Nicht übersetzt, aber gut (2): Ein großes Werk über den Holocaust

Martin Gilbert Holocaust Jewish Tragedy World War Zweiter Weltkrieg Shoa Auschwitz Hitler Nazis Juden
Auf Bulgarisch und Mazedonisch liegt es vor, aber nicht auf Deutsch: Im Gegensatz zu anderen Büchern des britischen Historikers und Churchill-Biographen Martin Gilbert (zuletzt: „Sie waren die Boys“) wurde sein monumentales Werk „The Holocaust“ unerklärlicherweise nie ins Deutsche übersetzt. Es erschien 1986 und gab schon damals den Opfern eine Stimme, zwei Jahrzehnte vor Saul Friedländers auch in Deutschland gefeiertem „Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Vernichtung 1939 – 1945“. Vielleicht findet sich ja doch noch ein deutscher Verlag, der das Versäumte nachholt. (Erste Folge „Nicht übersetzt, aber gut“ hier.)

Muslime gründen anti-extremistischen Thinktank

Wie wichtig diese neue Initiative ist, zeigt sich gerade wieder im Woolwich Crown Court. Acht britische Muslime müssen sich vor dem Londoner Gericht derzeit verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, geplant zu haben, sieben Flugzeuge mit Hunderten von Passagieren über dem Atlantik zu sprengen. Das Gedankengut solcher Leute kennen Rashad Ali, Ed Husain, Dawud Masieh und Maajid Nawaz aus eigener Erfahrung. „Wir haben selbst mitbekommen, wie extremistische Gruppen denken und handeln“, sagt Rashad Ali. Alle vier waren Mitglied des britischen Zweigs der in Deutschland verbotenen Hizb ut-Tahrir (Partei der Befreiung) und haben sich von deren panislamischer Ideologie losgesagt. Ende April stellen die vier britischen Muslime ihre neue Organisation vor: die Quilliam Foundation, einen „Thinktank gegen Extremismus“, wie es in ihrer Selbstbeschreibung heißt.

Schon der Name ist Programm: Die Stiftung wurde benannt nach Abdullah William Quilliam, einem Engländer, der zum Islam konvertierte. Der Sohn eines Fabrikanten wurde 1856 in Liverpool geboren und christlich erzogen. Als Reisender in Nordafrika trat er zum Islam über. In Liverpool gründete er 1889 Großbritanniens erste Moschee und widmete sich karitativen und wissenschaftlichen Aufgaben – immer im Dialog mit Angehörigen anderer Religionen.

Der neue Thinktank soll an diese Tradition des Austauschs anknüpfen. Er erforscht und bekämpft den politisierten Islam, der nur eine Wahrheit kennt und als Sinn- und Identitätsstifter eine große Faszination vor allem auf junge britische Muslime ausübt. In seinem Buch „The Islamist“ beschreibt Ed Husain, Jahrgang 1975, seine eigene Politisierung auch als Abgrenzung gegen eine Elterngeneration, die einem spirituellen, unpolitischen Islam anhing. Geradezu rührend ist die Szene, in der sein Vater ihn erstmals mit einem Palästinensertuch sieht. „Was ist das?“, fragt der Vater. Der Sohn erklärt, dass er damit die Palästinenser unterstütze und dass „Bruder Falik“ auch so ein Tuch trage. „Was hilft es den Palästinensern, wenn man so ein Tuch trägt?“, fragt der Vater. „Und wer ist Bruder Falik?“ Jener „Bruder“ war ein Mitschüler, der Ed Husain in die radikalisierte Szene der Ost-Londoner Moschee einführte. Von da war der Weg zu Hizb ut-Tahrir nicht allzu weit.

