Gordon Brown drückt sich um Europa

Gordon Brown, nach vielen Pannen ohnehin schon als „Mr. Bean“ der britischen Politik verspottet, unternimmt in Lissabon heute den Versuch, gleichzeitig da und nicht da zu sein. Der Premierminister fliegt nach Portugal, um den EU-Reformvertrag zu unterzeichnen, zeigt sich aber nicht mit den anderen Regierungschefs. Er kommt zu spät, verpasst die Zeremonie und unterschreibt allein, weil ihm ein innenpolitischer Auftritt wichtiger ist und Fototermine mit europäischen Politikern sein Image womöglich noch verschlechtern. Einmal mehr drückt sich der Premier um Europa. Dabei wäre eine offene Debatte um Sinn und Unsinn der EU gerade auf der Insel so wichtig. Wahrscheinlich kann tatsächlich nur ein Referendum die von Ressentiments und Medienkampagnen verpestete Luft reinigen. Die Frage kann dabei allerdings kaum noch sein, ob die Briten den EU-Vertrag unterstützen, sondern ob sie überhaupt in der EU bleiben wollen.

Der Führer als Fan

Die Chance, Adolf ins Blatt oder auf den Bildschirm zu bringen, wird in GB immer gern genutzt. Zum Beispiel jetzt gerade wieder von der „Times“, die uns – natürlich strictly aufklärerisch – mit dem angeblich neuen Internet-Phänomen des „mash-ups“ konfrontiert. Ernsthafte Filme werden durch neue Untertitel oder Synchronisierung zur Comedy. In dem Fall: „Der Untergang“. Bruno Ganz als Hitler echauffiert sich nicht über den ausbleibenden Endsieg, sondern über Tottenhams jüngste Niederlage gegen Arsenal. Rührend und in ihrer Heuchelei irgendwie typisch britisch, die Warnung im Text der Online-„Times“: This clip contains offensive language.

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Led Zeppelin – heiße Luft rauslassen

Kann mir jemand kurz die Aufregung um Led Zeppelin erklären? Millionen von Menschen haben sich um die 20000 Plätze beim Konzert im Londoner Millennium Dome am Montagabend beworben. „Reunion des Jahrzehnts“ schreiben die Zeitungen. Waren das nicht schon die Spice Girls? Das Gitarrengefummel von Jimmy Page und die Gesangsglanzparaden von Robert Plant – ist das nicht eher Sport als Musik? Jeder Ton schreit: Mann, sind wir gut, den hier können nur wir. Like Punk never happened.

Gute neue Musik gibt es hier.

Rauchverbot funktioniert ohne Übergangszeit

Es gibt inzwischen die ersten Daten zum Rauchverbot, das in England seit dem 1. Juli gilt. Laut Department of Health haben Inspektoren von Juli bis Oktober in London rund 44000 Restaurants, Pubs, Bars und andere öffentlich zugängliche Gebäude untersucht. Bei 98,8 Prozent gab es keinerlei Hinweise auf Verstöße gegen das Rauchverbot. 85,8 Prozent waren vorschriftsmäßig brav beschildert. Das Rauchverbot hat in London sofort funktioniert (wie auch im übrigen Land). Die sonst nicht unbedingt obrigkeitsgläubigen Engländer halten sich an die sinnvolle neue Regel – sogar in der Chaosmetropole London. Wozu bitte braucht Berlin eine Übergangszeit, die nur verwirrt und Streit auslöst?

Siehe auch: Rauchverbot gefährdet Klimaschutz.

