Germany’s free-flowing beauty – auf Panzerketten

Nach Deutschland-Spielen machen von je her die gesammelten internationalen Pressestimmen Spaß. Deutschland? Nur auf Ketten! Das war jahrzehntelang Pflicht. Seit der sommermärchenhaften WM 2006 ist es ruhiger geworden, man könnte fast meinen, man mag uns im Ausland. Selbst in England werden die letzten Bastionen des Kraut-Bashings geschleift. „This was no clichéd footballing tale of Teutonic efficiency and power grinding down more creative but less physical opposition. Some of the football emanating from German feet, particularly Ballack’s, was breathtaking“, schrieb jetzt niemand anderes als der Daily Telegraph nach dem deutschen Viertelfinalsieg über Portugal. Und zu Klose und Ballack: „The pair headed in dead-ball deliveries from the outstanding Bastian Schweinsteiger, who himself finished off a move of such free-flowing beauty that it could have been invented by the Dutch.“ Germany? Free-flowing beauty? Das geht runter wie Ale. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob mir der Holland-Vergleich wirklich gefällt. Zum Glück gibt es immer noch die verlässlichen Türken. „Der Panzer ist zurück“, analysiert Sabah und verabreicht kalten Stahl, damit es uns Deutschen nicht zu warm wird ums Herz. „Die Panzer haben den Portugiesen keine Chance gegeben“, schreibt Miliyet. Ebenfalls eine „Panzer-Offensive“ am Werk sah Hürriyet. On second thoughts: Vielleicht meinen die das ja auch liebevoll-lobend.
(Diese und mehr Stimmen zum Spiel lesen Sie hier.)

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.

4 Gedanken zu „Germany’s free-flowing beauty – auf Panzerketten“

  1. Ein Glück, dass es die Türken gibt, denn es gibt Deutsche, die können ohne Deutschen-Bashing einfach nicht leben. Deshalb wird auch heute noch wieder und wieder in alten englischen Zeitungsstapeln gekramt, um die Erinnerung an die Schlagzeilen längst vergangener Zeiten bei der deutschen Leserschaft wachzuhalten. Auf dass diese längst vergilbten Schlagzeilen doch nie (NIE NIE NIE!) in Vergessenheit geraten mögen. Aber die ‚guten alten Zeiten‘ sind nun mal auf der Insel der Briten vorüber – und so muss jetzt also die türkische Presse herhalten, damit unsere des Bahings bedürftigen Landsleute ihre unverzichtbare Dosis erhalten.

  2. Sie unterschätzen meine Euphorie über jene Telegraph-Zeilen, sie überschätzen meine masochistische Ader. Von Ihnen angespornt, lieber tbw, habe ich noch tiefer gekramt und das hier zu Tage gefördert (aus der „Daily News & Analysis“, Bombay):

    There are three things I like about the German team in the Euro 2008, apart from Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger and Michael Ballack.
    Creatively they can outdo the wizardry of JK Rowling (like we saw against Portugal), in defense they tower above the opposition and are very difficult to crack. And under pressure, they sure can perform — with their coach exiled to a glass room, many storeys away from the touchline, smoking his nerves away.
    I was surprised then that before the start of the tournament there were only two people in our sports department supporting Joachim Loew’s team, my Germanophile (that’s a word) boss and I.
    Made me wonder, why Germany (3 World Cups and 3 European Championship titles) — the third most successful football team in the world after Brazil (5 World Cups) and Italy (4 World Cups) — don’t have a bigger fan base.
    I am a German supporter but that’s only when there’s no Brazil and no England in a competition. In my over two decades of existence, I have met only one staunch non-German Germany supporter — a friend who wears a Schweinsteiger No. 7 jersey to a birthday party at a fancy nightclub.
    But seriously, what makes Germany not likeable?
    Maybe it’s to do with their controversial past. Maybe we’ve known Germany to be a ruthlessly cold nation not as welcoming as the naked bodies dancing to samba beats. Maybe we don’t see joie de vivre in their football.
    Whatever it may be, I think in this Euro 2008 and before that in the World Cup 2006, Germany have done enough to melt the hearts.
    (Gefunden unter: http://www.dnaindia.com/report.asp?newsid=1172679)

  3. Das ist ja nun wirklich ein prächtiges Fundstück, das Sie uns hier zugänglich machen, lieber Markus Hesselmann. Mit diesem indischen Beitrag dürfte hinreichend bewiesen sein, dass die Inder für das Zeitalter der Globalisierung bestens gerüstet sind. Diese Asiaten besitzen offenkundig nicht nur auf dem Feld der Informatik die denkbar beste Fähigkeit zur Analyse.

