„Der meldet sich nicht bei mir ab“

Nach einem Jahr unter höflichen, zuvorkommenden Menschen in Großbritannien ist es manchmal schwierig, sich wieder auf maulig deutsche Kleinstbefindlichkeiten einzustellen. Hier ein ethnographisch interessantes Telefonat mit der Firma Hochtief in Essen:
Journalist: „Guten Tag, Markus Hesselmann, ich recherchiere eine Geschichte zu den Olympiavorbereitungen in London. Es heißt, Hochtief sei aus dem Bau der olympischen Schwimmhalle ausgestiegen.“
Pressesprecher: „Na da müssen Sie bei unserer Tochter Hochtief Construction anrufen (mit dem Tonfall, dass man das doch wohl hätte wissen müssen). Dr X, Durchwahl Y.“
Journalist: „Vielen Dank, wann ist denn Dr. X im Hause?“
Pressesprecher: „Der meldet sich nicht bei mir ab. Jetzt ist er jedenfalls nicht da. Ich habe hier Dutzende Anrufe jeden Tag, wann der und der kommt.“
Journalist: „Entschuldigung, dass ich frage. Aber bei uns in Berlin in der Redaktion rufen auch Leute an und fragen, wann der und der wohl erwartet wird. Und dann ist das für uns auch kein Drama.“
Pressesprecher: „Na wenn das so wichtig ist.“
(Das nun folgende nickelige Geplänkel, auch für den Journalisten kein Ruhmesblatt, erspare ich den Lesern dieser Zeilen.)
Ich frage mich, wie man „Der meldet sich nicht bei mir ab“ wohl idiomatisch korrekt ins Englische übersetzt. Vielleicht weiß „Sprachfetzen“ weiter, einer meiner deutschen Lieblingsblogs aus London und in solchen Zweifelsfragen maßgeblich…

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.

13 Gedanken zu „„Der meldet sich nicht bei mir ab““

  1. Hallo Markus,
    oha, ich koche auch nur mit Wasser 🙂 – I am no different from anybody else.
    Also ich würde sagen es heißt: „He gives me no notice of departure“. Ganz sicher bin iich mir aber nicht. Ich werd mal die Einheimischen fragen…
    Und du hast Recht, die Höflichkeit in England ist wirklich bemerkenswert.

  2. @Sprachfetzen: Na irgendwie klingt ja „abmelden“ noch deutscher, zwingender. Fast schon militärisch, jedenfalls nicht so höflich wie „give notice“. Vielleicht funtioniert irgendwas mit „sign off“ oder so. Let me know, wenn Du eine kluge, einheimische Übersetzung hast. Vielen Dank.

  3. Hmm, die Einheimischen meinen da gibt es kein wirklich korrektes Idiom. Am wahrscheinlichsten würde man auf der Insel „he doesn´t bother to tell me anything“ sagen. Oder auch, etwas sarkastischer dann: „nobody tells me anything I´m just part of the furniture“

  4. @planet:
    „I would say, he is at home, whereever this is!“
    -um das Problem Berufsfeld und privates Interesse höflich zu umfahren. Also das italienische Sprachspiel „sekretaria“ und
    „sekreteria“, also Schreibtisch oder arbeitender Mensch in eine globale Richtung zu lenken. BIP

  5. Ich bin auch manchmal überrascht, was die Freundlichkeit deutscher Pressestellen angeht. Und ich frage mich dann, ob die mit Nicht-Deutschen auch so reden. Wie patzig müssen die das wohl empfinden? Sind sich die Pressestellen-Leute darüber bewusst?

  6. Sie haben wenigstens eine Antwort erhalten. Ich erhalte in der Regel bei schriftlichen Anfragen nicht einmal eine Antwort. So etwas habe ich in England nie erlebt.

  7. @ben, @Christiane: Beeindruckend ist allerdings auch die überaus höfliche britische Informations- und Kontaktverweigerungstaktik. Ronald Reng hat das in seiner wunderbaren „Gebrauchsanweisung für London“ letztgültig beschrieben. Er hatte versucht, Vicki Oyston zu interviewen, Präsidentin des Fußballclubs Blackpool: „Sechsmal erreichte ich dieselbe Sekretärin, sechsmal war sie ungeheuer freundlich, sechsmal fragte sie mich, worum es gehe, sechsmal sagte sie zu mir ‚We call you back, wenn das in Ordnung ist?‘ und ‚Was ist Ihre Nummer bitte?‘ Ich fragte mich, ob sie vielleicht nicht mehr ganz zurechnungsfähig war. Heute bin ich mir sicher, dass sie dasselbe von mir dachte.“

  8. als Muttersprachler, habe ich den Satz sofort als „he never tells me anything“ uebersetzt, bevor ich die anderen Uebersetzungen gelesen habe. Meiner Meinung nach waere das also die natuerlichste Uebersetzung

  9. Wie waere

    „He certainly does not check out at my desk when he leaves.“

    oder eine Variation dazu ???

  10. Hmmm – als ich letzte Nacht nach Hause kam. fragte ich meine Frau (Muttersprachlerin) und sie sagte spontan ‚Clock out! He certainly does not *clock* out with me!‘ Und sie lachte sich tot. Sie hat auch schon 5 Jahre in D gelebt, und kennt diesen patzigen Ton nur zu gut.

    Das ist noch besser, finde ich. Denn ‚clock out‘ ist nun wirklich spezifisch fuer den Arbeitsplatz – und klingt zudem auch sarkastisch, weil Dr X es selbstverstanedlich gar nicht noetig haben wird, eine Karte in die Uhr zu stechen…

    Ob das jemand in England wirklich sagt? Hmmm – war der Punkt nicht, gerade die Unhoeflichkeit des Satzes auf Englisch rueberzubringen? Ganz sicher hoert man so einen Satz hier in England zumindest in diesem Zusammanhang nie, weil man jemanden einfach nie so direkt unhoeflich abfertigen wuerde. Das geht ja subtil und freundlich auch viel effizienter und mit weitaus weniger emotionalem Energieverlust [ausser natuerlich bei unerfahrenen Auslaendern, frisch vom Boot sozusagen; auch ich habe als Deutscher Jahre gebraucht, meine Sensoren entprechend umzuprogrammieren].

    Obwohl – nach etwas Reflektion -, ich koennte mir schon vorstellen, eine aehnlich patzige Abfertigung in einer nicht ganz serioesen Kleinfirma (Autowerkstatt?], oder auch beim Telefonservice einer der hiesigen Gas- und Stromanbieter zu hoeren…

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