Rauchverbot funktioniert ohne Übergangszeit

Es gibt inzwischen die ersten Daten zum Rauchverbot, das in England seit dem 1. Juli gilt. Laut Department of Health haben Inspektoren von Juli bis Oktober in London rund 44000 Restaurants, Pubs, Bars und andere öffentlich zugängliche Gebäude untersucht. Bei 98,8 Prozent gab es keinerlei Hinweise auf Verstöße gegen das Rauchverbot. 85,8 Prozent waren vorschriftsmäßig brav beschildert. Das Rauchverbot hat in London sofort funktioniert (wie auch im übrigen Land). Die sonst nicht unbedingt obrigkeitsgläubigen Engländer halten sich an die sinnvolle neue Regel – sogar in der Chaosmetropole London. Wozu bitte braucht Berlin eine Übergangszeit, die nur verwirrt und Streit auslöst?

Siehe auch: Rauchverbot gefährdet Klimaschutz.

Hundedreck (2): Berliner Ausreden

Auf Heimatbesuch im Schöneberger Kiez, eine morgendliche Szene an der neuen Hundekotabwurftonne: Ein Mann im blauen Overall der Firma Wall macht sich an dem orangefarbenen Stadtmöbel zu schaffen, um den Inhalt zu entsorgen. Meine Frage: „Funktioniert das?“ Seine Antwort: „Im Moment nicht. Erst gleich wieder, wenn ich fertig bin.“ – „Ich meinte, ob die Leute das wirklich benutzen. Hier liegt doch trotzdem noch überall Hundescheiße herum“ – „Das liegt aber dann an den Hundehaltern.“ Schwierig, diesem wahren Satz noch etwas hinzuzufügen. Vielleicht diese Liste von zehn Ausreden, die wir spätestens jetzt nicht mehr hören wollen:

1. Ist doch alles Natur.
2. Anfassen ist eklig.
3. Ich zahle schließlich Hundesteuer.
4. Das geht Sie gar nix an.
5. Was macht eigentlich die BSR den ganzen Tag?
6. Tütchen vergessen.
7. Es liegt doch ganz am Rand.
8. Det is eben Berlin, wenns Ihnen hier nicht passt, ziehnse zurück nach München.
9. Sonst mach ich’s immer weg.
10. Das ist nicht mein Hund.

Siehe auch: Eilmeldung Hundedreck.

Loser-generated content – über Fitness und Jogging

Seit ich mich vor einiger Zeit bei British Military Fitness (britmilfit) blamiert habe, achte ich wieder etwas mehr darauf, einen gewissen sportlichen Level zu halten. Kieser-Training mache ich sowieso. Viel zu selten, aber das seit Jahren. Werner Kieser ist mein Guru, seit er meinen Rückenschmerz mit seinem kalten Eisen geheilt hat. Die einzige Londoner Filiale des Schweizer Bandscheibenpapstes liegt am U-Bahnhof Mornington Crescent und ist für mich ein Stück Heimat in der unübersichtlichen Weltmetropole. Außerdem laufe ich jetzt wieder mehr, oder jogge, das ist wohl eher der Begriff, rennen jedenfalls nicht. Der Lloyd’s Park in Walthamstow ist – immer noch viel zu selten – meine Arena. (Die William Morris Gallery im Lloyd’s Park empfehle ich jedem London-Besucher.) Im hinteren Teil des Parks gibt es eine schöne Rasenfläche, zwei Fußballfelder groß, typisch englisch. Manchmal glaube ich, die Engländer rücken ihre Häuschen so nah aneinander, damit viel Platz für Grünflächen bleibt. Wenn ich meine Runden drehe, beobachte ich meine Mitläufer genau. Wer zu schnell läuft, das heißt schneller ist als ich, nimmt nicht ab, weil er kein Fett verbrennt, das habe ich mal irgendwo gelesen, korrigieren Sie mich, wenn das nicht mehr der neueste Stand der Forschung ist. Wer langsamer läuft, ist halt nicht so gut wie ich. Wenn ich zehn Runden schaffe, schleppe ich mich mit letzter Kraft zwischen zwei Bäumen hindurch, die wie hingepflanzt sind als Tor für Fußball im Park. Dann werfe ich meine Arme in die Luft und rufe „Pander, 2:1“ (früher habe ich immer „Hamann, 1:0“ gerufen). Britmilfit schickt alle paar Wochen mal wieder einen Newsletter mit Anmeldeformular. Die Army will mich. Aber ich bin noch nicht bereit.

