Der Star ist der Klang: krautrock supergroup Harmonia in London

Wenn deutsche Bands zum ersten Mal auf der Insel auftreten, dann meist im Pub vor einer Handvoll Betrunkener. Harmonia füllen bei ihrem UK-Debüt spielend die Queen Elizabeth Hall. Okay, sie sind keine Neulinge, sondern alte Helden. Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius spielten zusammen bei Cluster, Michael Rother war eine Hälfte des Duos Neu!. Sein damaliger Partner Klaus Dinger starb traurigerweise in diesen Tagen. Harmonia gelten in Großbritannien als krautrock supergroup. War der Begriff „Krautrock“ einst despektierlich gemeint, so ist er längst ein Gütesiegel. Can, Neu! und Kraftwerk werden als Väter von Punk, New Wave und Elektropop gefeiert. Unmengen britischer Bands nennen Krautrocker als ihre Helden. Von den Sex Pistols über New Order bis zu Franz Ferdinand. Für Brian Eno war Harmonia die wichtigste Band der Welt. So wichtig, dass er eine Zeitlang selbst beitrat. Bei der Reunion ist Eno jetzt nicht dabei. Auf der Bühne stehen drei freundliche ältere Herren hinter Tischen. Drei Arbeiter an ihren Klangwerkbänken. Vor ihnen allerlei digitales Gerät. Dazu Rothers E-Gitarre und ein Keyboard für Roedelius. Hinter ihnen eine Leinwand, die unter anderem Bilder der Band aus den Siebzigern zeigt und nahelegt, was für einen Aufwand sie damals mit ihren analogen Maschinenparks betreiben mussten. Der Star ist der Klang. Und der ist brillant, hier und jetzt, kein bisschen nostalgisch. Ambienttüfteleien wechseln sich ab und mischen sich mit treibenden Beats. Aus einem dichten, vielschichtigen Gewebe schälen sich verblüffende, neuartige Sounds, mal schneidend, mal scheppernd, mal zirpend. Eine Materialsammlung für die Samplingstars künftiger Generationen. Ruhige Phasen steigern die Spannung für impulsivere Stücke. Wenn Michael Rother zu seinem Instrument greift, kommt jedes Mal Vorfreude auf. Der Mann spielt die kosmischste E-Gitarre zwischen Merkur und Pluto. Auf einer Reise in unendlich klingende Weiten.
(Weitere Konzerttermine siehe hier.)

Trance in Walthamstow

Meine Nachbarn werden auch ruhiger. Ich höre kaum noch was von unten. Als sie einzogen, dachte ich, dass Walthamstow nun endlich zum neuen Partybezirk im East End aufsteigt. Der Umzug an einem Freitag ging in eine Indoor-Love-Parade über – mit allen Helfern, bis zum frühen Morgen. Nette Veranstaltung, aber jetzt sind die erstmal kaputt, dachte ich nach Sonnenaufgang. Doch der Umzug nahm wieder volle Kraft auf, bevor ich im Badezimmer war. Am nächsten Abend ging die Party weiter, wie auch an den beiden folgenden Frei- und Samstagen. Als dann einmal mitten in der Woche morgens der dicke Bass durch die dünne viktorianische Decke drang, klopfte ich freundlich an. Ob es denn um sieben Uhr wirklich Techno sein müsse? „Hi Markus“, sagte der ebenso freundliche und wie ich nicht mehr ganz junge Mann in der Tür. „That’s Trance, not Techno.“

Rehaugen-Soul, oder: Duffy statt Duffy

Warum sind die Sängerinnen Duffy und Adele eigentlich so angesagt? „Tolle Stimmen“, „harte Arbeit“ – geht es darum wirklich im Pop? Geht es da nicht vielmehr um tolle Ideen und harte Haltung? Britischen Rehaugen-Soul brauche ich nicht. What does it add? Da höre ich lieber gleich Aretha Franklin, oder noch besser: Billie Holiday.
Und den Namen Duffy verbinde ich mit Stephen Duffy und seinen grandiosen, leicht verqueren, britischen Songs.
Stephen Duffy Lilac Time Tin Tin Duran Duran
(Das heißt nicht, dass es auf der Insel keine tolle neue Musik gibt, vgl. hier.)

