Hooray for Pig Climber, oder: Wen unterstützen die Briten bei der EM?

Im Blick die kreative Verzweiflung, mit der polnische Zeitungen dieser Tage bei ihren Lesern punkten und in Europa bekannt werden wollen, wünsche ich mir fast die alten Zeiten des German-Bashings der britischen Tabloids zurück. Das hatte noch Wortwitz und war von gestochener prognostischer Schärfe („For you Fritz, ze Euro 96 is over“). Schön also, dass die „Sun“ den hilflosen polnischen Blattmachern jetzt zeigt, wie es geht, wenn sie vor Polens EM-Spielen jeweils polnischsprachige Ausgaben herausgibt und dabei endlich einmal wieder die Chance für herzhaft Antideutsches nutzen kann. Englische Leser scheint das ja inzwischen zu langweilen. Die „Sun“ steht unter den britischen Medien nicht allein mit ihren Bemühungen, das Beste aus einer EM zu machen, die ohne ein einziges Team von den Inseln stattfindet. „Who will you support?“, fragt die BBC in dem Trailer, mit dem sie ihr EM-Programm anpreist und ihren Zuschauern Vorschläge für eine zeitgebundene Gefolgschaft unterbreitet. Selbst Ballack kommt vor und es wird suggeriert, das Chelseas Fans jetzt wegen ihm Deutschland unterstützen. Auch der „Evening Standard“ sieht Chelsea in diesen Tagen „full of wannabe Germans“. As if. Da scheint mir einmal mehr die „Daily Mail“ eher die Stimmung im Lande zu treffen. Auch dieses Massenblatt hat das stumpf Antideutsche hinter sich gelassen, entwickelt aber stattdessen eine ausgeklügelte Fan-Dialektik, basierend auf Rivalitäten in einer englischen Premier League voller europäischer Stars: „Who will you support? It is too easy to say whoever is playing Germany. Far better to cheer on whoever reduces the star player of a rival club to a sobbing, psychiatric outpatient following a penalty shootout, or whoever kicks that rival star player up in the air in a vicious collision.“ Und dann ist da zum Glück noch Mr. Lambert aus Bridgwater. Sein Herz ist rein. Im „Bridgwater Mercury“ bekennt er sich aus folgenden Gründen zu Deutschland: „We will be supporting Germany during the Euros. My wife is German and I’m fond of the name Bastian Schweinsteiger, which translates to Pig Climber in English.“

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.

10 Gedanken zu „Hooray for Pig Climber, oder: Wen unterstützen die Briten bei der EM?“

  1. German team is looking for a nice pub.
    „Can we watch the championship here?“
    „Championship? D’you mean Chelsea Manu?“
    „No, the Europeen championship“
    „Aha, em, no.“

  2. @ Ben

    Das erinnert mich ein wenig an das Nachlassen des Interesses der deutschen Fernsehzuschauer an Wimdledon nachdem Boris Becker und Steffi Graf dort nicht mehr mit dabei waren.

  3. @tbw
    Nicht ganz. Tennis hatte in Deutschland nie die Bedetung wie Fussball in GB. Immerhin nach Rugby und Cricket die drittbeliebteste Sportart. Bezeichnen wir es eher als Ignoranz, wenn man halt nicht dabei ist. Aber vielleicht wird es ja doch noch unterhaltsam und wir sitzen nicht nur unter uns.

  4. Hab in Salzburg grad einen mit folgendem T-Shirt-Text gesehen „Ich bin Fan von Österreich und jeder Mannschaft die Deutschland schlägt“. Jaja, aber bei der nächsten Wiedervereinigung jubelt so einer als erster…

  5. Hihi, hooray for Heldenplatz. Dazu passt auch sehr schön, was der schottische „Herald“ in aller Unschuld unter der Überschrift „Never Mind the Ballacks“ schreibt: „The Germans have geography on their side. These finals are right across their borders and two years after they staged the World Cup, it will feel like another tournament on home territory.“ Was die Österreicher wohl zu dieser sportlichen Anschluss-Theorie sagen?

  6. @ „it will feel like … on home territory“.

    Wie sagte neulich ein Deutscher, „ach stimmt ja, von denen ist ja gar keiner dabei. Da werden sie aber traurig sein.“
    „sie“ = die Briten. 😀

  7. @ Thomas

    „Aber ich liebe Euch doch alle“

    Klar, haben wir ihm doch alle geglaubt, oder?

  8. @tbw, @Thomas: Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube Thomas meinte – böse, böse, britisch-humorig – mit der „nächsten Wiedervereinigung“ den nächsten Anschluss, den gerade dieser deutschlandkritische Ösi dann wieder heldenplatzig bejubelt?

  9. Eins ist doch wohl offensichtlich: dieser T-Shirt-Ösi ist kein Fan (!) von „jeder Mannschaft“. In Wahrheit ist er ja nicht FÜR die anderen, sondern GEGEN Deutschland. Das traut er sich aber so deutlich nicht zu sagen.

    Dass Ösis sich nicht immer trauen, ihren Hass allzu unverblümt auszudrücken, ist historisch übrigens nichts Neues. Vor 75 Jahren war das vielleicht nicht allen Deutschen so richtig bewusst. Mittlerweile aber schon. Deshalb schauen viele Deutsche bei den Ösis jetzt lieber zwei Mal hin, ehe sie ihnen ihr Vertrauen schenken. Und von ‚Großdeutschland‘ werden wir Deutschen vor diesem Hintergrund hoffentlich auch nie wieder träumen.

    P.S. Dass es natürlich auch sehr viele sympathische und vertrauenswürdige Österreicher gibt, will ich hier nicht unterschlagen. Und auch dieses T-Shirt scheint ja keine österreichische Besonderheit zu sein. Es gibt nämlich auch eine Schweizer Ausgabe davon. Das wird jedenfalls vom Daily Telegraph heute berichtet. Um den Beitrag lesen zu können, muss man auf der Website des Telegraph erst in der linken Spalte ‚Blogs‘ anklicken, danach in der rechten Spalte ‚Henri de Quetteville‘ anklicken (das ist der Berlin-Korrespondent des Telegraph), und dann den Beitrag mit der Überschrift: „Why I can’t support Germany“ anklicken. Es geht in dem Beitrag um die EM und die Gründe, derentwegen der Korrespondent des Telegraph nicht für die deutsche Mannschaft ist. (Womit wir ja wieder bei der Ausgangsfrage von Markus Hesselmanns Originalbeitrag gelandet wären: „Wen unterstützen die Briten bei der EM?“)

  10. Der ist Österreicher. Wenn der es schon sagt! Sehr lesenswert:
    Das Interview mit Udo Jürgens, das heute im Tagesspiegel erscheint.

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