Le Stink oder Der Stink

Die Engländer klagen über Le Stink oder Der Stink, eine miefende Wolke, für die Ostwind und die Deutschen, wahlweise Franzosen, verantwortlich gemacht werden. Der Ärger ist nachvollziehbar. Die Engländer haben Angst, dass ihr landesübliches Aroma überdeckt wird. Die liebgewonnene Mischung aus Bratfettgeruch, Alkoholdunst und dem Duft von Hektolitern süßlichen Parfüms.

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.

19 Gedanken zu „Le Stink oder Der Stink“

  1. Na, jetzt hat es Markus Hesselmann den Engländern aber so richtig mal gegeben. Ob’s an der europäischen Gesinnung liegt, dass er sich hier so äußert? Als „guter Europäer“, wie man in Deutschland so schön sagt (wieso eigentlich?), ist er bekanntlich für den Lissaboner Vertrag. Aber ich hab‘ ohnehin noch nie verstanden, warum in Deutschland ausgerechnet diejenigen als „gute Europäer“ gelten, die über die Köpfe der Menschen hinweg einen Vertrag durchsetzen wollen, den die Bürger in Frankreich und in den Niederlanden mit großer Mehrheit ablehnten, und dem wohl auch die Briten in einem Referendum niemals zustimmen würden.

  2. Mir ist jetzt nicht auf den ersten Blick klar, was Le Stink mit Lissabon zu tun hat, aber wenn wir einmal beim Thema sind: Ich bin in der Tat für den Reformvertrag (meinetwegen auch die Verfassung), weil ich für die (maßvolle) Weiterentwicklung der europäischen Integration bin. Und ich bin gegen die leider bei vielen Briten (und auch nicht wenigen Deutschen) verbreitete Heuchelei, alles Schlechte immer auf Europa abzuschieben sowie das Brüsseler und Straßburger Demokratiedefizit zu beklagen und gleichzeitig jede demokratisch institutionelle Weiterentwicklung abzulehnen. Aber ich kann auch den Widerwillen der Briten gegen neue, übergreifende Institutionen aufgrund ihrer jahrhundertealten, gut funktionierenden Demokratie verstehen. Ich hätte die Briten gern als kritische Europäer mit dabei. Deshalb denke ich, dass ein grundsätzliches EU-Referendum in GB gut wäre.

  3. Ja, es stinkt hier manchmal wirklich, aber es riecht hier auch, e.g. nach Meer, und wenn dann noch die gelandeten Seemoeven kreischen, da fuehlt man sich doch glatt im Urlaub statt auf dem Weg zur Arbeit.
    Schoener Beitrag des Guardien und danke Herr Hesselmann fuer den Hinweis.

  4. In Berlin müffelt es übrigens manchmal auch ziemlich. Vor allem in der ansonsten so netten Gegend um den Winterfeldtplatz. Da liegt es wahrscheinlich wirklich an der Uralt-Kanalisation. Habe kürzlich einen ähnlichen Mief wahrgenommen, als ich in Barcelona war. Scheint tatsächlich ein internationales Problem zu sein.

  5. Der Gestank, den Sie meinen, 😀 der ist ja Luftdruck abhaengig. Nein, ich meinte eher dass hier manchmal die Wetterlage so ist, dass die Abgase extrem im Nebel stehen bleiben und den Fish und Chips Shop rieht man auch schon 100 Meter davor. Ein gutes hat ja die „Europaeische Wetterlage“ – anknuepfend an twb’s EU Assoziation. Wenn die Europaeer sich geruchsmaessig bemerkbar machen, ist es wenigstens ein Mal etwas, was die Briten erinnert „da war doch noch was, ach ja, Europa“.

  6. Stimmt. Und selbst der „Daily Telegraph“ erkennt die Ehrlichkeit der deutschen Schweinebauern und ihr offenherziges Mea Culpa an – unter der Überschrift „Scheiße“, geschrieben mit korrektem „ß“. Wenn das keine Werbung für Europa ist!
    http://www.telegraph.co.uk/opinion/main.jhtml?xml=/opinion/2008/04/20/dl2003.xml
    Das Komische ist nur: Ich habe als Londoner trotz gut entwickelten Riechorgans bislang nichts wahrgenommen, weder hier auf meinem offenbar bestens belüfteten Hügel in Walthamstow, noch gestern Abend an der Themse, wo demnach auch ein hinreichend frischer Wind weht. Oder ob das Ganze vielleicht doch mal wieder a bisserl übertrieben wird?

