Trance in Walthamstow

Meine Nachbarn werden auch ruhiger. Ich höre kaum noch was von unten. Als sie einzogen, dachte ich, dass Walthamstow nun endlich zum neuen Partybezirk im East End aufsteigt. Der Umzug an einem Freitag ging in eine Indoor-Love-Parade über – mit allen Helfern, bis zum frühen Morgen. Nette Veranstaltung, aber jetzt sind die erstmal kaputt, dachte ich nach Sonnenaufgang. Doch der Umzug nahm wieder volle Kraft auf, bevor ich im Badezimmer war. Am nächsten Abend ging die Party weiter, wie auch an den beiden folgenden Frei- und Samstagen. Als dann einmal mitten in der Woche morgens der dicke Bass durch die dünne viktorianische Decke drang, klopfte ich freundlich an. Ob es denn um sieben Uhr wirklich Techno sein müsse? „Hi Markus“, sagte der ebenso freundliche und wie ich nicht mehr ganz junge Mann in der Tür. „That’s Trance, not Techno.“

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.

7 Gedanken zu „Trance in Walthamstow“

  1. Verhaltenskodex in England zum gemuetlichen Zusammenleben mit Artgenossen, betreffend Lautstaerke aus der Nachbarwohnung/dem Nachbargrundstueck:
    – Es ist absolut unueblich, sich zu beschweren. Bevor man das machen darf, muss die gesamte Nachbarschaft sich ebenso gestoert fuehlen und mindestens ein gemeinsames Treffen mit einstimmig beschlossener Beschwerde abgehalten haben.
    – Keine Polizei verstaendigen, nur bei koerperlicher Bedrohung oder Gefahr von Eigentum.
    – Ohrenstoepsel auf Vorrat kaufen und dem stoerenden Nachbar davon erzaehlen (aber niemals den Grund des Kaufens erwaehnen)

  2. Ach, wenn der Boden unter meinen Füßen bebt habe ich kein Problem damit, mich als ignoranter Ausländer zu erkennen zu geben. Gesundheit vor Anstand sozusagen.

  3. @Einwohner: In Deutschland? Da haben unsere lieben Berliner Nachbarn von oben schon am Einzugstag bei uns im Nachthemd vor der Tür gestanden, weil wir um 22.01 Uhr noch ein bisschen geschraubt haben. (Okay, es war ein elektrischer Schrauber.)
    @Einwohner: Sorry, Ihr Kommentar war zunächst im Spamfilter hängen geblieben. Bitte nicht abschrecken lassen und weiter kommentieren…
    @Ben,@Barbara: Versuche exakt den Mittelweg zwischen Gesundheit und Ortsüblichkeit/Anstand zu finden. Lässt sich vielleicht am besten mit dem wunderbaren englischen Begriff „common sense“ benennen, was ja mit „gesunder Menschenverstand“ nur halbwegs übersetzt ist.

  4. Der Originalbeitrag von Markus Hesselmann, und der geniale Kommentar von Ben: die beiden gehören in ein Schatzkästlein! Einfach herrlich!

  5. nochmal @ben: Was sieht denn der Verhaltenskodex für den Fall vor, dass man das Glück hat, nicht in einer der vielen Londoner Einflugschneisen zu wohnen, aber spätabends/frühnachts dauernd von einem Propellerflieger um den Schlaf gebracht wird, der gemütlich seine Runden am Himmel dreht?

  6. Es gibt ein Council Umweltamt, das auch fuer Umweltverschmutzung, darunter zaehlt auch Laerm, zustaendig ist. Wir haben da auch schon mal angerufen, weil sich hier Tag und Nacht immer irgendein Auto findet, dessen Alarm losgeht.

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