Affäre Cole im Indischen Ozean

Englands Fußball ist überall (außer in Österreich und der Schweiz diesen Sommer). Im Urlaub auf den Seychellen erfreute mich jetzt der vertraute Anblick bunter Lampard- und Gerrard-Trikots. Getragen von Einheimischen, englische Touristen sind auf den zwar einst zum Empire gehörenden, heute aber paradiesisch pub- und clubarmen Inseln nicht allzu viele anzutreffen. Auch Cheryl Cole, Ehefrau des englischen Fußballnationalspielers Ashley Cole, findet die Seychellen langweilig. „Mrs. Cole was quoted as saying that the Seychelles was the most boring place she has ever been to“, schreibt die seychellische Zeitung „The Rising Sun“. Cheryl Cole, die als Sängerin bei „Girls Aloud“ und als Spielerfrau gleich in zwei britischen Glamourkategorien punktet – girl group und wags -, hatte auf den Seychellen ihre Flitterwochen mit Ashley verbracht, bevor dessen außereheliche Engagements jetzt zu britischem Medienirrsinn und zum Zerwürfnis des Paares führten sowie die Langeweile der „Rising Sun“-Leser vertrieben.

In Pod We Trust

Faszinierend, wenn man nach und nach die Möglichkeiten digitaler Kleingeräte entdeckt. Ich habe seit einem Jahr einen iPod. Unter dem Menüpunkt „Playlists“ fiel mir jetzt auf, dass dieser winzige, aber in weiten Teilen noch geheimnisvolle Apparat stiekum eine „Top 25“ meiner meistgehörten Lieder führt. Endlich kenne ich meine Lieblingslieder! Das erinnert an die BBC-Sendung „Desert Island Discs“, in der Prominente acht Musikstücke nennen, die sie mit auf eine einsame Insel nehmen würden. Da zeigt der Publizist und Germanen-Hasser A.A. Gill („Hunforgiven“) einen soft spot für deutsche Kultur und packt „99 Luftballons“ ein. George Michael hat das Berlin-Lied „Going To A Town“ von Rufus Wainwright dabei. Und Konservativen-Chef David Cameron mag nicht ohne Dylan auf die Insel. Wer erliegt da nicht der Versuchung, „Desert Island Discs“ für sich durchzuspielen? Ich würde mich dabei natürlich gern mit Schwerintellektuellem („Desolation Row“) oder Superhippem (Burial, Bishi) schmücken. Aber das funktioniert nicht mehr, seit mein iPod für mich sprach. Das Gerät ermittelte folgende Einsame-Insel-Top-Eight: 1. Eroc: Wolkenreise und Tim Hardin: Hang On To A Dream (je 36 mal gehört), 3. The Wedding Present: Everyone Thinks He Looks Daft (35), 4. Tuxedomoon: Crash, 5. Art Brut: St. Pauli (31), 6. Talking Heads: Cities (31), 7. Human League: The Things That Dreams Are Made Of (29), 8. Neil Young: Thrasher (28).
Eroc Wolkenreise Mehr Musik hier.

Die größten Football Songs

Winterpause? Gibt’s nicht auf der Insel. Da wird der deutsche Fußballfan neidisch. Um die Zeit bis zum Rückrundenstart der Bundesliga zu überbrücken, hier was zum Hören und Schauen: Die größten englischsprachigen Fußball-Songs (wirklich die größten, mit heiligem Ernst, nicht die lustigsten, schlechtesten oder sonstwie trashigsten, deshalb fehlen hier Gazzas „Fog on the Tyne“, Kevin Keegans „Head over Heels“ oder „Diamond Lights“ by Hoddle and Waddle). So viele wirklich gute Songs zum Thema gibt es offenbar nicht, deshalb kommt nur eine Top Six dabei heraus. Zu „England’s Irie“ von Black Grape (mit Joe Strummer selig und Keith Allen, Lilys Vater) habe ich kein File gefunden, sonst wäre das Lied auch noch dabei. Bin natürlich für weitere Forschungsergebnisse dankbar.
1. Lightning Seeds & David Baddiel/Frank Skinner: Three Lions
2. New Order: World in Motion
3. James: Goal Goal Goal
4. The Fall: Kicker Conspiracy
5. Morrissey: Munich Air Disaster 1958
6. Genesis: Match Of The Day

