Wenn Kollegen klauen

Wie die „Sun“ aus einem Tagesspiegel-Interview mit Jens Lehmann mal flugs einen eigenen „Exklusiv“-Bericht macht, ist hier nachzulesen. Und dass der gute alte „Guardian“ leider auch Zitate klaut, ohne Quellen zu nennen, hier. Britisch (oder irisch) fair: die Kollegen der Sender Sky und Setanta (wie auch viele andere).

The Pogues und Kirsty MacColl erst politisch korrekt, dann wieder unzensiert

Es gibt kein größeres Weihnachtslied: „Fairytale of New York“ von den Pogues und Kirsty MacColl hat alles: Melancholie, Sehnsucht, Boshaftigkeit. BBC Radio 1 wollte den Song über ein Paar, das vom großen Ruhm träumte und sich zu Weihnachten derb schimpfend näherkommt, nur noch zensiert senden. Aus dem von Kirsty MacColl gesungenen Vers „You scumbag, you maggot, you cheap lousy faggot, happy Christmas you arse I pray God it’s our last“ wurde das Wort „faggot“ herausgeschnitten. Es könne schwulenfeindlich wirken, hieß es zur Begründung. Etwas früher im Text wurde aus einer Zeile von Sänger Shane MacGowan das bös frauenfeindliche Wort „slut“ entfernt. Die Hörer rebellierten einen Tag lang. Auch die Mutter der verstorbenen Kirsty MacColl kritisierte die Entscheidung der Redaktion. Sie sagte, die beiden stellten in dem Song Charaktere dar, zu denen es nun einmal passe, so zu reden. Ein Hörer, selbst schwul, wie er in seiner Mail an die BBC schrieb, nannte die Redaktion einen „bunch of pc do-gooders“. Und siehe: Nach „careful consideration“ wurde die Entscheidung zurückgenommen.
Hier mehr lesen und den zensierten Part hören.
Hier unzensiert hören (und sehen).
Und hier noch eine andere Meinung.

Gordon Brown drückt sich um Europa

Gordon Brown, nach vielen Pannen ohnehin schon als „Mr. Bean“ der britischen Politik verspottet, unternimmt in Lissabon heute den Versuch, gleichzeitig da und nicht da zu sein. Der Premierminister fliegt nach Portugal, um den EU-Reformvertrag zu unterzeichnen, zeigt sich aber nicht mit den anderen Regierungschefs. Er kommt zu spät, verpasst die Zeremonie und unterschreibt allein, weil ihm ein innenpolitischer Auftritt wichtiger ist und Fototermine mit europäischen Politikern sein Image womöglich noch verschlechtern. Einmal mehr drückt sich der Premier um Europa. Dabei wäre eine offene Debatte um Sinn und Unsinn der EU gerade auf der Insel so wichtig. Wahrscheinlich kann tatsächlich nur ein Referendum die von Ressentiments und Medienkampagnen verpestete Luft reinigen. Die Frage kann dabei allerdings kaum noch sein, ob die Briten den EU-Vertrag unterstützen, sondern ob sie überhaupt in der EU bleiben wollen.

Der Führer als Fan

Die Chance, Adolf ins Blatt oder auf den Bildschirm zu bringen, wird in GB immer gern genutzt. Zum Beispiel jetzt gerade wieder von der „Times“, die uns – natürlich strictly aufklärerisch – mit dem angeblich neuen Internet-Phänomen des „mash-ups“ konfrontiert. Ernsthafte Filme werden durch neue Untertitel oder Synchronisierung zur Comedy. In dem Fall: „Der Untergang“. Bruno Ganz als Hitler echauffiert sich nicht über den ausbleibenden Endsieg, sondern über Tottenhams jüngste Niederlage gegen Arsenal. Rührend und in ihrer Heuchelei irgendwie typisch britisch, die Warnung im Text der Online-„Times“: This clip contains offensive language.

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Plädoyer für die Zeitung

Bill Keller, Chefredakteur der New York Times, lieferte gestern Abend in London ein leidenschaftliches Plädoyer für das Überleben der Qualitätszeitungen im Kampf mit der Internet-Konkurrenz. „Google und Wikipedia haben keine Korrespondenten in Bagdad“, sagte Keller, der beim Thinktank Chatham House die jährliche Rede zu Ehren des verstorbenen Guardian-Kolumnisten Hugo Young hielt. Verlässliche, transparente, unabhängige, professionell und aus erster Hand berichtete Information sei gerade in Zeiten eines digitalen „Medien-Tsunamis“ wichtiger denn je, sagte Keller. Vehement widersprach Keller der These des Bloggers Jeff Jarvis (BuzzMachine), nach der die Mainstream-Medien weitgehend ersetzt werden könnten durch eine selbstregulierende digitale Demokratie der Wortmeldungen, durch die Weisheit der Massen. „Blogs können um ein Thema herumschwirren und faszinierende Leckerbissen auftischen. Sie erlauben uns, einer Geschichte zu folgen, während sie sich entwickelt“, sagte Keller. „Und, jawohl, es gibt Blogger die Berichte aus erster Hand über ihre Erfahrungen an fernen Orten senden, auch aus dem Irak. Manchmal ist ihre Arbeit aufklärend und verblüffend. Doch die allermeisten Blogger versuchen noch nicht einmal zu berichten. Sie recyceln. Sie variieren Nachrichtenthemen. Das ist nicht schlecht, aber es ist bei weitem nicht genug.“
Hier Bill Kellers Rede im Wortlaut.

Rassismusdebatte um Morrissey

Die britische Presse verbrät ein NME-Interview mit Morrissey, Ex-Sänger der Smiths, und macht daraus eine Rassismusdebatte. Der „New Musical Express“, einst in allen Zweifelsfällen maßgeblich, wird zum Lieferanten der Empörungsindustrie. 

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Morrisseys Anwälte wollen gegen das Musikmagazin vorgehen, aber offenbar nicht gegen den Inhalt des im Wortlaut abgedruckten Gesprächs, sondern gegen die Zuspitzung, die Überschriften, den Text drumherum. Der Journalist, der das Interview führte, hat sich von der reißerischen Art, in der das Interview in dem Magazin erscheint, distanziert. In dem NME-Gespräch benennt Morrissey, der selbst in Italien lebt, sein Unbehagen über den Verlust der britischen Identität wegen der vielen Einwanderer. „Je größer der Zustrom nach England, umso mehr verschwindet die britische Identität“, sagt er zum Beispiel. Vom Rassismus distanziert sich der Sänger ausdrücklich, was die Massenblätter  „Mirror“ und  „Sun“ unterschlagen. Morrissey wirkt in dem Gespräch nicht fremdenfeindlich,  eher wie ein Nostalgiker, der einer versunkenen Welt nachtrauert. Und wie einer, der über seine Wortwahl nicht lange genug nachdenkt und dabei den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit riskiert. Ein Prinz Philip der Popmusik. Gordon Browns Slogan „British Jobs for British workers“ hat jedenfalls deutlich mehr fremdenfeindliches Potenzial.