An inconvenient truth: Handtuch-Krieg unter Briten

Deutschland wurde beleidigt. Die britische Gleichstellungs- und Menschenrechtskommission ist eingeschaltet. Der Übeltäter musste sich öffentlich entschuldigen. „Rassismus-Streit bricht aus“, titelt das Massenblatt „Daily Mail“. Auch der „Daily Telegraph“ berichtet über den Fall. Und natürlich die „Sun“. Was ist geschehen? Was bringt Britannien derart in Wallung? „Wir brauchen dieses germanische Verhalten hier nicht“, hatte Christopher Wells, Kapitän des Kreuzfahrtschiffs „Oceana“, über Lautsprecher seine rund 2000 Passagiere auf einer Fahrt in die Karibik wissen lassen. Mit einem kleinen, typisch britischen Witz wollte er verhindern, dass immer wieder Sonnenliegen am Pool mit Handtüchern für ganze Tage reserviert wurden. Ein Passagier fand die Bemerkung nicht komisch, sondern fremdenfeindlich und beschwerte sich. Die Presse erhielt einen Hinweis, die Kommission ebenfalls, der launige Spruch wurde zum Rassismus-Fall. „Die Gleichstellungs- und Menschenrechtskommission hat eine Untersuchung eingeleitet wegen des Vorwurfs, dass die deutsche Nation verunglimpft wurde“, schreibt die „Daily Mail“. Die Kommission bestätigte auf meine ungläubige Nachfrage hin, dass sie tatsächlich informiert worden sei, wollte aber nichts Näheres dazu mitteilen. Eine Sprecherin des Kreuzfahrtveranstalters P&O sagte, Kapitän Wells habe niemanden verletzen wollen. Er habe nichts gegen die Deutschen, seine Frau sei selbst Deutsche.

Hinter der ganzen Aufregung steckt ein britischer Lieblingsmythos: der „towel war“ (Handtuch-Krieg). Aus der Angewohnheit einiger deutscher Mallorca-Urlauber, frühmorgens am Pool Sonnenliegen mit Badetüchern zu reservieren und etwas länger schlafende Briten um ihre Urlaubsbräune zu bringen, ist auf der Insel eine Legende geworden. Eine sichere Wahl für Comedysendungen, Werbespots (hier der großartige Dambusters-Clip), Songs (Don’t let the Germans nick your sunbeds) oder Zeitungskolumnen, in denen Deutschland vorkommt, und sogar ein Online-Spiel.

Dieser Fall hier ist allerdings komplizierter: Es sei unwahrscheinlich, dass auf dem Schiff überhaupt deutsche Passagiere gewesen seien, sagte die P&O-Sprecherin. Man habe die Kreuzfahrt nur in Großbritannien angeboten. Eine deutsche Rezeptionistin, von der „Daily Mail“ als mögliches beleidigtes Opfer ausgemacht, hat der Sprecherin zufolge gesagt, dass sie die Bemerkung in Wirklichkeit lustig fand. Die Beschwerde über den Kapitän sei in jedem Fall von einem britischen Passagier gekommen. Um dieses Detail drücken sich die britischen Zeitungen: Da hat ein Brite den britischen Humor nicht verstanden. Noch dazu in einem „towel war“ ganz ohne deutsche Beteiligung. Ein Bürgerkrieg am Pool. Eine Handtuch-Schlacht unter Briten. Eine unangenehme Wahrheit.

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.

7 Gedanken zu „An inconvenient truth: Handtuch-Krieg unter Briten“

  1. Menschen, die sich im Urlaub mit einem Handtuch auf einer Sonnenliege oder einem nicht weniger begrenzten Kreuzfahrschiff zufrieden geben, waren mir schon immer suspekt. Kein Witz kann deren Freizeitgestaltung lustiger werden lassen.

  2. Hallo , hat jemand schon mal etwas von dem Song : Towels, but no people gehört ?

    Gruesse
    Edu

  3. ich habe es jetzt produziert in Englisch und Deutsch :0)
    Wers haben will mailt mir einfach :o)

    Gruss
    Edu

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