Erhebendes und Enttäuschendes zum Jahreswechsel

Das Jahr ist zu Ende und ich bin nun fast ein Jahr auf der Insel. Zeit, über viel Erhebendes und wenig Enttäuschendes nachzudenken.
Erhebend ist …
… mit Menschen aus allen Himmels- und Glaubensrichtungen in London zu leben und sich darüber zu freuen, dass diese ganz besondere Millionenstadt trotz aller Probleme so modellhaft friedlich funktioniert.
… dem einstigen Hassprediger Ian Paisley und dem früheren IRA-Terroristen Martin McGuinness beim gemeinsamen Regieren in Nordirland zuzuschauen. Und allen Freunden, Kollegen und Lesern eine Reise in dieses wunderschöne, spannende, kleine Land zu empfehlen.
… Großbritanniens meinungsfreudige, hintergründige, gedankenvolle Politmagazine „New Statesman“ und „Spectator“ zu lesen, während der Rest der britischen Presse unter dem leidet, was der „New Statesman“ so nennt: „a hysteria in the media that appears to have lost all ability to look beyond the day-to-day“.
… den BBC-Reporter Alan Johnston nach seiner Freilassung aus palästinensischer Gefangenschaft als bescheidenen, nachdenklichen, in keinem Moment rachsüchtigen Menschen zu erleben und sich zu vergewissern, dass dank Journalisten wie ihm längst nicht die ganze BBC zum Boulevardsender verkommen ist.
… Kunst von Georg Baselitz, Carsten Höller, Doris Salcedo, Jamie Reid, Thomas Schütte und vielen anderen zu sehen.
Enttäuschend ist …
… sich vom „New Musical Express“ jede Woche einen neuen Hype aus fadem Britpop-Geschrammel aufschwatzen zu lassen.
… den Tod der englischen Fußballkultur aus dem Geiste des Kommerzialismus bezeugen zu müssen.
… erkennen zu müssen, dass das vielgelobte, in Deutschland als vorbildlich geltende britische Fernsehen zu einem großen Teil Witze-, Quiz-, Reality-, Soap-, Lifestyle- und Personality-Programme sendet, die BBC leider inbegriffen.

Frohes Fest – die besten Christmas Songs

1. The Pogues and Kirsty MacColl: Fairytale of New York
2. Run DMC: Christmas in Hollis
3. Wham: Last Christmas
4. David Bowie & Bing Crosby: Peace on Earth/Little Drummer Boy
5. The Pretenders: 2000 Miles
6. Randy Newman: Christmas in Capetown
7. John Lennon: Happy Xmas (War is over)
8. Paul McCartney: Wonderful Christmas Time
9. Greg Lake: I Believe In Father Christmas
10. Chris Rea: Driving Home for Christmas

David Bowie Bing Crosby Weihnachten Christmas Peace on Earth Little Drummer Boy

British jobs for British workers

Ich hatte mich schon gewundert, dass da nichts mehr kam. Nun kommt doch noch was. Im „Guardian“ erzählt Charles Clarke, ein früherer Labour-Minister, vom Ärger in der Partei über Gordon Browns Spruch von den „Britsh jobs for British workers“. Über diese populistische Einlassung regten sich viele Labour-Abgeordnete auf, sagt Clarke, aber keiner traue sich, etwas laut zu sagen, weil dies als illoyal gegenüber dem ohnehin angeschlagenen Premierminister ausgelegt werden könnte. Heute wurde Brown auf seiner letzten Downing-Street-Pressekonferenz vor Weihnachten mit der Kritik konfrontiert. Er werde sich dafür auf keinen Fall entschuldigen sagte Brown. Gemeint habe er, dass arbeitslose Briten ermuntert und in die Lage versetzt werden müssten, offene Stellen anzunehmen. Machen wir mit dem Brown-Spruch den Laibach-Test: Das slowenische Künstlerkollektiv Laibach nimmt in seinen Werken Slogans und Songtexte aus dem Zusammenhang und macht sie ehrlicher. Oft reicht schon die Übersetzung ins Deutsche, „One flesh, one bone, one true religion, one race, one hope, one real decision“, eine Zeile aus einem Song von Queen, klingt in Laibachs Version so: „Ein Fleisch, ein Blut, ein wahrer Glaube, eine Rasse und ein Traum, ein starker Wille.“ Wie würde demnach wohl „Deutsche Arbeitsplätze für deutsche Arbeiter“ klingen? Irgendwie ungut, egal wie man das dann hinterher wieder einzuordnen versucht.

