England entdeckt Ballack

Der Mann von der BBC wirkte erstaunt. „Das ist übrigens schon sein fünftes Tor in dieser Saison“, sagte der Sportmoderator. Gerade hatte er Bilder von Michael Ballacks Kopfballtreffer bei Chelseas 3:0-Sieg gegen Olympiakos Piräus im Achtelfinale der Champions League gezeigt. Es scheint, als fiele den Engländern erst jetzt auf, dass der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft ein guter Fußballer ist. „Ballack gewinnt seinen Kampf gegen Heckenschützen und Skeptiker“, schreibt der Guardian. „Ballack zeigte Chelseas Fans, was man für 120000 Pfund Gehalt pro Woche geboten bekommen kann.“ Zu viel Geld für zu wenig Leistung – das war lange die Kritik an Ballack in England. Das liege auch an seinem Spielstil, fand der Guardian jetzt heraus. Damit habe er sich bei den Fans, die „mit frenetischem Premier-League-Fußball aufgewachsen sind“, nicht beliebt gemacht. „Er ist ein Flaneur, niemals in Eile, er trägt den Kopf immer oben und sucht den Raum für den nächsten Pass.“ Eine kongeniale Beschreibung der Ballackschen Kunst. Der Satz ist von bleibendem Wert – und musste deshalb wohl zwei Jahre reifen.

Unvermessene short list

Briten lieben Listen, Nominierungen, Preisverleihungen. Long lists, short lists, and the winner is … Es gibt den Bingo Caller of the Year und schon bald endlich auch wieder den Sports Interviewer of the Year (neben dem Sports Diarist of the Year und dem Sports Feature Writer of the Year). Aber manche Nominierungslisten sind tatsächlich spannend. Der wunderbare Blog Love German Books bringt mich zum Beispiel auf die aktuelle short list für den Independent Foreign Fiction Prize. Da ist Daniel Kehlmanns „Measuring the World“ nominiert – und hat den Sieg auf jeden Fall verdient.

Britannien bebt

Es muss dann doch eine verheerende Naturkatastrophe gewesen sein. Ich gebe zu: Ich habe sie verschlafen. Obwohl ich im Norden Londons wohne, entging mir die Heimsuchung biblischen Ausmaßes, die in der Nacht zum Mittwoch vom Epizentrum in den Midlands aus auch die britische Hauptstadt erschütterte. Ein Erdbeben auf der Insel! Da bröckeln die Kamine, da kippeln die Kärtchen vom Valentine’s Day, da gerät der Gartenzwerg in Wallung: 5,2 auf der Richterskala, aber mindestens 9,8 auf der Medienerregungsskala. Die BBC widmete große Teile ihrer Ten O’Clock News aufgeregt gestikulierenden Vorortreportern, endlosen Augenzeugenberichten und ambitioniert animierten Grafiken mit aneinanderrumpelnden, sich gegenseitig zerbröselnden Kontinentalplatten. Ein tektonisches Massaker, das heute früh dann auch die Presse genussvoll aufarbeitete (Beispiele hier oder hier). Die beste Überschrift aber erschien schon gestern Abend. Sie entstammt „thelondonpaper“, Teil jener publizistischen Umweltverschmutzung (neben dem ebenfalls kostenlosen Konkurrenzblatt „London Lite“), die Londons U-Bahn-Waggons jeden Abend in Altpapiercontainer verwandelt: „Capital escapes chaos as quake hits Britain.“ Uff. Wir sind noch einmal davongekommen.

Das Auschwitz-Zitat des Tory-Chefs

Wie Zitate in britischen Medien, auch in seriösen, verdreht und zugespitzt werden, ist erstaunlich. Noch mehr beeindruckt mich, dass sich offenbar nie ein Leser darüber beschwert. „Gesagt“ wird hier ohnehin nie was, jeder Satz eines Politikers oder Fußballers oder die Reaktion darauf ist „jibe“, „quip“, „gaffe“, „outrage“, „blast“, „fury“, „backlash“ oder „fire“. Unter Feuer geriet nun David Cameron. Zeitungen vom Guardian bis zur Sun berichten, dass der konservative Oppositionsführer kritisiert werde, weil er regierungsgesponserte Schülerfahrten nach Auschwitz als „Gimmicks“ bezeichnet habe. Was hat Cameron wirklich gesagt? Er hat kritisiert, es sei ein „Gimmick“, erst solche Fahrten groß anzukündigen und sie dann nicht vernünftig zu finanzieren, so dass die Schüler und ihre Eltern immer noch selbst Geld aufbringen müssen. Klingt irgendwie anders als die hyperventilierenden Überschriften. (Camerons Rede ist hier nachzulesen.)