Rauchverbot gefährdet Klimaschutz

Ich bin kein militanter Nichtraucher, obwohl mich das rücksichtslose Gequarze in Berlins Kneipen und Restaurants stört. Seit ich in London lebe, der Stadt des reibungs- und übergangslos funktionierenden Rauchverbots, werde ich unleidiger (kann man ein Wort mit un- überhaupt steigern?), wenn mir beim Heimatbesuch in Berlin wieder einmal jemand vom Nachbartisch herüber seinen Teer ins Essen pustet. In London werden durch das Rauchverbot wildfremde Menschen zu Freunden beim gemeinsamen Zigarettchen auf der Straße vorm Pub. Der schöne neue Brauch gefährdet nach Ansicht der Umweltorganisation Friends of the Earth allerdings den Klimaschutz. Heizstrahler vor Kneipentüren werden künftig zehnmal mehr Treibhausgase verursachen, haben Experten vorsichtshalber schon einmal ausgerechnet. Die Umweltschützer fordern: das nächste Verbot: den Heizpilzbann.

P.S.: In keinem Zusammenhang zu dieser Meldung dürfte stehen, dass Prinz Harry jetzt versucht, das Rauchen aufzugeben. Oder steckt Vater Charles, der Ökoprinz, dahinter?

Siehe auch: Plastiktüten verbieten.

Eilmeldung Hundedreck

Was lese ich da von fern auf der Tagesspiegel-Homepage: „Der Hundedreck soll weg.“ Wie jetzt, Berlin ohne Häufchen? Nicht wirklich: Ein „Pilotprojekt“ kommt, „Dog Service Stations“, ein Jahr lang in zwei Bezirken, damit „nicht ganz so viel Hundekot“ liegen bleibt, wie es im weiteren Text schon deutlich bescheidener heißt. Warum werden stattdessen nicht einfach hohe Bußgelder für rücksichtslose Hundebesitzer eingeführt und auch verhängt, wie in zivilisierten Städten – zum Beispiel London – schon lange selbstverständlich? Und was dann doch noch liegen bleibt, macht die Stadtreinigung weg, eigentlich auch selbstverständlich. Stattdessen: Stadtmöbel. Eine echt Berlinische Lösung.

 P.S.: Viele Grüße von meinem Berliner Freund Dirk. Der sitzt im Rollstuhl und freut sich besonders, wenn er durch die Scheiße fährt. Und leider wohnt er in keinem der beiden „Pilotbezirke“.

Was Berlin London voraus hat – auch zehn Beispiele

Danke für die vielen Kommentare gleich an den ersten beiden Tagen. Hier die umgekehrte Liste, wieder zehn Beispiele:

1. Tiergarten: Eher schon ein Stadtwald als ein Park. So viel dichtes Grün ist selten in den ansonsten auch wunderschönen Londoner Parks. Berlins Central Park beeindruckt sogar überzeugte Londoner wie die Pet Shop Boys.

2. Öffnungszeiten: War da was mit Last Orders? Trotz Gesetzesänderung schließen die meisten Londoner Pubs – oder jedenfalls immer der, in dem man gerade trinkt – weiterhin um elf. Bin über jeden Tipp zu Spät-Pubs dankbar. Aber auch viele Geschäfte sind zeitig zu, entgegen dem Mythos der Weltmetropole. Berlin holt jedenfalls auch bei den Läden auf, die Kneipen machen ohnehin alle Londoner neidisch.

3. Die BVG (jawohl!): Hier ein paar offizielle Gründe für verspätete oder liegen gebliebene U-Bahnen in London: faulty communications equipment, shortage of staff, late arrival of staff, faulty track, signal failure, late finishing of engineering work, overrunning engineering work, power failure, points failure, vandalism, faulty platform equipment. Und was heißt Schienenersatzverkehr auf Englisch?

4. Cafés: Der Begriff steht auf der Insel immer noch meistens für „greasy spoons„. Zum Kaffee oder Tee gibt’s in dieser gastronomischen Kategorie Spiegeleier mit Speck und gebackene Bohnen in Tomatensauce. Kaffeehauskultur setzt der Londoner mit Starbuck’s oder Costa gleich.