The Pogues und Kirsty MacColl erst politisch korrekt, dann wieder unzensiert

Es gibt kein größeres Weihnachtslied: „Fairytale of New York“ von den Pogues und Kirsty MacColl hat alles: Melancholie, Sehnsucht, Boshaftigkeit. BBC Radio 1 wollte den Song über ein Paar, das vom großen Ruhm träumte und sich zu Weihnachten derb schimpfend näherkommt, nur noch zensiert senden. Aus dem von Kirsty MacColl gesungenen Vers „You scumbag, you maggot, you cheap lousy faggot, happy Christmas you arse I pray God it’s our last“ wurde das Wort „faggot“ herausgeschnitten. Es könne schwulenfeindlich wirken, hieß es zur Begründung. Etwas früher im Text wurde aus einer Zeile von Sänger Shane MacGowan das bös frauenfeindliche Wort „slut“ entfernt. Die Hörer rebellierten einen Tag lang. Auch die Mutter der verstorbenen Kirsty MacColl kritisierte die Entscheidung der Redaktion. Sie sagte, die beiden stellten in dem Song Charaktere dar, zu denen es nun einmal passe, so zu reden. Ein Hörer, selbst schwul, wie er in seiner Mail an die BBC schrieb, nannte die Redaktion einen „bunch of pc do-gooders“. Und siehe: Nach „careful consideration“ wurde die Entscheidung zurückgenommen.
Hier mehr lesen und den zensierten Part hören.
Hier unzensiert hören (und sehen).
Und hier noch eine andere Meinung.

Verkanntes Meisterwerk: The Human League bringen „Dare“ auf die Bühne

„Was hörst du denn da für eine Achtzigermucke?“, fragt der Freund mit dem ansonsten vertrauenswürdigen Musikgeschmack. Here we agree to disagree. „Dare“ von The Human League gehört nicht in die Kategorien Eighties-Revival oder Peinliche Lieblingsstücke aus meiner verflossenen Jugend. Sonst müsste ich ja auch immer noch Simple Minds und, was weiß ich, Blancmange oder China Crisis hören. „Dare“ bekommt ohne Weiteres einen Platz in meiner Top Ten der besten Alben aller Zeiten. Es führte Stile zusammen und schuf daraus Neues. Geboren aus dem Geist des britischen Punk und seiner Do-it-yourself-Haltung verband das Album von 1981 Abba mit Kraftwerk, skandinavisch-kontinentale Popsongs mit teutonischem Synthesizerbeat. The Human League haben Elektropop und DJ-Kultur von Depeche Mode bis Paul van Dyk beeinflusst. Jetzt bringt Sänger Phil Oakey „Dare“ wieder auf die Bühne – von „The Things That Dreams Are Made Of“ bis „Don’t You Want Me“. Leider gibt es in Deutschland nur ein „Dare“-Konzert, am 17. Dezember in Köln. Das Konzert im Hammersmith Apollo hier in London war wunderbar und bewies, dass Oakey obendrein noch ein großer Live-Performer ist. Aus Menschmaschinen werden sehr menschliche Maschinen.

Wem das alles trotzdem noch zu nostalgisch klingt, der klickt und hört hier.

Led Zeppelin – heiße Luft rauslassen

Kann mir jemand kurz die Aufregung um Led Zeppelin erklären? Millionen von Menschen haben sich um die 20000 Plätze beim Konzert im Londoner Millennium Dome am Montagabend beworben. „Reunion des Jahrzehnts“ schreiben die Zeitungen. Waren das nicht schon die Spice Girls? Das Gitarrengefummel von Jimmy Page und die Gesangsglanzparaden von Robert Plant – ist das nicht eher Sport als Musik? Jeder Ton schreit: Mann, sind wir gut, den hier können nur wir. Like Punk never happened.

Gute neue Musik gibt es hier.