Fußball-EM: eine vexillologisch-berlinische Nachlese

Wer während der Fußball-EM die Heimat besucht hat, durfte sich wie schon bei der WM an vielen, vielen bunten Fähnlein erfreuen. Deutschland ließ wieder seine Autos patriotisch für seine Bürger grüßen. Schön, dass dieses schwarz-rot-güldene Geflatter in Berlin immer wieder ironisch durchpustet wurde. Von meinem Fenster in Schöneberg aus durfte ich beobachten, wie zwei muskelbepackte Türken vor dem Halbfinale gegen Deutschland ihren 5er-BMW beiderseits mit dem Halbmond beflaggten. Zwei Parklücken weiter stand ein Kleinwagen mit schwuler Regenbogenfahne. Ein situationistisches Sinnbild für meinen wunderbaren, wenn auch nicht immer spannungsfreien Schöneberger Kiez. Immer wieder gern gesehen auch die binationale Doppelbeflaggung: deutsch-türkisch (vor allem), deutsch-italienisch, deutsch-russisch, deutsch-britisch. Deutsch-britisch? Schwarz-Rot-Gold und der Union Jack? Da hat ein anglophiler Deutscher wohl was nicht mitbekommen. Erstens gibt es ja nun keine britische Fußballmannschaft. Zweitens hat sich keines der vier Teams aus dem Vereinigten Königreich für die EM qualifiziert. Nicht einmal Nordirland. Auf ein sonniges Gemüt (oder eine ausgeprägte Identitätskrise) weist der disparate Fahnendreier Deutschland/ Holland/Italien hin. Mein ganz persönlicher vexillologischer Höhepunkt aber war die Beflaggung an einem Mini, noch original englisch, also einem Ur-Mini aus der Zeit vor der Übernahme durch BMW. Da flatterte zweifach fröhlich der gelbe EU-Sternenkreis auf blauem Grund. Die Farbe des europabeflissenen Fahrzeugs? British Racing Green.

P.S.: Den Begriff „Vexillologie“ habe ich heute gelernt. Ich dachte bis eben, die Lehre vom Fahnen- und Flaggenwesen hieße Heraldik, bis mich Wikipedia eines Genaueren belehrte.
P.P.S.: Um nachzuweisen, dass ich mich in diesen Tagen nicht nur mit Fußball befasse, erlaube ich mir hier, ja, genau hier, einen Link zu einem Essay zu setzen, der heute im Tagesspiegel erschien. Okay, auch da wird Fußball erwähnt.

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.

7 Gedanken zu „Fußball-EM: eine vexillologisch-berlinische Nachlese“

  1. Leider konnte ich keine auftreiben. Sonst hätte in diesen Tagen eine irische Fahne an meinem Auto geflattert.

  2. Apropos Vexillologie und die irische Fahne (Grün-Weiß-Orange).

    Das Weiß in der Mitte steht symbolisch für Frieden und Versöhnung zwischen Protestanten (Orange) und Katholiken (Grün). Die hoffnungsvolle Farbe Grün (nein, das ist nicht parteipolitisch gemeint!) wird heute im allgemeinen mit ganz Irland in Verbindung gebracht („die grüne Insel“); mit der Farbe Orange (Achtung: das ist jetzt parteipolitisch gemeint!) schmückt sich neuerdings trotz ihrer katholischen Wurzeln die Partei der protestantischen Pfarrerstocher Angela Merkel. Wenn jetzt noch eine friedvolle Versöhnung hinzu kommen soll, wird sich Angela Merkel wohl noch ein ganz schönes Stück weit mit ihrer Partei in Richtung Irland bewegen müssen. Ob sie das schafft?

  3. By the way, auch Gordon Brown ist ja das Kind eines protestantischen Pfarrers. Aber die meisten Iren sind nun mal katholisch! Sieht so aus, als wollten sie das bleiben. Und selbst wenn nun über den großen Teich ein Donald Rumsfeld übers Wasser liefe, um seine Botschaft zu verkünden, dass ‚Old Europe‘ dem ‚New Europe‘ zu weichen habe, so blieben sicher viele Iren standhaft. Sind sie Europas wahres „Salz der Erde“?