The Greatest Guitar Riff of all Time

Wie alle Briten liebt die BBC Listen und Superlative. Jetzt gab es „The Greatest Guitar Riff of all Time“. And the winner is, schockschwer: „Smoke On The Water“. Immerhin kommen dann Nirvana („Smells Like Team Spirit“) und Aerosmith („Walk This Way“, leider ohne Run DMC). Hier die ganze Liste. In dieser Liste hier steht Deep Purple auch auf Platz eins, hier aber Guns N‘ Roses. Bombastrock rules, not ok! Folgend deshalb schnell meine kleine Riff-Top-Ten: 1. The Undertones: Teenage Kicks, 2. Pink Floyd: Interstellar Overdrive, 3. Chic: Good Times, 4. Joy Division: Love Will Tear Us Apart, 5. Prince: Kiss, 6. Ramones: Blitzkrieg Bop, 7. The Smiths: How Soon Is Now, 8. Talking Heads: Psycho Killer, 9. The White Stripes: Seven Nation Army, 10. Dead Kennedys: California Über Alles.
Und hier zur Erbauung noch die Top Ten der – leider völlig unterschätzten – krautigen Riffs: 1. Ton Steine Scherben: Wenn die Nacht am tiefsten, 2. Fehlfarben: Grauschleier, 3. Kolossale Jugend: Party, 4. Neu!: Hallogallo, 5. Einstürzende Neubauten: Kalte Sterne, 6. Ton Steine Scherben: Verboten, 7. Tocotronic: Der Achte Ozean, 8. Grauzone: Eisbär, 9. Trio: Los Paul, 10. Sportfreunde Stiller: Ich Roque.
Außer Konkurrenz: Big Black: The Model (ein Kraftwerk-Riff! Hier deutlich besser als bei Rammstein.)

Klaus Dinger ist tot

Als Mitgründer von Kraftwerk, Neu! und La Düsseldorf hat Klaus Dinger den Krautrock und den elektronischen Pop entscheidend beeinflusst. Der Schlagzeuger starb überraschend am 21. März im Alter von 61 Jahren, wie seine Londoner Plattenfirma Grönland mitteilt. Bei dem Label, das Herbert Grönemeyer gehört, hatte Dinger mit dem Gitarristen Michael Rother unlängst die drei Alben des Duos Neu! aus den Siebzigern wieder herausgebracht. „Ein kompromissloser Musiker, eine herausfordernde Persönlichkeit, ein inspirierender Mensch und einer der einflussreichsten Schlagzeuger ist gestorben“, sagt Grönlands Direktor René Renner und zitiert den Musiker und Produzenten Brian Eno: „Es gab drei großartige Beats in den Siebzigerjahren: Fela Kutis Afrobeat, James Browns Funk und Klaus Dingers Neu!-Beat.“
Mehr über Neu! und ihren Einfluss auf der Insel hier. Eine Londoner Würdigung hier.

Manchmal auch The Jam und Billy Bragg, aber größtenteils die Smiths

Dürfen Konservative einen guten Musikgeschmack haben? Die Smiths hören oder Billy Bragg? Und dann auch noch darüber reden? Auf der Insel ist eine Debatte um die politische Deutungshoheit im Pop entbrannt. Der linksliberale Guardian berichtet mit Abscheu und Empörung („Hands off our music!“) vom Versuch des Konservativenführers David Cameron, sich wie einst Morrissey, Marr und die anderen vor dem Salford Lads Club in Manchester fotografieren zu lassen. Ich hatte hier kürzlich schon auf den rebellenkompatiblen Musikgeschmack des Tory-Toffs Cameron hingewiesen. Er bekennt sich nicht nur zu Bob Dylan oder Billy Bragg, sondern sogar zum Thatcher-Hasser Paul Weller und The Jam. Deshalb gilt er als maßgeblicher Repräsentant der neuen 40-plus-Nomenklatura in Großbritannien, „The Jam Generation“. Den Begriff prägte Anne McElvoy, Kolumnistin beim Evening Standard und auch nicht gerade links. Mich überrascht das alles nicht wirklich. Bei meiner Pop-Sozialisation half mein Schulfreund Thomas mit. Er kiffte wie Cameron und spielte mir Joy Division oder die Dead Kennedys vor. Außerdem war er Mitglied der Jungen Union. Kanzlerkandidat wurde Thomas nicht, aber immerhin ein angesehener Geschäftsmann.