Rashad Alis Erfahrung war ähnlich, doch wie seine drei Kollegen bekam er die Kurve. „Ich bin immer noch ein gläubiger Muslim, aber ich konnte an den politisierten Islam nicht mehr glauben.“ Je mehr er las, umso mehr erkannte er, dass sich die politische Radikalität mit den Lehren des Islam nicht vertrage. „Ich muss heute sagen: Die Alten hatten recht.“ Das heißt nicht, dass die Ziele der Quilliam-Stiftung unpolitisch wären. Die neue Organisation versteht sich als „Kampagnen-Gruppe“, die einen „westlichen Islam“ wiederbeleben will, „unser andalusisches Erbe aus Pluralismus und Respekt“, mit dem Ziel einer „Harmonie“ zwischen dem Westen und dem Islam.

Dabei helfen soll eine Reihe prominenter Berater. Zum Beispiel Paddy Ashdown, der frühere Chef der britischen Liberaldemokraten und frühere Sondergesandte für Bosnien-Herzegowina. Oder der Historiker und Publizist Timothy Garton Ash. „Diese Diskussion geht alle an“, sagt Rashad Ali. „Deshalb sollte sich auch jeder an dieser Diskussion beteiligen können.“ Die Stiftung finanziert sich aus Spenden. Doch die Initiatoren schauen sich ihre Geldgeber genau an. „Wir wollen niemanden, der mit seiner Spende eine Agenda in eine bestimmte politische Richtung betreibt.“

Fritz Sterns deutsche Botschaft

Fritz Stern war jetzt in der deutschen Botschaft in London. Der deutsch-amerikanische Historiker, der unlängst seine Erinnerungen „Fünf Deutschland und ein Leben“ veröffentlicht hatte, sprach über ein sechstes Deutschland, eines, das er nach eigener Aussage nicht kennt. Das klingt kokett, denn natürlich weiß der Deutschlandexperte Stern auch über das 19. Jahrhundert und das Kaiserreich alles, wenn auch in dem Fall nicht aus eigenem Erleben. Der 82-jährige Stern sprach über den fehlenden Bürgersinn und die Autoritätsgläubigkeit in jenem zweiten Reich, worin Gründe liegen, die zu den Schrecken des dritten Reichs führten, die auch Fritz Stern zur Flucht zwangen. Stern sprach aber auch über Deutsche, die diese Fehlentwicklungen früh erkannten und kritisierten. Nietzsche zum Beispiel, der den reichsdeutschen Nationalismus verabscheute und einen großen Sieg wie den von 1871 für gefährlich hielt. Oder Theodor Mommsen, der gegen den Zeitgeist liberal war und den vor allem mit England, dem Mutterland der bürgerlichen Freiheit, vieles verband. Ich habe mich beim Zuhören gefragt, warum diese spezielle deutsche Linie den Deutschen selbst so wenig bewusst ist. In der Schule habe ich jedenfalls darüber wenig gelernt. Nichts zum Beispiel über Robert Blum, den radikalen Liberalen der 48er-Revolution. Der Begriff „liberal“ gilt bei uns, meist mit der Vorsilbe „neo-“ versehen, ja eher als Schimpfwort. Warum lesen wir Marx in der Schule, aber nicht Hayek? „Der Weg zur Knechtschaft“ ist ein Buch, das alle derzeit mal wieder sozialismusbesoffenen Deutschen zur Hand nehmen sollten. (Und hier gibt es ein Interview mit Fritz Stern.)

Be Berlin und Totally London

Bevor ich nach London gezogen bin, habe ich gedacht, dass der Wunsch nach einer Imagekampagne typisch deutsch und typisch Berlinerisch ist. Das verbindet Nabelschau und die Angst, vor anderen schlecht dazustehen, auf produktive Weise. Seit ich in London lebe, weiß ich, dass die Briten auch nicht so sehr in sich ruhen, dass ihnen die Meinung der anderen egal sein könnte und sie sich dank ihrer Tradition selbst genügen. Viele hier, der Premierminister vorneweg, grübeln inzwischen in aller Öffentlichkeit darüber nach, was eigentlich Britishness ist. Und es gab sogar mal vor nicht allzu langer Zeit eine Imagekampagne für London, die Weltmetropole, von der man annehmen könnte, dass sie sowas nicht braucht. „Totally London“ hieß der dazugehörige Slogan. Umso mehr Verständnis habe ich jetzt für Berlins neue Werbung. „Be Berlin“ ist völlig okay. „Total Berlin“ hätte doch ein bisschen zu sehr nach Sportpalast 1943 geklungen.

