Ein Tor, hundertmal: In praise of Jay Jay Okocha

In sportlichen Erfolgsmeldungen tauchen zuweilen Fußballer wieder auf, die so mancher Fan längst im Ruhestand sah. Von der Insel aus verbreitete sich am Wochenende die Nachricht nach Deutschland, dass ein gewisser Augustine Okocha, genannt Jay Jay, soeben mit seinen Mannschaftskameraden in die englische Premier League aufgestiegen ist. Nach West Bromwich Albion und Stoke City hat auch Hull City, zu dessen Kader Okocha gehört, den Sprung in die Erstklassigkeit geschafft. Der Nigerianer, dessen Karriere einst bei Eintracht Frankfurt begann, war im entscheidenden Play-off-Spiel allerdings nicht dabei. Überhaupt hatte er die ganze Saison über mit Verletzungen zu kämpfen und brachte es laut Klubstatistik nur auf zehn Einsätze von Beginn an, dazu acht Einwechslungen. Eine Rote Karte sah Okocha, ein Tor gelang ihm nicht. Vor allem ein Tor aber verbindet Deutschland mit Jay Jay Okocha. Und daran erinnert sich automatisch jeder deutsche Fußballfan, wenn er die Nachricht von Okochas jüngstem Aufstieg jetzt liest oder hört. 31. August 1993, Frankfurter Waldstadion, die Eintracht spielt gegen den Karlsruher SC: Beim Stand von 2:1 für Frankfurt lässt Okocha die KSC-Abwehr und vor allem Torwart Oliver Kahn mit unzähligen Haken und Dribblings immer wieder ins Leere grätschen und hechten, bevor er lässig zum Tor des Jahres vollendet. „Liebe Zuschauer! Die Zeit für meinen Bericht ist zwar abgelaufen, aber egal“, schreit Sat-1-Reporter Jörg Dahlmann ins Mikrofon. „Ich zeig’ ihnen dieses Tor jetzt noch hundertmal. Sollen sie mich rausschmeißen deswegen.“ Gefährdet Jay Jay Okocha also künftig noch Reporterjobs auf der Insel? Er überlege, ließ der 34-Jährige mitteilen, ob er nun ein Jahr dranhänge. Eigentlich sind die vergleichsweise schwachen Abwehrreihen in der ansonsten stärksten Liga der Welt die idealen Sparringspartner für einen wie ihn. Fragt sich nur, ob Hull – in Deutschland bekannt bestenfalls durch das Album „London 0 Hull 4“ der Band Housemartins – überhaupt bis in den Strafraum des Gegners kommt, wenn der kleine Klub aus Yorkshire nach seinem ersten Erstliga-Aufstieg in der Vereinsgeschichte künftig gegen Arsenal, Chelsea oder Manchester United antritt. Hull droht das Schicksal des Vorjahresaufsteigers Derby County, der mit elf Punkten und einer Tordifferenz von minus 69 wieder abstieg. Der Ruhestand ist da womöglich die schönere Perspektive.

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.