Affäre Cole im Indischen Ozean

Englands Fußball ist überall (außer in Österreich und der Schweiz diesen Sommer). Im Urlaub auf den Seychellen erfreute mich jetzt der vertraute Anblick bunter Lampard- und Gerrard-Trikots. Getragen von Einheimischen, englische Touristen sind auf den zwar einst zum Empire gehörenden, heute aber paradiesisch pub- und clubarmen Inseln nicht allzu viele anzutreffen. Auch Cheryl Cole, Ehefrau des englischen Fußballnationalspielers Ashley Cole, findet die Seychellen langweilig. „Mrs. Cole was quoted as saying that the Seychelles was the most boring place she has ever been to“, schreibt die seychellische Zeitung „The Rising Sun“. Cheryl Cole, die als Sängerin bei „Girls Aloud“ und als Spielerfrau gleich in zwei britischen Glamourkategorien punktet – girl group und wags -, hatte auf den Seychellen ihre Flitterwochen mit Ashley verbracht, bevor dessen außereheliche Engagements jetzt zu britischem Medienirrsinn und zum Zerwürfnis des Paares führten sowie die Langeweile der „Rising Sun“-Leser vertrieben.

In Pod We Trust

Faszinierend, wenn man nach und nach die Möglichkeiten digitaler Kleingeräte entdeckt. Ich habe seit einem Jahr einen iPod. Unter dem Menüpunkt „Playlists“ fiel mir jetzt auf, dass dieser winzige, aber in weiten Teilen noch geheimnisvolle Apparat stiekum eine „Top 25“ meiner meistgehörten Lieder führt. Endlich kenne ich meine Lieblingslieder! Das erinnert an die BBC-Sendung „Desert Island Discs“, in der Prominente acht Musikstücke nennen, die sie mit auf eine einsame Insel nehmen würden. Da zeigt der Publizist und Germanen-Hasser A.A. Gill („Hunforgiven“) einen soft spot für deutsche Kultur und packt „99 Luftballons“ ein. George Michael hat das Berlin-Lied „Going To A Town“ von Rufus Wainwright dabei. Und Konservativen-Chef David Cameron mag nicht ohne Dylan auf die Insel. Wer erliegt da nicht der Versuchung, „Desert Island Discs“ für sich durchzuspielen? Ich würde mich dabei natürlich gern mit Schwerintellektuellem („Desolation Row“) oder Superhippem (Burial, Bishi) schmücken. Aber das funktioniert nicht mehr, seit mein iPod für mich sprach. Das Gerät ermittelte folgende Einsame-Insel-Top-Eight: 1. Eroc: Wolkenreise und Tim Hardin: Hang On To A Dream (je 36 mal gehört), 3. The Wedding Present: Everyone Thinks He Looks Daft (35), 4. Tuxedomoon: Crash, 5. Art Brut: St. Pauli (31), 6. Talking Heads: Cities (31), 7. Human League: The Things That Dreams Are Made Of (29), 8. Neil Young: Thrasher (28).
Eroc Wolkenreise Mehr Musik hier.

