Berlin Calling – Beatsteaks in London

Ein schummriger, muffiger Keller in Camden Town. Die Plakate des Underworld-Clubs kündigen Bands an mit Namen wie „Blitzkrieg“ oder „Burial beneath the Ashes“ (Beerdigung unter der Asche). Heavy Metal und Hardcore der konsequentesten Sorte sind sonst hier Programm. Heute Abend spielt eine deutlich vielseitigere Band. Die Beatsteaks sind nach London gekommen. In Deutschland füllen sie mit ihrer Mischung aus Punk, Hard Rock und Elementen aus Hip Hop und Pop die großen Hallen und Open-Air-Bühnen. In England kennt sie fast niemand. Und gerade das reizt die Band aus Berlin. „Wir gehören doch in solche Clubs“, sagt Torsten Scholz, der Bassist. Der Rock vor großem Publikum, der mache satt. Im Ausland zu spielen, das sei eine ganz besondere Herausforderung, auch wenn man zu Hause Erfolg hat.

E-Gitarren-Stakkato zerhackt die trotz Rauchverbots dicke Luft. So ähnlich wird sich das in den späten Siebzigern auch angehört haben, als „London Calling“ erschien, The Clashs berühmtestes Lied. Die ersten Akkorde des Beatsteaks-Stücks „Hello Joe“ erinnern daran. Gewidmet ist es Joe Strummer, „the greatest Rock’n’Roll singer of all times“, wie ihn Arnim Teutoburg-Weiß, der Sänger der Beatsteaks, nennt. Der Abend ist ein großer Erfolg. Ein schweißtreibender Club-Gig, bejubelt und durchtanzt von 500 Fans im ausverkauften Underworld. Ein Publikum, das zum größten Teil deutsch spricht. Schließlich wohnen 60 000 Deutsche in London. Und ein paar Fans folgen den Beatsteaks überall hin. Doch es sind auch einige Engländer gekommen. „Ja ja, auch wir interessieren uns auch für andere Musik als unsere eigene“, sagt ein einheimischer Fan. Seine Schwester habe ihn auf die Band gebracht. Ohnehin sind an diesem Abend sehr viele weibliche Fans da. „Wenn du die Frauen begeisterst, dann hast du schon gewonnen“, sagt Torsten Scholz und bezieht das vor allem auch auf seine Arbeit als DJ.

Das Underworld liegt direkt am U-Bahnhof Camden Town, mit legendären Spielstätten des Punk wie Electric Ballroom oder Dingwalls gleich um die Ecke. „Natürlich bedeutet dieser Ort hier uns etwas“, sagt Torsten Scholz. „Schließlich hat jeder von uns zwei, drei Clash-Platten im Schrank.“ Doch Berlin könne ja schließlich auch pophistorisch glänzen. Zum Beispiel mit den Hansa-Studios, die Stars von David Bowie und Iggy Pop bis Depeche Mode anzogen.

„Camden ist aber schon etwas anderes als Lichtenberg.“ In dem Bezirk wuchs Torsten Scholz auf. Nach der Wende erarbeitete er sich die Geschichte des Punk. „Ich hoffe, dass unsere jungen Fans über ,Hello Joe‘ auf The Clash aufmerksam gemacht werden.“ Er selbst habe sich von neueren Bands wie Green Day zurück zu den Anfängen gehangelt. Heute hört er am liebsten HipHop. Auch da hole Berlin auf. Vermeintliche Skandalrapper wie Bushido seien zwar nicht besonders gut, aber als erster Schritt zu einer eigenen Szene wichtig.

Großbritannien zu erobern, davon sind die Beatsteaks noch weit entfernt. Obwohl – oder vielleicht gerade weil – sie Punkrock der besten angelsächsischen Schule spielen, größtenteils auch noch mit englischen Texten. Von solchen Bands haben die Briten selbst genug. Aus Deutschland erwarten sie elektronischen Sound, alles, was sich auf Kraftwerk beruft. Immerhin hoffen die Beatsteaks darauf, dass ihre Plattenfirma ihre Musik bald auch in Großbritannien rausbringt.

Die Tour in England – vor London waren die Berliner schon in Bristol, Nottingham und Cambridge – war also kein Trip zurück zu den Wurzeln. „Es ist eher ein Luxus, den wir uns leisten“, sagt Torsten Scholz. „Wir sind ja nicht im Lieferwagen unterwegs. Wir haben einen komfortablen Bus und wohnen in guten Hotels.“ Großes Geld verdienen sie in England nicht. Sie machen Verlust. Das ist ihnen die ganz besondere Herausforderung wert.

Hier hinter diesem Link bloggt ein Kollege über die Beatsteaks in Bristol.

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.