Big in Germany: Les Humphries und die anderen

Les Humphries ist tot (Nachruf hier). Er war einer aus der Reihe britischer Musiker, die im Motherland of Pop nicht weiter kamen und deshalb Big in Germany wurden. Roger Whittaker ist noch so einer, er sang dann ja sogar auf Deutsch. Oder Chris de Burgh, oder Barclay James Harvest. Robbie Williams droht ein ähnliches Schicksal. Und David Hasselhoff war auch mal Big In Germany. Er ist zwar kein Brite, aber insofern für das deutsch-britische Verhältnis wichtig, als sich auf der Insel hartnäckig der Glaube hält, alle Deutschen seien Hasselhoff-Fans. Schließlich habe Hasselhoff die Berliner Mauer mit dem Absingen von „I’ve been looking for freedom“ zum Einsturz gebracht (hier dokumentiert, O Schreck, bei der You-Tube-Durchsicht fällt mir auf: Der Mann hat auch Deutsch gesungen). Unsere Rache für solche Exporte: Boney M. Zu Frank Farians Attacke auf angelsächsische Geschmacksnerven hatte allerdings auch wieder Les Humphries beigetragen. Liz Mitchell von Boney M. hat zuvor bei den Les Humphries Singers geübt.

Das Auschwitz-Zitat des Tory-Chefs

Wie Zitate in britischen Medien, auch in seriösen, verdreht und zugespitzt werden, ist erstaunlich. Noch mehr beeindruckt mich, dass sich offenbar nie ein Leser darüber beschwert. „Gesagt“ wird hier ohnehin nie was, jeder Satz eines Politikers oder Fußballers oder die Reaktion darauf ist „jibe“, „quip“, „gaffe“, „outrage“, „blast“, „fury“, „backlash“ oder „fire“. Unter Feuer geriet nun David Cameron. Zeitungen vom Guardian bis zur Sun berichten, dass der konservative Oppositionsführer kritisiert werde, weil er regierungsgesponserte Schülerfahrten nach Auschwitz als „Gimmicks“ bezeichnet habe. Was hat Cameron wirklich gesagt? Er hat kritisiert, es sei ein „Gimmick“, erst solche Fahrten groß anzukündigen und sie dann nicht vernünftig zu finanzieren, so dass die Schüler und ihre Eltern immer noch selbst Geld aufbringen müssen. Klingt irgendwie anders als die hyperventilierenden Überschriften. (Camerons Rede ist hier nachzulesen.)

Nicht übersetzt, aber gut (1): Ein Hitler-Imitator auf dem Wege zu sich selbst

41clbyzbxml_ss500_.jpg
Ich möchte hier ab und zu Bücher empfehlen, die nur auf Englisch erschienen sind. Inzwischen lesen ja viele Deutsche ihre angelsächsischen Lieblingsautoren im Original. Los geht es mit dem britischen Lieblingsthema: The Führer. Der Stand-Up-Comedian Mark Watson setzt ein Projekt von John Cleese fort (Fawlty Towers, „Don’t mention the war“ und all das). Watson karikiert in seinem Roman „A Light-Hearted Look At Murder“ die Fixierung der Briten auf die Nazizeit. Held des Buchs ist ein Hitler-Imitator auf dem Wege zu sich selbst. Der deutsche Cambridge-Student Andreas erarbeitet sich im Partyeinsatz als Führer-Doppelgänger gutes Geld und die Liebe einer faszinierenden Frau. Das führt zu allerlei Verwicklungen, Identitätskrisen und in historische Abgründe, die den Helden von seiner Familie daheim in Berlin entfremden und ihn sogar ins Gefängnis bringen. Die Szenen aus einem von Neonazis durchsetzten Post-Mauerfall- Berlin sind etwas klischeeartig geraten, aber Spaß macht das Buch auf jeden Fall.