  4. „vexillologischer Höhepunkt“ – und ich dachte beim Lesen: oha der Markus ist ja ultra – was der für Wörter kennt. Kennst du das „Lexikonspiel“? Einer sucht einem Begriff aus dem Lexikon den keiner kennt und alle Mitspieler erfinden eine überzeugende Definition. Hätte mir einer das als eine Art Tantra Sexualpraktik verkauft – ich hätte es geglaubt.

  5. @ sprachfetzen

    Natürlich ist „der Markus“ ultra! Selbst Joschka Fischer schreibt doch mittlerweile bei ihm ab! Und so sieht das methodisch aus, wenn einer Markus Hesselmann kopiert: Sobald ein führender Politiker in einem Nachbarland mal etwas sagt, was einem selbst nicht in den Kram passt, dann wird ihm vorgeworfen, er habe sich vor einer anderen Größe „in den Staub geworfen“.

    Über die Kopie, die Joschka Fischer angefertigt hat, wird heute im Tagesspiegel informiert:
    http://www.tagesspiegel.de/politik/international/Oesterreich-EU-Joschka-Fischer;art123,2562338

    Nur wahre Kenner wissen aber, wo das Original zu finden ist:
    london.tagesspiegel.de/?p=163

  6. Betr. Fußball-EM: eine vexillologische Wiener (!) Nachlese

    Als gestern in Wien alles vorbei zu sein schien, kam noch etwas nach, das nun wirklich vollkommen unerwartet war: Das Aufstellen von großflächigen „Danke“-Tüchern durch Spieler der deutschen Nationalmannschaft auf dem grünen Rasen der österreichischen Hauptstadt.

    Diese Tücher waren schon sehr bemerkenswert! Ganz groß gemalt waren darauf in der Mitte die Farben schwarz-rot-gold. Und ganz klein daneben waren auch die Fahnen der Schweiz und Österreichs zu sehen. So viel zur eigentlichen Vexillologie.

    Fragt sich jetzt nur: Was sollte denn dieser Dank? Mir fallen nur zwei Möglichkeiten ein:

    1.) Der DFB ging davon aus, dass Schweizer und Österreicher, die ja beide auch mit eigenen Nationalmannschaften bei dieser EM vertreten waren, in Wahrheit „großdeutsch“ fühlen, und folglich ebenfalls die deutsche Nationalmannschaft im Finale unterstützt haben. Ein Dank also an die Fans in der Schweiz und in Österreich. Falls diese Variante zutrifft, dann hat wohl keiner der Verantwortlichen des DFB das Blog von Markus Hesselmann gelesen. Andernfalls hätten sie ja gewusst, dass es in Österreich und der Schweiz T-Shirts zu kaufen gab, auf denen zu lesen ist: „Ich bin für Österreich und jede Mannschaft, die gegen Deutschland spielt“. (Dasselbe war in der Schweiz auch in einer schweizerischen Variante erhältlich).

    2.) Der Dank galt den beiden Gastgeber-Ländern dieser EM. Aber was ist das für ein Dank, in dem der Danksagende sich ganz groß in den Vordergrund stellt, während er die beiden Länder, denen der Dank doch hätte gelten sollen, vexillologisch nur klein und mickrig am Seitenrand seines ‚Danke‘-Tuchs auftauchen lässt?

    Nun, was auch immer die Überlegungen gewesen mögen, die zum Aufstellen dieser beiden Tücher durch deutsche Nationalspieler auf dem Wiener Rasen geführt haben: Es war meines Erachtens in jedem Fall der peinlichste Abgang, den je eine deutsche Nationalmannschaft nach einem verlorenen Spiel inszeniert hat!

  7. @Sprachfetzen: Da fällt mir noch ein anderes schönes Spiel ein: Humiliation (klingt irgendwie auch nach Sexpraktik, die Demütigung ist aber hier eher lustvoll intellektuell). Hat David Lodge in einer seiner Campus Novels beschrieben: Jeder in der Runde bekennt sich zu einem wichtigen literarischen Werk, das er nicht gelesen hat. Für jeden anderen Mitspieler, der das Buch gelesen hat, bekommt der Bekenner dann einen Punkt. Je wichtiger das Buch, je gravierender also die Wissenslücke, umso mehr Punkte kann man machen und am Ende der große Sieger und gleichzeitig größte Bildungsversager sein.

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