Big in Germany: Les Humphries und die anderen

Les Humphries ist tot (Nachruf hier). Er war einer aus der Reihe britischer Musiker, die im Motherland of Pop nicht weiter kamen und deshalb Big in Germany wurden. Roger Whittaker ist noch so einer, er sang dann ja sogar auf Deutsch. Oder Chris de Burgh, oder Barclay James Harvest. Robbie Williams droht ein ähnliches Schicksal. Und David Hasselhoff war auch mal Big In Germany. Er ist zwar kein Brite, aber insofern für das deutsch-britische Verhältnis wichtig, als sich auf der Insel hartnäckig der Glaube hält, alle Deutschen seien Hasselhoff-Fans. Schließlich habe Hasselhoff die Berliner Mauer mit dem Absingen von „I’ve been looking for freedom“ zum Einsturz gebracht (hier dokumentiert, O Schreck, bei der You-Tube-Durchsicht fällt mir auf: Der Mann hat auch Deutsch gesungen). Unsere Rache für solche Exporte: Boney M. Zu Frank Farians Attacke auf angelsächsische Geschmacksnerven hatte allerdings auch wieder Les Humphries beigetragen. Liz Mitchell von Boney M. hat zuvor bei den Les Humphries Singers geübt.

The Jam Generation

Dass Pop in GB wichtiger ist als anderswo, beweist aufs Neue der Begriff „Jam Generation“. In Deutschland steht ein Auto für eine maßgebliche Altersgruppe (Generation Golf), in Großbritannien eine Band.
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Die Jam Generation, benannt nach Paul Wellers Band, fasst die Generation Anfang 40 zusammen, darunter einige junge Politiker, die jetzt an die Macht drängen: Oppositionsführer David Cameron von den Tories, Liberalen-Chef Nick Clegg oder Außenminister David Miliband, Labours Hoffnungsträger.
Ich dränge zwar nicht an die Macht, bin aber auch lieber Jam als Golf – und kann sogar entsprechende Inititiationserlebnisse anführen: meine ersten Reisen nach England in den frühen Achtzigern, als The Jam in den Charts waren. Das Town Twinning, die Städtepartnerschaft zwischen meiner idyllischen Heimatstadt Oberhausen und dem ebenso pittoresken Middlesbrough, erlaubte mir damals zwei Besuche in Nordengland. Hier der Erfahrungsbericht mit Jam-Bezug, Ausschnitt eines Essays, der bald in einem Sammelband über englische Identität erscheint („Imagined Nation. England after Britain“, herausgegeben von Mark Perryman):

„England was the land of football, ‘Das Mutterland des Fußballs’ as the Germans say, avoiding the more familiar term ‘ Vaterland’ (Fatherland) in this particular case. But for me, England was also the motherland of pop. When Manuel, the Spanish waiter in Fawlty Towers, says: ‘I speak English well, I learned it from a book’, then I add: ‘and I learned it from pop songs.’ I taped them from the radio on my cassette player – one of my favourite stations being British Forces Broadcasting Service – and tried to make sense of the lyrics even before I went to grammar school at the age of ten to learn proper English. And I wrote down the titles in the idiosyncratic Pop Pidgin spelling that I and my cousin Michael had developed. ‘Stand by me’ became ‘Stan Barney’. For every English word, there is still a song I remember. Whenever ‘Holidays’ are mentioned I can only think of the Sex Pistols track ‘Holidays in the Sun’ while Johnny Rotten snarls his way through the lyrics in my head.
Now I was there, finally. And what a paradise it was! The mothers of the families we stayed with knew as much about the pop charts as their kids. At the same time, my parents at home listened to instrumental muzak by the likes of James Last or Richard Clayderman. I was particularly fond of Madness in those days. It impressed me that their singer Suggs was as much into football as he was into singing. The songs from the British charts from those days are still in my head: of course the likes of The Jam’s ‘Going Underground’, but also ‘Turning Japanese’ by an obscure band called The Vapors, who everybody else has forgotten except me, or even more bizarrely ‘Together we are Beautiful’ by one hit wonder Fern Kinney.“

Vielleicht wäre „The Madness Generation“ am Ende doch passender?