    Und auch Sie, lieber Markus Hesselmann, haben mit diesem Fund bewiesen, dass Sie globalisierungstauglich sind. Während Sie von London aus die Berichterstattung der indischen Presse im Blick behalten, hat unsereins sich leider wieder mal darauf beschränkt, die deutschen ‚weeklies‘ durchzublättern. Bemerkenswerte Fundstücke gibt’s allerdings auch dort (ich schrieb ‚bemerkenswert‘, nicht ‚prächtig‘!). Zum Beispiel im SPIEGEL dieser Woche. Da gibt es einen Beitrag, den zu veröffentlichen dem Daily Telegraph denn sicher doch nicht in den Sinn gekommen wäre. Gezeigt wird von den Hamburger Blattmachern ein Foto, auf dem Michael Ballack bei seinem Freistoßtor im Spiel gegen Österreich zu sehen ist. Warum wird das Foto dort gezeigt? Laut SPIEGEL geht es darum, die als „neudeutsch“ bezeichnete „teutonische Fußballmoderne“ zu illustrieren. Zitat: „Die backpflaumige Hübschigkeit wich mit jedem Laufschritt aus der Miene des Kapitäns, die Gesichtszüge entgleisten ins Wölfische (…)“. Der Beitrag ist in der Rubrik ‚Medien‘ auf Seite 92 erschienen.

    Als ich auf dieser Seite ankam, war es mit meiner Seelenruhe aber ohnehin längst vorbei. Denn schon auf Seite 28 stand im SPIEGEL unter der Überschrift „Wunderbare Würgeschlange“, die unterhalb eines Fotos von Angela Merkel erschien, folgendes über den Brüsseler EU-Gipfel nach dem irischen Referendum zu lesen: „Die Politiker sind weiter entschlossen, Politik gegen das Volk zu machen. Und das ist richtig.“

    ‚Was soll man davon halten?‘, fragte ich mich, und hoffte, dass mir vielleicht bei der Lektüre der ‚Holtzbrinck‘-Presse ein Licht aufgehen werde. Und siehe da: so ist es! In der heute erschienenen Ausgabe der ZEIT wird nämlich auf Seite 57 von Volker Ullrich zustimmend der Historiker Franz Mehring zitiert, der einst schrieb, dass der deutsche Bürgersmann nie ein Freier geworden sei, „sondern immer nur ein Freigelassener, dem die zerbrochene Kette bei jedem Schritt mit verräterischem Klirren nachschleicht“. Um nun aber gar nicht erst auf die Idee zu kommen, dass sich dieses Zitat in irgendeiner Weise auf die deutsche Politik beziehen lasse, griff ich rasch zu einer Zigarette und zur letzten Seite des ZEIT-Magazins. Dort wird das Publikum diese Woche vom rauchenden Altkanzler Schmidt nämlich über die Gefährdung durch Meinungsumfragen belehrt. Zitat: „Die Meinung des Volkes wird zu allen möglichen Fragen veröffentlicht, und das verführt manche Politiker dazu, sich so zu verhalten, dass sie nach Möglichkeit übereinstimmen mit dem, was die Umfragen herausgefunden haben wollen.“

    Was soll’s. Der Mann feiert ja schließlich demnächst seinen 90. Geburtstag. Wir Jüngeren hingegen wissen spätestens seit letzter Woche, dass sich Europas Politiker ja mittlerweile nicht mal mehr von demokratischen Abstimmungsergebnissen dazu verführen lassen, sich so zu verhalten, dass sie mit dem übereinstimmen, was die amtlichen Stimmenauszähler tatsächlich herausgefunden haben.

  4. Noch ein kleiner Nachtrag: nicht die deutschen Printausgaben-Leser, wohl aber die Leser der englisch-sprachigen web site des SPIEGEL wissen derzeit mehr. Sie durften nämlich jene großartige Kritik an der gegenwärtigen Europapolitik lesen, die von Jürgen Habermas, dem einzigen ‚Weltstar‘ unter Deutschlands Philosophen, verfasst worden ist. Und obwohl mein Herz zwar stets für Hertha BSC, doch nie für Bayern München schlägt, ist es in Sachen Lissaboner Vertrag ein Ur-Bayer, der mir noch Hoffnung gibt. Ich drücke jedenfall ganz fest die Daumen, dass Peter Gauweiler mit seiner Klage gegen den Lissaboner Vertrag vor dem Bundesverfassungsgericht Erfolg haben wird. Stuart Wheeler ist ja leider mit seiner Klage zur Erzwingung eines britischen Referendums über diesen Vertrag am gestrigen Mittwoch im Londoner High court gescheitert. Und falls auch in Deutschland alle Strick reißen sollten: das tschechische Verfassungsgericht ist auch noch da! Denn die Hoffnung stirbt zuletzt…

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