  7. Offensichtlich ist uns da etwas erheblich stoerendes entgangen, oder besser gesagt, vielleicht riechen wir beim naechsten Ostwind auch ploetzlich etwas, was wir ohne die beiden Artikel nie gerochen haetten.
    By the way, alleine schon der Kommentare wegen, lese ich nie den Telegraph. Ich bin durch und durch Demokrat, jeder kann seine Meinung haben und aeussern; aber ich muss nicht jedem Bloedsinn auch noch meine Aufmerksamkeit geben.

  8. Die Kommentare der meisten Leser zeigen, dass diese nicht faehig sind, die Gesamtheit zuerfassen, was wiederum der Telegraph ausnutzt, um die antieuropische Stimmung anzuheizen. Tabloid halt. Wuerde mich nicht wundern, wenn der Beitrag ueber Le Stink die einzige Auslandsnachricht an dem Tage war.

  9. Auf weit mehr als die Hälfte der EU-kritischen Leserkommentare trifft Bens Kritik sicherlich zu. Das bedeutet aber im Umkehrschluss eben auch, dass dies gewiss nicht für alle EU-kritischen Leserkommentare auf den Seiten des ‚Telegraph‘ gilt. Und schon gar nicht gilt dies für die redaktionellen Beiträge des Blatts, die ja nicht weniger lesenswert sind, als die Beiträge jener anderen britischen Zeitungen, die früher als ‚broadsheets‘ bezeichnet wurden.

    Was den angeblichen ‚tabloid‘-Charakter des ‚Daily Telegraph‘ angeht, so finde ich, dass es ja ohnehin keine einzige britische Tageszeitung gibt, die es in der politischen Bericherstattung über die Entwicklung im Ausland mit den großen deutschen Tageszeitungen aufnehmen könnte. Allenfalls die ‚Financial Times‘ ließe sich hier vielleicht nennen. Aber selbst dies gilt nur eingeschränkt, weil der Schwerpunkt der Berichterstattung auf den wirtschaftlich relevanten Themen liegt.

    Die beste englischsprachige Tageszeitung, die es erlaubt, sich regelmäßig über alle wichtigen politischen Ereignisse auf dem europäischen Kontinent zu informieren, erscheint denn auch nicht in Großbritannien, sondern wird in Paris von den Amerikanern gemacht (Herald Tribune).

    Im Gegenzug muss man aber den Briten zugute halten, dass sie mit dem ‚Economist‘ ein Nachrichtenmagazin produzieren, mit dem es in Sachen Qualitätsjournalismus kein einziges deutsches, amerikanisches oder französisches Nachrichtenmagazin aufnehmen kann.

  10. Noch mal zur Ergänzung meiner Kritik an den englischen Tageszeitungen: natürlich werden auch in den englischen Tageszeitungen alle wichtigen politischen Entwicklungen im europäischen Ausland beleuchtet. Aber oft findet man in den englischen Blättern nicht genug Fakten, die es dem Leser ermöglichen würden, sich ein eigenes (und gegebenenfalls abweichendes) Urteil zu bilden. Da ergeht es den Lesern einiger großer deutscher Tageszeitungen meist wesentlich besser.

  11. Noch eine allerletzte Bemerkung: in Sachen Lissaboner Vertrag haben ja wohl weder die großen deutschen noch die großen britischen Zeitungen ihre Hausaufgaben gemacht. Man liest entweder immer nur über das Amt eines EU-Außenministers, über die künftige Stimmengewichtung im Rat, oder ähnlichen Firlefanz – bzw. im Fall des Daily Telegraph über den Verlust der britischen Souveränität („um die anti-europäische Stimmung anzuheizen“, wie Ben dem Blatt zu recht vorwirft). Über die in Wahrheit sehr einschneidenden Veränderungen, die der Vertrag vorsieht, wird die Öffentlichkeit hingegen nicht unterrichtet. Dabei ist es egal, ob man in Großbritannien oder in Deutschland die Zeitungen liest. Leider!

