Muslimischer Think Tank gegen Extremismus stellt sich vor

Der Ort ist gut gewählt. Der neue muslimische Think Tank stellt sich im British Museum vor und vermittelt damit eine klare Botschaft: Diese Organisation steht in der Tradition des Westens. Sie ist gegründet von Menschen, deren Heimat Großbritannien und deren Religion der Islam ist. Die Quilliam-Stiftung, die sich am Dienstag in London präsentiert, beschreibt sich selbst als „Think Tank gegen Extremismus“.

„Wir können nicht Al Qaida entradikalisieren“, sagt Ed Husain, Quilliam-Mitgründer und Autor des Buches „The Islamist“, in dem er seinen Weg vom jungen muslimischen Briten zum Extremisten und zum Aussteiger beschreibt. Aber die neue Organisation könne jungen, gefährdeten Muslimen andere Wege aufzeigen, die Mythen der Fundamentalisten widerlegen und dabei helfen, einen „westlichen Islam wiederzubeleben“, der sich an Werten wie Toleranz, Rationalität und Gleichberechtigung orientiere. Dazu wollen Aussteiger wie Ed Husain in die Moscheen und Jugendtreffs gehen, um mit den jungen Muslimen zu diskutieren.

Ein erster großer Kongress der Stiftung soll sich mit dem Thema Frauen im Islam befassen. Ein erstes Arbeitspapier legt der Think Tank am Dienstag im British Museum bereits vor. Mit Empfehlungen zum Kampf gegen Extremismus. Zu den Vorschlägen gehören Rehabilitierungszentren für Extremisten als Anreiz für Aussteiger, Druck auf muslimische Organisationen, sich öffentlich von radikalen Predigern und Autoren zu distanzieren, oder die Arbeit gegen die Radikalisierung junger Muslime in Gefängnissen.

Wer zum British Museum will, der steigt am U-Bahnhof Russell Square aus. Am 7. Juli 2005 kamen dort 26 Menschen ums Leben, fast die Hälfte der Opfer, die an dem Tag von Selbstmordattentätern in London ermordet wurden. Rachel North war in dem Waggon, in dem eine der Bomben gezündet wurde. Jetzt unterstützt sie Quilliam. „Der Islam ist nicht der Feind, sondern Teil der Lösung des Problems“, sagt die Londonerin, die in ihrer Rede daran erinnert, dass auch Muslime zu den Anschlagsopfern gehörten. Als Rachel North davon erzählt, wie sich die verletzten Überlebenden im dunklen Waggon gegenseitig Mut machten, herrscht atemlose Stille im mit 300 Gästen gefüllten Vortragssaal des Museums.

Das Gedankengut, das zu Taten wie denen vom 7. Juli 2005 führt, kennen Ed Husain und Maajid Nawaz, die Quilliam-Gründer, aus eigener Erfahrung. Beide sind ehemalige Mitglieder der fundamentalistischen, in Deutschland verbotenen Hizb ut-Tahrir (Partei der Befreiung). Von der panislamischen Ideologie dieser Organisation haben sie sich losgesagt, nachdem sie sich eingehender mit islamischer Lehre beschäftigt hatten. Jetzt treten sie für einen anderen, aber aus ihrer Sicht gar nicht so neuen Islam ein, für „unser andalusisches Erbe von Pluralismus und Respekt“. Und für ein britisches Erbe: Denn nicht nur der Ort der Vorstellung, auch der Name der Stiftung ist Programm: Sie wurde benannt nach Abdullah William Quilliam, einem englischen Konvertiten, der 1889 in Liverpool Großbritanniens erste Moschee gegründet hatte – im Geiste des Dialogs.

Den aktuellen Dialog beleben sollen prominente Unterstützer. Eine Reihe renommierter muslimischer Gelehrter gehört zum Beraterkreis. Es wäre gut gewesen, wenn diese Initiative früher und aus ihren Reihen gekommen wäre, merken einige selbstkritisch an. Paddy Ashdown, der frühere Chef der britischen Liberaldemokraten und ehemalige Sondergesandte für Bosnien-Herzegowina, unterstützt Quilliam ebenfalls. Wie auch der Historiker Timothy Garton Ash, der sich im British Museum als Atheist und Liberaler vorstellt und auf „Kernwerte“ wie das Recht auf freie Meinungsäußerung und gleiche Rechte für Frauen pocht.

Neben Rachel North steht mit Jemima Khan noch eine weitere Frau am Rednerpult. Ihr Lebenslauf ist glamourös: Designerin, Unicef-Botschafterin, Ex-Frau des früheren Kricketstars und jetzigen pakistanischen Politikers Imran Khan, Ex-Freundin des Schauspielers Hugh Grant, Tochter des Milliardärs James Goldsmith. „Ich weiß, dass ich nicht dem Idealbild einer Muslimin entspreche“, sagt Jemima Khan, die areligiös aufgewachsen und nach ihrer Heirat mit Imran Khan Muslimin geworden ist. Aber gerade deshalb hätten die Quilliam-Gründer sie ermuntert dabeizusein. Jemima Khan berichtet von Drohungen durch Fundamentalisten gegen die neue Organisation. Aus Angst habe sie beinahe nicht mitgemacht. Doch sie sei umgestimmt worden: „Wenn es keine Reaktion von der dunklen Seite gibt, dann liegen wir falsch“, habe Ed Husain zu ihr gesagt.

(Weitere Berichte hier und hier.)

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.