Bye bye Jürgen the German

Zuletzt brachten ihn die Dichter und Ausdenker der englischen Presse noch mit Newcastle United „in Verbindung“. Nach Englands Nationalelf, Chelsea und Liverpool war Jürgen Klinsmann nun nach ebenso gleichlautenden wie jeweils exklusiv recherchierten Informationen so ziemlich aller britischen Blätter beim Tabellenelften „ein Bewerber“ (wahlweise: „im Rennen“) . Jetzt sind’s die Bayern, Gottseidank, sonst hätte sich unser WM-Held sicher noch bei Dagenham & Redbridge, Scunthorpe United oder Macclesfield Town beworben. Londons „Evening Standard“ jedenfalls macht selbst aus Klinsmanns Münchner Deal noch ein Dramolett: „Mourinho brüskiert, Bayern holen sich Klinsmann.“

Was Sie nie über Sarkozy wissen wollten

Ein Schwenk auf den Kontinent: Die Sonnenbrillen-Bilder von Nicolas Sarkozy und Carla Bruni erinnern an Woody Allens „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten“, die Episode mit den Italienern, die nur in der Öffentlichkeit können. Halb belustigt, halb beeindruckt bezeichnet das britische Privatfernsehen übrigens Brunis bisheriges Liebesleben (Clapton, Jagger) als „selbst für französische Verhältnisse vielfältig“.

Fahrrad-Faschos auf der Insel

Mit dem Begriff des „Fahrrad-Faschos“ benennt Roger Boyes, Berlin-Korrespondent der „Times“, Tagesspiegel-Kolumnist sowie Autor der Bücher „My dear Krauts“ und „How to be a Kraut“ eine Stadtspezies, die ich bis vor kurzem für typisch deutsch hielt. Ein anderer „Times“-Mann, Matthew Parris, geißelte jetzt die Rücksichtslosigkeit und Selbstgerechtigkeit der ebenso lycra-umhüllten und hartplastik-behelmten britischen Artgenossen des deutschen Fahrrad-Faschos. In seiner Kolumne forderte Parris dazu auf, Klavierdrähte über Straßen zu spannen, um Radfahrer zu köpfen. Das kam nicht gut an. Laut BBC gab es eine „cycling fury“ samt Beschwerden beim hiesigen Presserat. Parris entschuldigte sich, er habe nur einen Witz machen wollen. Humorlosigkeit? Fahrrad-Faschismus? Beschwerdekultur? Is Britain the new Germany?

Erhebendes und Enttäuschendes zum Jahreswechsel

Das Jahr ist zu Ende und ich bin nun fast ein Jahr auf der Insel. Zeit, über viel Erhebendes und wenig Enttäuschendes nachzudenken.
Erhebend ist …
… mit Menschen aus allen Himmels- und Glaubensrichtungen in London zu leben und sich darüber zu freuen, dass diese ganz besondere Millionenstadt trotz aller Probleme so modellhaft friedlich funktioniert.
… dem einstigen Hassprediger Ian Paisley und dem früheren IRA-Terroristen Martin McGuinness beim gemeinsamen Regieren in Nordirland zuzuschauen. Und allen Freunden, Kollegen und Lesern eine Reise in dieses wunderschöne, spannende, kleine Land zu empfehlen.
… Großbritanniens meinungsfreudige, hintergründige, gedankenvolle Politmagazine „New Statesman“ und „Spectator“ zu lesen, während der Rest der britischen Presse unter dem leidet, was der „New Statesman“ so nennt: „a hysteria in the media that appears to have lost all ability to look beyond the day-to-day“.
… den BBC-Reporter Alan Johnston nach seiner Freilassung aus palästinensischer Gefangenschaft als bescheidenen, nachdenklichen, in keinem Moment rachsüchtigen Menschen zu erleben und sich zu vergewissern, dass dank Journalisten wie ihm längst nicht die ganze BBC zum Boulevardsender verkommen ist.
… Kunst von Georg Baselitz, Carsten Höller, Doris Salcedo, Jamie Reid, Thomas Schütte und vielen anderen zu sehen.
Enttäuschend ist …
… sich vom „New Musical Express“ jede Woche einen neuen Hype aus fadem Britpop-Geschrammel aufschwatzen zu lassen.
… den Tod der englischen Fußballkultur aus dem Geiste des Kommerzialismus bezeugen zu müssen.
… erkennen zu müssen, dass das vielgelobte, in Deutschland als vorbildlich geltende britische Fernsehen zu einem großen Teil Witze-, Quiz-, Reality-, Soap-, Lifestyle- und Personality-Programme sendet, die BBC leider inbegriffen.