Hundedreck (2): Berliner Ausreden

Auf Heimatbesuch im Schöneberger Kiez, eine morgendliche Szene an der neuen Hundekotabwurftonne: Ein Mann im blauen Overall der Firma Wall macht sich an dem orangefarbenen Stadtmöbel zu schaffen, um den Inhalt zu entsorgen. Meine Frage: „Funktioniert das?“ Seine Antwort: „Im Moment nicht. Erst gleich wieder, wenn ich fertig bin.“ – „Ich meinte, ob die Leute das wirklich benutzen. Hier liegt doch trotzdem noch überall Hundescheiße herum“ – „Das liegt aber dann an den Hundehaltern.“ Schwierig, diesem wahren Satz noch etwas hinzuzufügen. Vielleicht diese Liste von zehn Ausreden, die wir spätestens jetzt nicht mehr hören wollen:

1. Ist doch alles Natur.
2. Anfassen ist eklig.
3. Ich zahle schließlich Hundesteuer.
4. Das geht Sie gar nix an.
5. Was macht eigentlich die BSR den ganzen Tag?
6. Tütchen vergessen.
7. Es liegt doch ganz am Rand.
8. Det is eben Berlin, wenns Ihnen hier nicht passt, ziehnse zurück nach München.
9. Sonst mach ich’s immer weg.
10. Das ist nicht mein Hund.

Siehe auch: Eilmeldung Hundedreck.

Crazy Germans in Football’s Home – ein Buchtipp

Dass die Engländer uns Deutsche neuerdings ganz doll lieb haben und für unsere Fußballkultur schwärmen, das liegt an ihren guten Erfahrungen mit deutscher Gastfreundschaft bei der WM 2006. Haben wir bislang geglaubt. In Wirklichkeit aber hatten Pioniere schon Vorarbeit geleistet. Die erste Liebe zur deutschen Fankultur keimte bei Engländern nicht in Nürnberg oder auf Schalke, sondern in Brentford oder in Ipswich. Im Kapitel „Verrückte Deutsche in der Stadt“ seines neuen Buchs „Football’s Home. Geschichten vom englischen Fußball“ beschreibt Carsten Germann die England-Reisen einer Gruppe Fans von Fortuna Düsseldorf und vom FC St. Pauli. footballshome.jpg
„Crazy Germans in Town“, hieß es  im Beitrag eines lokalen Radiosenders zum Besuch der Deutschen bei Ipswich Towns FA-Cup-Spiel gegen Portsmouth. Im Stadion applaudierte dann der ganze Ipswich-Fanblock der bunten, lauten Truppe aus Deutschland, sonst eher das Feindbild – wegen zweier Weltkriege und ebensovieler Elfmeterschießen. „Dieser Besuch hat eindeutig bei einigen Engländern dazu beigetragen, über deutsche Stereotypen nachzudenken“, meinte ein englischer Fan. Die Deutschen sahen die Angelegenheit eher unpädagogisch: „Wir wollten nicht den Friedensbotschafter markieren, sondern einfach eine Party-Tour von Fans für Fans machen.“ Germanns Buch gibt den Fans viel Raum – und verschweigt auch nicht das Hooligan-Problem. „Football’s Home“ erschöpft sich aber nicht in Fan-Geschichten, sondern bietet Analysen und Anekdoten über Spieler, Trainer und Klubchefs. Das englische Trauma Elfmeterschießen  arbeitet Germann in einem eigenen Kapitel auf. Hier blieb mit der WM 2006 für die Engländer alles beim Alten. Zum zweiten Mal hintereinander scheiterten sie im Viertelfinale eines großen Turniers nach Elfmetern am selben Team – den Portugiesen, den „neuen Deutschen“, wie Germann sie nennt.

