Englische Streitkultur – über Grobiane mittleren Alters

Ich liebe die englische Streitkultur. Zumindest die in den Medien, im Parlament und in sonstiger Öffentlichkeit. In privaten Diskussionen, face to face, ist es ja oft so, dass man als Deutscher unangenehm auffällt, wenn man den Small-Talk-Code durch allzu direkte, mit heiligem Ernst und Leidenschaft vorgetragene Beiträge bricht. Das passiert mir inzwischen nicht mehr so oft. Aber auf Papier (und im Netz) – da geht es rund in England. Ich halte die einstmals als so angelsächsisch vorbildlich gepriesenen Nachrichtenseiten der britischen Zeitungen ehrlich gesagt für übertrieben, unzulässig zugespitzt, krampfhaft personalisiert und platt. Doch die Kommentar- und Kolumnenseiten machen mir Spaß, genau wie die vielen meinungsfreudigen Essays und Aufsätze in Magazinen und Büchern. Da schonen sich selbst Freunde und gute Bekannte nicht.

Und wenn jemand in eine Sache, über die er schreibt, selbst verwickelt ist, dann ist es gute Sitte „to declare an interest“. Also: Ich vermelde beim Folgenden ein persönliches Interesse. (Und sorry, jetzt wird dieser Blog – wie zuletzt ohnehin, warum noch gleich? – doch wieder fußballlastig.) Zwei englische Bekannte von mir, mit denen ich auch bei verschiedenen Projekten zusammenarbeite, sind publizistisch in Streit geraten. Barney Ronay vom Sportteil des Guardian und vom geschätzten Fußballmagazin When Saturday Comes sieht es als Vorteil an, dass England nicht bei der EM dabei ist und hat zur Begründung ein paar harte Worte für englische Fußballfans gefunden. Im Tagesspiegel klang das (in meiner Übersetzung) so: „Engländer werden diesmal keine Plastikstühle über ansonsten verschlafene Dorfplätze schmeißen. Die reisende Armee der rotgesichtigen, halbnackten, tätowierten, falsch singenden, Bier hinunterstürzenden Grobiane mittleren Alters bleibt zu Hause. Europas Polizisten! Ihr könnt Eure Helme und Schilde wegpacken. Wir kommen nicht.“

Der Sportwissenschaftler und England-Fan Mark Perryman nennt Barney Ronay in seinem Buch „Imagined Nation. England After Britain“ (Achtung, Achtung, auch hier ein persönliches Interesse von mir) einen „po-faced commentator“ (das schöne Adjektiv „po-faced“ ist mit „grimmig“ oder „mürrisch“ nur unzureichend übersetzt, wer kann helfen?), beschuldigt ihn streng der „indulgence in the snobbish stereotyps that England fans are so well used to“ und hält dagegen: „The author, football fanzine writer Barney Ronay, had not taken the time to check the Fifa and Uefa official reports on World Cups 2002 and 2006, and Euro 2004, when England fans were singled out for their friendship, passion, and commitment.“ Englands Fans und ihr gutes Benehmen – das wäre doch einen weiteren Feldversuch in Österreich und der Schweiz wert gewesen. Schon deshalb finde ich es schade, dass England nicht dabei ist.

P.S.: Der Blogger-Kollege Sven Goldmann hat den Engländern eine Top Ten der Fußballlieder für die EM-lose Zeit zusammengestellt. Unter anderem platziert: „Losing My Religion“ von R.E.M. und „School’s Out For Summer“ von Alice Cooper (so, das war jetzt wirklich genug pro domo).

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.

5 Gedanken zu „Englische Streitkultur – über Grobiane mittleren Alters“

  1. „“po-faced? ist mit “grimmig? oder “mürrisch? nur unzureichend übersetzt, wer kann helfen?“
    Nein, alles richtig.

  2. Aber was bedeutet „po-“ in dieser Kombination? (Kein billiges Wortspiel intended, mich interessiert die wörtliche Bedeutung dieses schönen compounds „po-faced“.)

  3. Also eher so was wie „angewidert“. Entspricht finde ich auch eher dem, was Mark Perryman meint. „priggish, narrow-minded, disapproving or humourless“, wie es hinter dem von Ihnen genannten Link steht, geht ja auch eher in diese Richtung. „Mürrisch“ oder „grimmig“ sind da ja fast zu nett.

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