Null Toleranz jetzt auch in London

Der neue Bürgermeister gibt gleich den Aufräumer. Nur wenige Tage nach seiner Wahl zum Londoner Stadtoberhaupt hat der konservative Politiker Boris Johnson als erste Maßnahme ein Alkoholverbot für Fahrgäste von Bussen und U-Bahnen verkündet. Das klingt zunächst nicht gerade revolutionär. In Berlin ist es verboten, in der U- und S-Bahn sowie in Bussen überhaupt zu essen oder zu trinken. Und wer unter Alkoholeinfluss steht, darf nicht mitfahren. Eigentlich. Inwieweit das kontrolliert wird, ist eine andere Frage. In der britischen Hauptstadt jedenfalls gibt es immer wieder Klagen über Betrunkene, die andere Fahrgäste belästigen. Das Alkoholverbot, verbunden mit einer entsprechenden Plakatkampagne, ist deshalb vor allem ein erstes deutliches Signal. Ab sofort herrscht in London „zero tolerance“ (null Toleranz) auch für kleine Vergehen. Hinter dem Konzept steckt die Überzeugung, dass die Hinnahme kleinerer Vergehen ein Umfeld für weitere Gesetzesbrüche und dann auch schwerere Kriminalität schaffe. „Wenn wir die so genannte Kleinkriminalität vertreiben, werden wir auch ernstere Verbrechen in den Griff bekommen. Daran glaube ich fest“, sagte Johnson. Damit nimmt er sich New York zum Vorbild. Obwohl umstritten ist, ob die Null-Toleranz-Politik des damaligen Bürgermeisters Rudolph Giuliani ausschlaggebend war für die sinkende Kriminalitätsrate der Neunzigerjahre. Johnson lässt sich jetzt von Bill Bratton beraten, Giulianis früherem New Yorker Polizeichef und späteren Polizeichef von Los Angeles. Vor allem gegen Jugendgewalt will Johnson vorgehen. Zu diesem Zweck hat er Ray Lewis, einen schwarzen Sozialarbeiter und früheren Gefängnisangestellten, zum stellvertretenden Bürgermeister berufen. Lewis leitet eine Akademie im East End, mit der er Jugendlichen eine Perspektive jenseits der Kriminalität vermittelt. 27 junge Londoner starben 2007 als Folge von Jugendgewalt. In diesem Jahr sind es zwölf. Zuletzt wurde der 15-jährige Lyle Tulloch erstochen – wenige Stunden nach Johnsons Wahl zum Bürgermeister.

P.S.: Der in allen Nahverkehrszweifelsfragen maßgebliche Kollege Klaus Kurpjuweit hat sich glossierend zum Thema Alkohol in der U-Bahn in Berlin geäußert, bitte hier klicken.

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.

5 Gedanken zu „Null Toleranz jetzt auch in London“

  1. Ich dachte, nur „offene Speisen“ wären hier verboten, sprich Eis, Currywurst, halbe- aber nicht ganze belegte Brötchen, etc.? Ja, und „Borris“ hat ja einiges verkündet, leider hat er es schlicht ‚vergessen‘, vorgen mit den Menschen, die seine Verbote durchsetzen sollen, zu reden oder sogar konsultieren. Golly, cripes, etc. Aber diese U-Bahner in London, sie sind ja alle militante Gewerkschaftler; und Johnson will sie ja ein Streikverbot aufzwingen. Von Diskussionen mit den Pöbel hält er wenig…

  2. Ich habe nie in der TfL jemanden Bier trinken sehen, aber ich bin auch nicht regelmaessiger Nutzer. Dagegen das kontinuierliche Betrinken den Tag ueber in Berliner Verkehrsmitteln und auf Berliner Strassen – erschreckend. Es fiel mir erst auf, als ich neulich zwei Tage dort war, Ost-Berlin, meiner alten Heimat. Der gedultete Alkoholismus.

  3. @Ben
    Googeln Sie doch mal den Satz „Man trägt Bier“, und klicken Sie dann das erste Suchergebnis an.

  4. @twb
    Danke fuer den sehr guten Beitrag. Beschreibt genau meinen Eindruck, allerdings muss ich gestehen, dass der Trend, Bier rechte Hand, hier 2004 entstand, aber im naechsten Jahr schon wieder out war.
    Was Boris betrifft, so haben die Conservatives, vor allem sein Foerderer Cameron, ihm ziemlich schnell mitgeteilt, dass er sich gute Leute holen muss, die die Arbeit machen, denn Boris selbst kann ja nichts alleine auf die Beine stellen, und nichts waere Cameron unangenehmer, als die Wahl naechstes Jahr wegen Boris zu verlieren. Das sagt wohl alles.

  5. @ben, @tbw: In Berlin reagieren viele Leute leider nicht auf Regeln, sondern nur auf Repression, in London darf man wie bei so vielen anderen Beispielen (Rauchen, Hundekot) auch beim Alkohol auf die Einsicht der Menschen zumindest hoffen.
    @d.z. bodenberg: War mir neu, dass ganze belegte Brötchen als geschlossene Speisen gelten. Frappierend finde ich ohnehin eher folgenden Absatz des „VBB-Tarifs“ und da vor allem Punkt 1:

    § 3 Von der Beförderung ausgeschlossene Personen

    Personen, die eine Gefahr für die Sicherheit oder Ordnung des Betriebes oder für die Fahrgäste
    darstellen, sind von der Beförderung ausgeschlossen. Soweit diese Voraussetzungen vorliegen, sind
    insbesondere ausgeschlossen
    1. Personen, die unter Einfluss alkoholischer Getränke oder anderer berauschender Mittel stehen,
    2. Personen mit ansteckenden Krankheiten gemäß Infektionsschutzgesetz,
    3. Personen mit Waffen, die unter das Waffengesetz fallen, es sei denn, dass sie zum Führen von
    Waffen berechtigt sind,
    4. Personen, die Gewaltbereitschaft zeigen bzw. Gewalt ausüben,
    5. verschmutze (sic!) und/oder übel riechende Personen

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