Was Berlin London voraus hat – auch zehn Beispiele

Danke für die vielen Kommentare gleich an den ersten beiden Tagen. Hier die umgekehrte Liste, wieder zehn Beispiele:

1. Tiergarten: Eher schon ein Stadtwald als ein Park. So viel dichtes Grün ist selten in den ansonsten auch wunderschönen Londoner Parks. Berlins Central Park beeindruckt sogar überzeugte Londoner wie die Pet Shop Boys.

2. Öffnungszeiten: War da was mit Last Orders? Trotz Gesetzesänderung schließen die meisten Londoner Pubs – oder jedenfalls immer der, in dem man gerade trinkt – weiterhin um elf. Bin über jeden Tipp zu Spät-Pubs dankbar. Aber auch viele Geschäfte sind zeitig zu, entgegen dem Mythos der Weltmetropole. Berlin holt jedenfalls auch bei den Läden auf, die Kneipen machen ohnehin alle Londoner neidisch.

3. Die BVG (jawohl!): Hier ein paar offizielle Gründe für verspätete oder liegen gebliebene U-Bahnen in London: faulty communications equipment, shortage of staff, late arrival of staff, faulty track, signal failure, late finishing of engineering work, overrunning engineering work, power failure, points failure, vandalism, faulty platform equipment. Und was heißt Schienenersatzverkehr auf Englisch?

4. Cafés: Der Begriff steht auf der Insel immer noch meistens für „greasy spoons„. Zum Kaffee oder Tee gibt’s in dieser gastronomischen Kategorie Spiegeleier mit Speck und gebackene Bohnen in Tomatensauce. Kaffeehauskultur setzt der Londoner mit Starbuck’s oder Costa gleich.

5. Flughafen Tegel: Wenn ich um 7.30 Uhr von Stansted nach Tegel fliege, muss ich früher aufstehen als beim Rückflug um 6.15 Uhr.

6. Eishockey: Wir wollen die Eisbären sehen, bald in der neuen Halle! London hat zwar schon so eine Halle, aber keine Eisbären.

7. Günstige Mieten: Unsere Londoner Wohnung liegt draußen in Walthamstow und ist um ein Drittel kleiner als unsere wunderbar zentrale Schöneberger Altbauwohnung – die nur die Hälfte kostet.

8. Weniger Regeln: Dem britischen Klischee nach ist in Deutschland alles verboten. In Wirklichkeit ist in Berlin viel mehr erlaubt als hier. Der Londoner scheint sich wohlzufühlen, wenn man ihn mit Schildern umstellt, mit Geldstrafen bedroht und mit Durchsagen beschallt. Achtung, Achtung! Ein paar Schilder gegen Hundedreck täten Berlin allerdings gut.

9. Weniger Gruppendynamik: Wer je in eine Hen- oder Stag-Night geriet und zwanghaft angefeiert wurde, weiß, wovon hier die Rede ist: quasimilitärisches Komasaufen. Wenn britische Kollegen fragen, wo ihre lieben Kleinen bei ihrem nächsten Berlintrip am besten und günstigsten Party machen können, empfehle ich Kneipen weit weg von Schöneberg.

10. Wasser: Zu Berlins und Brandenburgs Seen nichts Vergleichbares.

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.

7 Gedanken zu „Was Berlin London voraus hat – auch zehn Beispiele“

  1. Naja, nett! Hier mal die signifikanten Highlights von Berlin:
    1. Der Hauptbahnhof, der Grand Central in Europe 2. Der Alexanderplatz in der Nacht, Bladerunner Metropolis at it´s finest 3. Most entertaining Bürgermeister Wowi of the world 4. Club und Kunstszene and der Spitze der Zivilisation 5. Faszinierendste Stadtgeschichte des 20. Jahrhunderts 6. Vielversprechendste Zukunft des 21. Jahrhundert, bei allen Problemen & Defiziten der Gegenwart 7. Ganz klar nicht der Provinz-Tegel-Flughafen dafür aber Schönefeld in 5 Jahren 8. Reichstag & Jüdisches Museum 9. Mrs. Merkel is wittier than Mr. Brown 10. London ist trotzdem in feines Städtchen

  2. @Sascha-André Liehr
    Vor allem der Hauptbahnhof ist ein guter Punkt. Zumal die Londoner gerade gestern ihren neuen St. Pancras eröffnet haben und so tun, als sei es in Europa einzigartig, einen Bahnhof als Einkaufsstadt anzulegen. Übrigens wird hier in diesen Tagen ein Projekt nach dem anderen enthüllt/eingeweiht/vorgestellt. Heute allein zwei, wenn auch ganz unterschiedlicher Größenordnung: Das Model des Olympiastadions 2012 http://www.london2012.com/news/archive/2007-11/new-era-of-stadium-design-unveiled.php und die Skulptur „Model for a Hotel 2007“ des deutschen Künstlers Thomas Schütte auf dem Trafalgar Square http://www.london.gov.uk/trafalgarsquare/

  3. Spät-Pubs:
    Wenige gibts, das stimmt! Mir fallen aber Charlie Wrights (Pitfield Street, nähe Old Street Tube) und der Dolphin (Mare Street in Hackney) ein. Die haben mindestens bis 1, teilweise bis 2 auf. Toll sind der Jazz Abend donnerstags bei Charlie und Karaoke montags im Dolphin. Bis nach Mitternacht sind oft auch das Old Blue Last und Strongrooms auf, beide Shoreditch.
    Die besten Last Orders gibts in der Foundry, auch Old Street. Ich verrate nichts, selber angucken!

  4. Berlin ist aufgrund der Geschichte und Lage wie ein Schnittpunkt zwischen Ost und West; schöner ist Berlin deswegen nicht, aber gerade aus dieser Perspektive besonders interessant und die Berliner Schnauze mit Herz gibt’s auch immer noch, auch wenn vielleicht immer seltener.

  5. Schienenersatzverkehr heisst „Rail Replacement Bus Service“ auf Englisch. Vier Wörte für eins!

  6. Von den Londonern Kaffeehauskultur zu erwarten, ist zu viel. Sie sind im Land der Teetrinker, was erstaunlich schnell in den letzten Jahren den Kaffee entdeckt hat. Wat se in Berlin oft fuer ne Pluerre anjeboten bekommen, Herr Hesselmann, det is ne Schande. Weder Berlin noch London koennen mit Rom, Paris und Wien diesbezueglich mithalten.
    Was das leidliche Thema Mieten betrifft, Herr Hesselmann, Sie wohnen in London, und nicht in Berlin, wie Sie ja selbst bemerkt haben. Und da London nicht Berlin ist, zahlen Sie halt in der einen Stadt ein wenig mehr, in der anderen weniger. Wenn Berlin eines Tages den Sprung von der Provinz zur Hauptstadt mit Umland geschafft hat, dann zahlen Sie auch fuer Ihre Schoeneberger Wohnung nicht mehr provinzielle Mieten. Die Prenzlauer Berger werden sich auch in 10 Jahren in die 2000 Euro Zone bewegen, bereits heute lebt kaum noch ein Prenzlauer Berger dort. Marktgesetz!

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