Plädoyer für die Zeitung

Bill Keller, Chefredakteur der New York Times, lieferte gestern Abend in London ein leidenschaftliches Plädoyer für das Überleben der Qualitätszeitungen im Kampf mit der Internet-Konkurrenz. „Google und Wikipedia haben keine Korrespondenten in Bagdad“, sagte Keller, der beim Thinktank Chatham House die jährliche Rede zu Ehren des verstorbenen Guardian-Kolumnisten Hugo Young hielt. Verlässliche, transparente, unabhängige, professionell und aus erster Hand berichtete Information sei gerade in Zeiten eines digitalen „Medien-Tsunamis“ wichtiger denn je, sagte Keller. Vehement widersprach Keller der These des Bloggers Jeff Jarvis (BuzzMachine), nach der die Mainstream-Medien weitgehend ersetzt werden könnten durch eine selbstregulierende digitale Demokratie der Wortmeldungen, durch die Weisheit der Massen. „Blogs können um ein Thema herumschwirren und faszinierende Leckerbissen auftischen. Sie erlauben uns, einer Geschichte zu folgen, während sie sich entwickelt“, sagte Keller. „Und, jawohl, es gibt Blogger die Berichte aus erster Hand über ihre Erfahrungen an fernen Orten senden, auch aus dem Irak. Manchmal ist ihre Arbeit aufklärend und verblüffend. Doch die allermeisten Blogger versuchen noch nicht einmal zu berichten. Sie recyceln. Sie variieren Nachrichtenthemen. Das ist nicht schlecht, aber es ist bei weitem nicht genug.“
Hier Bill Kellers Rede im Wortlaut.

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.