Erhebendes und Enttäuschendes zum Jahreswechsel

Das Jahr ist zu Ende und ich bin nun fast ein Jahr auf der Insel. Zeit, über viel Erhebendes und wenig Enttäuschendes nachzudenken.
Erhebend ist …
… mit Menschen aus allen Himmels- und Glaubensrichtungen in London zu leben und sich darüber zu freuen, dass diese ganz besondere Millionenstadt trotz aller Probleme so modellhaft friedlich funktioniert.
… dem einstigen Hassprediger Ian Paisley und dem früheren IRA-Terroristen Martin McGuinness beim gemeinsamen Regieren in Nordirland zuzuschauen. Und allen Freunden, Kollegen und Lesern eine Reise in dieses wunderschöne, spannende, kleine Land zu empfehlen.
… Großbritanniens meinungsfreudige, hintergründige, gedankenvolle Politmagazine „New Statesman“ und „Spectator“ zu lesen, während der Rest der britischen Presse unter dem leidet, was der „New Statesman“ so nennt: „a hysteria in the media that appears to have lost all ability to look beyond the day-to-day“.
… den BBC-Reporter Alan Johnston nach seiner Freilassung aus palästinensischer Gefangenschaft als bescheidenen, nachdenklichen, in keinem Moment rachsüchtigen Menschen zu erleben und sich zu vergewissern, dass dank Journalisten wie ihm längst nicht die ganze BBC zum Boulevardsender verkommen ist.
… Kunst von Georg Baselitz, Carsten Höller, Doris Salcedo, Jamie Reid, Thomas Schütte und vielen anderen zu sehen.
Enttäuschend ist …
… sich vom „New Musical Express“ jede Woche einen neuen Hype aus fadem Britpop-Geschrammel aufschwatzen zu lassen.
… den Tod der englischen Fußballkultur aus dem Geiste des Kommerzialismus bezeugen zu müssen.
… erkennen zu müssen, dass das vielgelobte, in Deutschland als vorbildlich geltende britische Fernsehen zu einem großen Teil Witze-, Quiz-, Reality-, Soap-, Lifestyle- und Personality-Programme sendet, die BBC leider inbegriffen.

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.

5 Gedanken zu „Erhebendes und Enttäuschendes zum Jahreswechsel“

  1. Gedankenübertragung! Wollte eigentlich „Strictly Come Dancing“ unbedingt hier noch erwähnen. Danke für den Anlass. Ertrage beim BBC-Frühstücksfernsehen nämlich immer die umfangreichen Analysen der neuesten Ausgabe dieser Reality-Tanzshow vom Vorabend – samt exklusiver Interviews der beiden BBC-Moderatoren mit der sendereigenen „Strictly“-Korrespondentin.

  2. BBC-Frühstückfernsehen? Hast du es gut! Ich muss mir morgens immer GMTV anschauen: Geschasster „X Factor“-Kandidat meets Dschungelcamp-Pseudopromi. Bin übrigens auch als Journalist (TV & Radio) seit einem Jahr hier. Wie wäre ein Treffen für ein „Kollegengespräch“ in der Offside Bar (die du ja offenbar kennst)? Happy New Year!

  3. Lieber Markus, ich habe keine Ahnung, wie Witze-resistent Du bist, wenn es um britische TV-Serien geht, aber versuche es doch mal mit dieser: „Peep-Show“. Hat nichts mit Sex zu tun, wohl aber mit zwei Männern über 30, die ziemlich verpeilt aber mit Wortwitz ausgestattet irgendwie in GB überleben. Flacher, aber auch gut: Little Britain. Oder: Family Guy. Also den Fernseher würde ich sofort tauschen! JK

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