Fritz Sterns deutsche Botschaft

Fritz Stern war jetzt in der deutschen Botschaft in London. Der deutsch-amerikanische Historiker, der unlängst seine Erinnerungen „Fünf Deutschland und ein Leben“ veröffentlicht hatte, sprach über ein sechstes Deutschland, eines, das er nach eigener Aussage nicht kennt. Das klingt kokett, denn natürlich weiß der Deutschlandexperte Stern auch über das 19. Jahrhundert und das Kaiserreich alles, wenn auch in dem Fall nicht aus eigenem Erleben. Der 82-jährige Stern sprach über den fehlenden Bürgersinn und die Autoritätsgläubigkeit in jenem zweiten Reich, worin Gründe liegen, die zu den Schrecken des dritten Reichs führten, die auch Fritz Stern zur Flucht zwangen. Stern sprach aber auch über Deutsche, die diese Fehlentwicklungen früh erkannten und kritisierten. Nietzsche zum Beispiel, der den reichsdeutschen Nationalismus verabscheute und einen großen Sieg wie den von 1871 für gefährlich hielt. Oder Theodor Mommsen, der gegen den Zeitgeist liberal war und den vor allem mit England, dem Mutterland der bürgerlichen Freiheit, vieles verband. Ich habe mich beim Zuhören gefragt, warum diese spezielle deutsche Linie den Deutschen selbst so wenig bewusst ist. In der Schule habe ich jedenfalls darüber wenig gelernt. Nichts zum Beispiel über Robert Blum, den radikalen Liberalen der 48er-Revolution. Der Begriff „liberal“ gilt bei uns, meist mit der Vorsilbe „neo-“ versehen, ja eher als Schimpfwort. Warum lesen wir Marx in der Schule, aber nicht Hayek? „Der Weg zur Knechtschaft“ ist ein Buch, das alle derzeit mal wieder sozialismusbesoffenen Deutschen zur Hand nehmen sollten. (Und hier gibt es ein Interview mit Fritz Stern.)

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.

Ein Gedanke zu „Fritz Sterns deutsche Botschaft“

  1. Dieser wunderbare Beitrag spricht mir aus der Seele.

    Nachdem ich beim vorherigen Beitrag (Sarkozy verbal overdressed) einmal kritisch nachhakte, und das andere Mal deutlich gegenhielt, freue ich mich, dass ich Markus Hesselmann dieses Mal uneingeschränkt zustimmen kann.

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