Loser-generated content – über Fitness und Jogging

Seit ich mich vor einiger Zeit bei British Military Fitness (britmilfit) blamiert habe, achte ich wieder etwas mehr darauf, einen gewissen sportlichen Level zu halten. Kieser-Training mache ich sowieso. Viel zu selten, aber das seit Jahren. Werner Kieser ist mein Guru, seit er meinen Rückenschmerz mit seinem kalten Eisen geheilt hat. Die einzige Londoner Filiale des Schweizer Bandscheibenpapstes liegt am U-Bahnhof Mornington Crescent und ist für mich ein Stück Heimat in der unübersichtlichen Weltmetropole. Außerdem laufe ich jetzt wieder mehr, oder jogge, das ist wohl eher der Begriff, rennen jedenfalls nicht. Der Lloyd’s Park in Walthamstow ist – immer noch viel zu selten – meine Arena. (Die William Morris Gallery im Lloyd’s Park empfehle ich jedem London-Besucher.) Im hinteren Teil des Parks gibt es eine schöne Rasenfläche, zwei Fußballfelder groß, typisch englisch. Manchmal glaube ich, die Engländer rücken ihre Häuschen so nah aneinander, damit viel Platz für Grünflächen bleibt. Wenn ich meine Runden drehe, beobachte ich meine Mitläufer genau. Wer zu schnell läuft, das heißt schneller ist als ich, nimmt nicht ab, weil er kein Fett verbrennt, das habe ich mal irgendwo gelesen, korrigieren Sie mich, wenn das nicht mehr der neueste Stand der Forschung ist. Wer langsamer läuft, ist halt nicht so gut wie ich. Wenn ich zehn Runden schaffe, schleppe ich mich mit letzter Kraft zwischen zwei Bäumen hindurch, die wie hingepflanzt sind als Tor für Fußball im Park. Dann werfe ich meine Arme in die Luft und rufe „Pander, 2:1“ (früher habe ich immer „Hamann, 1:0“ gerufen). Britmilfit schickt alle paar Wochen mal wieder einen Newsletter mit Anmeldeformular. Die Army will mich. Aber ich bin noch nicht bereit.

Ein neuer Name für Mohammed den Maulwurf

Der britische Kinderbuchautor Kes Gray verschiebt die Neuauflage seines Buchs „Who’s Poorly Too“, weil dort ein Maulwurf namens Mohammed vorkommt. „Ich habe ja keine Ahnung gehabt, dass dies eine sensible Angelegenheit ist, bis zu dem Fall im Sudan“, sagte Gray laut Times Online. „Als ich die Nachrichten schaute, dachte ich, o je, ich habe da einen Maulwurf, der Mohammed heißt. Das ist nicht gut.“ Gray sagte weiter, er habe Mohammed eigentlich für einen harmlosen Jungennamen gehalten und mit seinem Buch Kinder über Kulturgrenzen hinweg ansprechen wollen. Das Bilderbuch hat sich 40 000 mal verkauft seit seinem ersten Erscheinen 1999. Beschwerden gab es bislang keine und die britischen Muslime haben sich in dem sudanesischen Fall sofort mit ihrer Landsmännin Gillian Gibbons solidarisiert , als die Lehrerin in Khartum eine Woche im Gefängnis sitzen musste, weil ihre sudanesischen Schüler einen Teddybären Mohammed genannt hatten. Trotzdem heißt der Maulwurf ab sofort Morgan.

Vergleiche auch: Adam the Muslim Prayer Bear.

Rauchverbot gefährdet Klimaschutz

Ich bin kein militanter Nichtraucher, obwohl mich das rücksichtslose Gequarze in Berlins Kneipen und Restaurants stört. Seit ich in London lebe, der Stadt des reibungs- und übergangslos funktionierenden Rauchverbots, werde ich unleidiger (kann man ein Wort mit un- überhaupt steigern?), wenn mir beim Heimatbesuch in Berlin wieder einmal jemand vom Nachbartisch herüber seinen Teer ins Essen pustet. In London werden durch das Rauchverbot wildfremde Menschen zu Freunden beim gemeinsamen Zigarettchen auf der Straße vorm Pub. Der schöne neue Brauch gefährdet nach Ansicht der Umweltorganisation Friends of the Earth allerdings den Klimaschutz. Heizstrahler vor Kneipentüren werden künftig zehnmal mehr Treibhausgase verursachen, haben Experten vorsichtshalber schon einmal ausgerechnet. Die Umweltschützer fordern: das nächste Verbot: den Heizpilzbann.

P.S.: In keinem Zusammenhang zu dieser Meldung dürfte stehen, dass Prinz Harry jetzt versucht, das Rauchen aufzugeben. Oder steckt Vater Charles, der Ökoprinz, dahinter?

Siehe auch: Plastiktüten verbieten.