Ereignistipps London -> Berlin

Ich bin auf dem Weg in den Urlaub. In zwei Wochen wird weiter gebloggt. Bis dahin! Und bis hierhin vielen Dank. Hier noch zwei Ereignistipps mit Londonern in Berlin:

„Faceless“: Die österreichische Künstlerin Manu Luksch, die in London und Wien lebt, hat einen Spielfilm produziert, der ausschließlich aus Aufnahmen britischer Überwachungskameras besteht – Aufnahmen von der Künstlerin selbst, die sie bei Behörden und Unternehmen über die Jahre angefordert und zu dem Film zusammengeschnitten hat. Bei der Transmediale im Haus der Kulturen der Welt präsentiert Manu Luksch ihren Science Fiction „Faceless“ am 1. Februar.

„Sie waren die Boys“: Der jüdische Sportler und Trainer Paul Yogi Mayer ist 1938 vor den Nazis von Berlin nach London geflohen. Dort betreute er nach dem Krieg die „Boys“, junge, jüdische Waisen, die den Holocaust überlebt hatten und in England aufgenommen worden waren. Deren Geschichte hat der britische Historiker Martin Gilbert aufgeschrieben. Jetzt kommt der 95-jährige Paul Yogi Mayer nach Berlin und Potsdam, um das „Boys“-Buch vorzustellen: am 23. Januar um 11 Uhr im Centrum Judaicum in Berlin und am 24. Januar um 19 Uhr in der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam. Die Schriftstellerin Pieke Biermann ist jeweils Mayers Gesprächspartnerin.

Prinz Harry von Sachsen

„Yes, you can mention the war“, schreibt der „Evening Standard“ zur Restaurierung des Connaught-Hotels in London. Und: „Waffenstillstand im Connaught … 89 Jahre später.“ Was geht da Historisches vor? Das Hotel hieß früher Coburg, nach Queen Victorias Gatten Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Doch im Ersten Weltkrieg waren deutsche Namen nicht mehr so angesagt. The Coburg wurde The Connaught. Die ganze Royal Family benannte sich auch gleich von Sachsen in Windsor um. Als vorsichtige Annäherung an die Feinde von gestern soll zumindest die Bar des Connaught jetzt wieder Coburg heißen. „Expect a surge of bookings from Herrs and Frauleins“, scherzt der „Evening Standard“. Versöhnungspolitisch sollten wir aber hier nicht Halt machen. „We are all friends now, eh?“, wusste schon Basil Fawlty. Eine ähnliche, ebenso britisch pragmatische Lösung wie beim Hotel ist auch für die königliche Familie überfällig. Das Haupthaus bleibt Windsor, die Bar benennt sich um: Die Prinzen Wilhelm und Heinrich von Sachsen-Coburg und Gotha setzen die alte Linie fort.

Endlich wieder Dambusters

Eine Stimme aus einer fremden seltsamen Welt:

EDITOR – I write with regard to recent damage caused to the Dambusters memorial by vandals in Woodhall Spa. I was an airman myself between 1978 and 1989 and managed to reach the giddy heights in the rank of Corporal. I did see a lot of the world including the Falkland Islands. Yes you guessed it, let’s bring back national service or catch the ‚thickos‘ and use them as a human shield for all the under paid and under equipped lads fighting in various parts of the world today. Better still make a paper model of a monument that they have defaced and paint it in dayglow orange, place it on their heads and position them in the full view on the left flank as a diversion for the opposing forces to laugh at. I am sure the odd misdirected bullet from a considerate soldier would alter their opinion about life and the loss of it, plus give them an insight into the real sacrifices made by men, many young, all brave and true. Let’s hope all of them didn’t give away their most precious gift of life for ‚thickos‘. John Cummins, Horncastle

Bei diesem lieb gemeinten kleinen Gefühlsausbruch in Leserbriefform, gefunden in einer Lokalzeitung, geht es um das hier (ok, sicher auch nicht nett). Bald steht dann endlich ein neuer Dambusters-Film an. Der von 1954 reicht nicht.