Crazy Germans in Football’s Home – ein Buchtipp

Dass die Engländer uns Deutsche neuerdings ganz doll lieb haben und für unsere Fußballkultur schwärmen, das liegt an ihren guten Erfahrungen mit deutscher Gastfreundschaft bei der WM 2006. Haben wir bislang geglaubt. In Wirklichkeit aber hatten Pioniere schon Vorarbeit geleistet. Die erste Liebe zur deutschen Fankultur keimte bei Engländern nicht in Nürnberg oder auf Schalke, sondern in Brentford oder in Ipswich. Im Kapitel „Verrückte Deutsche in der Stadt“ seines neuen Buchs „Football’s Home. Geschichten vom englischen Fußball“ beschreibt Carsten Germann die England-Reisen einer Gruppe Fans von Fortuna Düsseldorf und vom FC St. Pauli. footballshome.jpg
„Crazy Germans in Town“, hieß es  im Beitrag eines lokalen Radiosenders zum Besuch der Deutschen bei Ipswich Towns FA-Cup-Spiel gegen Portsmouth. Im Stadion applaudierte dann der ganze Ipswich-Fanblock der bunten, lauten Truppe aus Deutschland, sonst eher das Feindbild – wegen zweier Weltkriege und ebensovieler Elfmeterschießen. „Dieser Besuch hat eindeutig bei einigen Engländern dazu beigetragen, über deutsche Stereotypen nachzudenken“, meinte ein englischer Fan. Die Deutschen sahen die Angelegenheit eher unpädagogisch: „Wir wollten nicht den Friedensbotschafter markieren, sondern einfach eine Party-Tour von Fans für Fans machen.“ Germanns Buch gibt den Fans viel Raum – und verschweigt auch nicht das Hooligan-Problem. „Football’s Home“ erschöpft sich aber nicht in Fan-Geschichten, sondern bietet Analysen und Anekdoten über Spieler, Trainer und Klubchefs. Das englische Trauma Elfmeterschießen  arbeitet Germann in einem eigenen Kapitel auf. Hier blieb mit der WM 2006 für die Engländer alles beim Alten. Zum zweiten Mal hintereinander scheiterten sie im Viertelfinale eines großen Turniers nach Elfmetern am selben Team – den Portugiesen, den „neuen Deutschen“, wie Germann sie nennt.

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.