  12. Zwei Lesetipps noch:

    http://www.cep.eu/fileadmin/user_upload/Pressemappe/CEP_in_den_Medien/Herzog_Gerken_2/Ein_Beitrag_zur_EU-Verfassung_Gerken_-_Herzog.pdf

    http://www.mehr-demokratie.de/fileadmin/md/pdf/volksentscheid/europa/2007-03-eu-booklet.pdf

    So. Ich habe nunmehr getan, was ich als guter Demokrat für meine staatsbürgerliche Pflicht hielt – und ich werde nie wieder einen Kommentator in diesem Blog hinterlassen, in dem ich als Erster das Thema „Lissaboner Vertrag“ anspreche. Dass ich mich hier (!) überhaupt dazu jemals zu Wort gemeldet habe, lag ja nur daran, dass Markus Hesselmann das Thema ansprach (in einem Kommentar zu seinem Beitrag: Sarkozy verbal overdressed).

    Sollte mich jemand als penetrant empfinden, so bitte ich vielmals um Entschuldigung. Wie heißt es doch so schön im Wappen des englischen Königshauses: Honi soit qui mal y pense.

  13. Nein, keineswegs. Irgendwie stellt das Programm Kommentare mit Internethinweisen in Spam oder Moderation. Werde Ihren gleich bergen. Hier wird niemand gesperrt.

  14. Vielen Dank an Markus Hesselmann. Hätte mich auch gewundert, wenn er mich ohne Vorwarnung oder Kommentar einfach gesperrt hätte. Dafür ist er einfach zu sehr Demokrat (auch wenn er sich meiner Kritik am Demokratiedefizit der EU so nicht anschließen mag – was ich natürlich ebenfalls zu tolerieren habe, obwohl es mir erkennbar nicht gerade leicht fällt).

  15. Die Printausgaben unterscheiden sich doch erheblich von den Online-Ausgaben. Es kommt vor, dass die Sonntagsausgabe sogar der Times keine Nachricht aus dem Ausland hat. Wenn ueber Europa berichtet wird, dann sind es nur Schlagzeilen wie Sarkozzy (seine Frau besser) oder Berlusconi. Europa wird wahrgenommen durch die Immigranten Brille, die die UK betrifft, soll heissen Rumaenen = Zigeuner, Polen = billige Arbeitskraefte usw. Was innenpolitisch in den Laendern passiert? Ich kann mich nicht an eine Nachricht hier erinnern. Grob gesagt kann man sagen, wenn Kinder hier in der Schule die Aufgabe bekaemen, eine Weltkarte zu malen, waeren die UK, USA und Iran/Irak/Afganisthan darauf, alles andere nur Wasser. Manchmal steigen ploetzlich Inseln auf, wenn die Queen in Australien landen muss. Aber da ich ja Deutsch perfekt beherrsche, lese ich den Standard.at und natuerlich die Heimatblaetter, wobei ich juengst mich von der Berliner verabschiedet habe. Wenn man weiss, woher Montgomery kommt (News of the World), dann ahnt man, warum die Berliner so an Qualitaet verloren hat. Natuerlich ist der Telegraph nicht mit NOFW zu vergleichem, aber er ist gefaehrlicher, weil er Stimmung macht, waehrend NOFW – ich dachte ja immer schlimmer als Sun geht’s nimmer – keine Politik macht, da gehts wie bei der Sun um anderes.

  16. Die Printausgaben der englischen Zeitungen lese ich nicht. Das kann Ben sicher wesentlich besser beurteilen. Aber auch so hat er offenbar recht. Das einzig Gute an der Londonder Times ist das Frankreich-Blog, das Charles Bremner schreibt. Ein Deutschland-Blog gibt’s gar nicht erst. Beim Daily Telegraph gibt es zwar ein Blog des Berlin-Korrespondenten. Der ist aber nicht nur für Deutschland, sondern gleich noch für den gesamten Balkan mit zuständig. Gehört demnach Deutschland in die Kategorie eines „far away country of which we know nothing“? (Letzteres waren bekanntlich die Worte von Premierminister Neville Chamberlain, als Großbritannien in den 30er Jahren die Tschechen im Stich ließ).

Kommentare sind geschlossen.