, etwas wahrhaft Großes so lange zu belobhudeln, bis etwas Glanz auf die eigene bescheidene Existenz fällt. Umso mehr gefällt mir Angela Merkels selbstsicheres, aber nicht wichtigtuerisches Auftreten im Ausland, glaubwürdig akzentuiert durch völliges Desinteresse an jeder Form von Glamour. Ich will nun jedenfalls nix mehr über höfische Knickse oder schwer kunschtige Nacktfotos von Carla Bruni-Sarkozy lesen. Zum Glück hat Frankreich, diese ansonsten wirklich große Nation, noch andere Repräsentanten. Zum Beispiel Lilian Thuram. Der Fußballer (138 Einsätze für sein Land) hat Sarkozy einst einen Rassisten genannt, als der mal eben rambohaft im Ghetto aufräumen wollte. Während sein Präsident jetzt in London rumkroch, schlug Thuram mit seinen Mannschaftskameraden England in Paris 1:0.

Be Berlin, sei Hertha

Wenn ich es nicht in eine der hier bereits genannten Londoner Oasen des deutschen Fußballs schaffe, informiere ich mich hier, hier, hier und hier über die Bundesliga. Aus letzterer Quelle ist mir jetzt ein Spielerzitat besonders aufgefallen, Jermaine Jones über sein Tor zum 2:0 für Schalke bei Hertha im Olympiastadion: „So leicht hat man es mir noch nie gemacht. Ich habe mich gewundert. Es sind alle an die Seite gegangen, anstatt mich anzugreifen.“ Ich frage mich aus der Ferne: Ist Berlin neuerdings so lieb zu seinen Gästen? Die neue Imagekampagne funktioniert.

Reality Check am Ticketautomaten

Londoner verlieren im Öffentlichen Nahverkehr selten die Fassung. Eine junge Mutter aber redete sich kürzlich am Ticketautomaten im Bahnhof Walthamstow Central so in Rage, dass ihre kleine Tochter Angst bekam und anfing zu weinen. „I am not mad at you, I am mad at Public Transport“, sagte die Mutter, um ihre Tochter zu trösten. Sie wollte mit dem Kind in die Stadt, doch die Victoria Line fuhr wegen planned closure für Reparaturen mal wieder nicht. Jetzt müssten sie erst sechs Pfund für die Overground nach Liverpool Street zahlen und dann noch einmal sechs, um mit der U-Bahn weiterzukommen, klagte die Frau. 18 Euro (36 Mark, ich denke oft immer noch so) für eine Fahrt in die Innenstadt – der Londoner Nahverkehr kann das Budget einer jungen Familie schnell sprengen. Nach diesem reality check – und der aufgefrischten Erkenntnis, wie gut es uns im Nahverkehr daheim in Berlin geht – fiel mir gleich das Gejammer eines Neu-Londoners ein. Der Fußballprofi Jonathan Woodgate, der nach seinem Wechsel vom FC Middlesbrough zu Tottenham Hotspur angeblich 90000 Euro in der Woche verdient, beschwerte sich über exorbitante Hauspreise in der Hauptstadt. „I think you could buy 10 penthouses up north for the price of something down here“, sagte Woodgate. Der Arme. Dabei hat er ja Recht. Nur hätte er als Angehöriger einer schwerreichen Parallelgesellschaft, die seit Jahren die Preise in London in die Höhe treibt, doch besser die Klappe gehalten.

England entdeckt Ballack

Der Mann von der BBC wirkte erstaunt. „Das ist übrigens schon sein fünftes Tor in dieser Saison“, sagte der Sportmoderator. Gerade hatte er Bilder von Michael Ballacks Kopfballtreffer bei Chelseas 3:0-Sieg gegen Olympiakos Piräus im Achtelfinale der Champions League gezeigt. Es scheint, als fiele den Engländern erst jetzt auf, dass der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft ein guter Fußballer ist. „Ballack gewinnt seinen Kampf gegen Heckenschützen und Skeptiker“, schreibt der Guardian. „Ballack zeigte Chelseas Fans, was man für 120000 Pfund Gehalt pro Woche geboten bekommen kann.“ Zu viel Geld für zu wenig Leistung – das war lange die Kritik an Ballack in England. Das liege auch an seinem Spielstil, fand der Guardian jetzt heraus. Damit habe er sich bei den Fans, die „mit frenetischem Premier-League-Fußball aufgewachsen sind“, nicht beliebt gemacht. „Er ist ein Flaneur, niemals in Eile, er trägt den Kopf immer oben und sucht den Raum für den nächsten Pass.“ Eine kongeniale Beschreibung der Ballackschen Kunst. Der Satz ist von bleibendem Wert – und musste deshalb wohl zwei Jahre reifen.

Mit Pickelhaube in der Wüste

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Ein putziges Relikt des WM-Irrsinns ist wieder da. Die schwarz-rot-goldene Plastikpickelhaube wird zur EM neu aufgelegt. Dass jetzt die ersten EM-Devotionalien auftauchen, erinnert mich allerdings auch an einen Notstand, der im Sommer auf die ganze deutsche Community hier in London zukommt: EM-Gucken in der Fußballwüste. Ohne England oder ein anderes Team von der britischen oder irischen Insel wird das hier sehr traurig. Das Public Viewing dürfte sich auf Oasen des deutschen/internationalen Fußballs wie Zeitgeist-Pub, Famous 3 Kings und Bavarian Beerhouse beschränken. Mit der Preußenkappe ins bayrische Bierhaus? Ich glaube, ich mache lieber rüber nach Berlin.