Rassismusdebatte um Morrissey

Die britische Presse verbrät ein NME-Interview mit Morrissey, Ex-Sänger der Smiths, und macht daraus eine Rassismusdebatte. Der „New Musical Express“, einst in allen Zweifelsfällen maßgeblich, wird zum Lieferanten der Empörungsindustrie. 

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Morrisseys Anwälte wollen gegen das Musikmagazin vorgehen, aber offenbar nicht gegen den Inhalt des im Wortlaut abgedruckten Gesprächs, sondern gegen die Zuspitzung, die Überschriften, den Text drumherum. Der Journalist, der das Interview führte, hat sich von der reißerischen Art, in der das Interview in dem Magazin erscheint, distanziert. In dem NME-Gespräch benennt Morrissey, der selbst in Italien lebt, sein Unbehagen über den Verlust der britischen Identität wegen der vielen Einwanderer. „Je größer der Zustrom nach England, umso mehr verschwindet die britische Identität“, sagt er zum Beispiel. Vom Rassismus distanziert sich der Sänger ausdrücklich, was die Massenblätter  „Mirror“ und  „Sun“ unterschlagen. Morrissey wirkt in dem Gespräch nicht fremdenfeindlich,  eher wie ein Nostalgiker, der einer versunkenen Welt nachtrauert. Und wie einer, der über seine Wortwahl nicht lange genug nachdenkt und dabei den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit riskiert. Ein Prinz Philip der Popmusik. Gordon Browns Slogan „British Jobs for British workers“ hat jedenfalls deutlich mehr fremdenfeindliches Potenzial.

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.

7 Gedanken zu „Rassismusdebatte um Morrissey“

  1. Ich glaube zwar zu kapieren, wie Medien verkaufen. Glaube auch zu kapieren, was M. meinen könnte. Aber wieso er zu diesem Thema immer wieder die/diese Öffentlichkeit sucht – und wieso bei den Medien immer wieder das Aufsatteln auf daseiegentlich doch durchdeklinierte Thema? Ratlos. Oder steht neue CD ins Haus? Weinachts-Best-Of? Ist Italien nicht auch langweilig?

  2. Stimmt, neue CD steht an. Hätte ich erwähnen sollen. Und es ist tatsächlich eine „Best of“, allerdings noch nicht zu Weihnachten, sondern erst im kommenden Jahr. Aber sollte es wirklich so weit sein, dass Morrissey vom melancholisch-heroischen Rubber-Ring-Besinger zum CD-Händler verkommen ist?

  3. HA! Und ich dachte schon, ich wäre zynisch und desillusioniert. Danke für Zusatzinfo, Markus Hesselmann. Auf deine Frage: ich befürchte ja. Das könnte aber zynisch und desillusioniert klingen.

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