5. Flughafen Tegel: Wenn ich um 7.30 Uhr von Stansted nach Tegel fliege, muss ich früher aufstehen als beim Rückflug um 6.15 Uhr.

6. Eishockey: Wir wollen die Eisbären sehen, bald in der neuen Halle! London hat zwar schon so eine Halle, aber keine Eisbären.

7. Günstige Mieten: Unsere Londoner Wohnung liegt draußen in Walthamstow und ist um ein Drittel kleiner als unsere wunderbar zentrale Schöneberger Altbauwohnung – die nur die Hälfte kostet.

8. Weniger Regeln: Dem britischen Klischee nach ist in Deutschland alles verboten. In Wirklichkeit ist in Berlin viel mehr erlaubt als hier. Der Londoner scheint sich wohlzufühlen, wenn man ihn mit Schildern umstellt, mit Geldstrafen bedroht und mit Durchsagen beschallt. Achtung, Achtung! Ein paar Schilder gegen Hundedreck täten Berlin allerdings gut.

9. Weniger Gruppendynamik: Wer je in eine Hen- oder Stag-Night geriet und zwanghaft angefeiert wurde, weiß, wovon hier die Rede ist: quasimilitärisches Komasaufen. Wenn britische Kollegen fragen, wo ihre lieben Kleinen bei ihrem nächsten Berlintrip am besten und günstigsten Party machen können, empfehle ich Kneipen weit weg von Schöneberg.

10. Wasser: Zu Berlins und Brandenburgs Seen nichts Vergleichbares.

Was London Berlin voraus hat – zehn Beispiele

Hallo, ich bin der neue Blogger und fange jetzt an. London vergleicht sich gern mit New York. Und umgekehrt: Unlängst stand mal im „New York„-Magazin, dass London aufholt, wenn nicht sogar überholt. Ein Thema, das der Londoner „Evening Standard“ gern aufnahm. Aber was ist mit Berlin? Briten lieben Berlin, sie kommen gern zu Besuch und vor allem junge Briten ziehen in die deutsche Hauptstadt. Ich bin vor einem guten halben Jahr in die andere Richtung gegangen, um als London-Korrespondent für den Tagesspiegel zu arbeiten. In meiner Zeit hier bisher habe ich gemerkt, dass London Berlin doch vieles voraus hat. Hier kommen zehn Beispiele. 

1. Spannende Skyline: City, Canary Wharf, Battersea Power Station, St. Paul’s, New Wembley. Da kann kein Alexander- und kein Potsdamer Platz gegen an, kein Funk- und kein Fernsehturm, kein Dom und kein Europazentrum. 

2. Höfliche Menschen: Ein London-Trip samt teilnehmender Beobachtung („excuse me“, „sorry“) ist die Empfehlung für Muffel-, Schnauz- und Nörgel-Berliner.

 3. Multikulti (Entschuldigung, aber es gibt kein anderes Wort): Südafrikaner, West Indies, Kosovo-Albaner, Iren, Pakistani, Inder, Russen, Polen, Briten – alle wohnen sie in meiner ruhigen, kleinen Straße mitten im Kiez nördlich vom East End.

4. Vernünftige Hundefreunde: Vom Rentner bis zum Punk – Londoner machen den Dreck ihrer vierbeinigen Freunde sofort weg. Es bleibt kaum mal was liegen. Rätselhaft, warum das in Berlin nicht funktioniert. Hinter diesem Link ein paar Anregungen.

5. Das Umland: Gegen Brighton, Cambridge oder Henley haben es KW, Oranienburg oder Strausberg schwer. Okay, Potsdam hält mit.

6. Fußball: Arsenal, Chelsea, Fulham, Tottenham, West Ham – Hertha. 5:1 für London bei den Erstligaklubs.

7. Tate Modern: Nichts gegen Berlins wunderbare Museen und Galerien, aber diese Industriekathedrale, der modernen Kunst geweiht, ist unschlagbar.

8. Thames Path: Da will Berlin hin. Ein Flussufer der Flaneure – im gesamten Stadtgebiet und darüber hinaus.

9. Pop: Keiner der ganz Großen lässt London je aus. Prince füllte den Millennium Dome 21 Nächte lang. Wie man hört, hat der kleine König aus Minneapolis aber auch schon in Berlin angefragt.

10. Asiatische Restaurants: Große Küchenkunst jenseits von Hühnchen süß/sauer.

Nächste Folge: Was Berlin London voraus hat.