Reality Check am Ticketautomaten

Londoner verlieren im Öffentlichen Nahverkehr selten die Fassung. Eine junge Mutter aber redete sich kürzlich am Ticketautomaten im Bahnhof Walthamstow Central so in Rage, dass ihre kleine Tochter Angst bekam und anfing zu weinen. „I am not mad at you, I am mad at Public Transport“, sagte die Mutter, um ihre Tochter zu trösten. Sie wollte mit dem Kind in die Stadt, doch die Victoria Line fuhr wegen planned closure für Reparaturen mal wieder nicht. Jetzt müssten sie erst sechs Pfund für die Overground nach Liverpool Street zahlen und dann noch einmal sechs, um mit der U-Bahn weiterzukommen, klagte die Frau. 18 Euro (36 Mark, ich denke oft immer noch so) für eine Fahrt in die Innenstadt – der Londoner Nahverkehr kann das Budget einer jungen Familie schnell sprengen. Nach diesem reality check – und der aufgefrischten Erkenntnis, wie gut es uns im Nahverkehr daheim in Berlin geht – fiel mir gleich das Gejammer eines Neu-Londoners ein. Der Fußballprofi Jonathan Woodgate, der nach seinem Wechsel vom FC Middlesbrough zu Tottenham Hotspur angeblich 90000 Euro in der Woche verdient, beschwerte sich über exorbitante Hauspreise in der Hauptstadt. „I think you could buy 10 penthouses up north for the price of something down here“, sagte Woodgate. Der Arme. Dabei hat er ja Recht. Nur hätte er als Angehöriger einer schwerreichen Parallelgesellschaft, die seit Jahren die Preise in London in die Höhe treibt, doch besser die Klappe gehalten.

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.

10 Gedanken zu „Reality Check am Ticketautomaten“

  1. …vielleicht darf ich an dieser stelle anmerken, dass meine unlängst gekündigte wohnung in whitechapel wieder auf dem markt ist – zu 75 pfund p/w mehr als vor noch einem jahr. in hesselmannscher valuta sind das etwa 1000 mark pro monat. nicht insgesamt. mehr. ich würde mir gern einreden, dass diese wertsteigerung mit meinem aufenthalt in der wohnung zusammenhängt.

  2. Aber wenn die gute Frau in London wohnt und mehr als ca. 2 Mal im Jahr mit der U-Bahn/Bus/etc. fährt, wieso hat sie denn kein (schreckliches Ding) RFID-„Oyster card“? Wie heißt es, „daily cap“ oder so? Man bezahlt immer höchstens 50 pence weniger als eine Tageskarte. Und wenn die Tochter so klein ist, wird das Mädchen doch umsonst mitfahren können, wie alle, die so aussehen, als ob sie 5 Jahre alt oder jünger sind. Und falls es immer noch kein Oystercard-Lesegeräte auf dem „Overground“ gibt, ist es eh doch egal, 95% der Fahrgäste fahren damit eh schwarz, Deutsche Bahn-Beteiligung hin oder her…

    Gibt es kein Bus von Walthamstow bis nach Liverpool Street?

  3. Sie wirkte jedenfalls ziemlich lost in transport. Vielleicht braucht sie einen persönlichen Nahverkehrscoach, der ihr das alles erklärt? (Und mir gleich mit.) Das Overground-Lesegerät gibt es jedenfalls. Wobei ich jetzt noch gelernt habe, dass die Strecke Walthamstow – Liverpool Street gar nicht zu London Overground, sondern zu British Rail gehört. Es ist eine Wissenschaft. Einen Bus gibt es auf der Strecke, der braucht drei Mal so lange wie die Bahn, mindestens.

  4. Kostet aber bestimmt nur ein Drittel.
    British Rail? Ne, bestimmt nicht. Oder haben sie wieder etwas verstaatlicht (cf. Connex) 😉
    Höchstens ‚one railway‘ oder ‚Arriva‘ bzw. ‚Great Eastern‘ oder vielleicht neuerdings ‚National Express East Anglia‘. Oder doch ‚WAGN‘? Nach einiger Zeit verstehst du das alles, genauso wie du bestimmt das (erste) Einwegpfandsystem hier in D. auf Anhieb verstanden hast, und nie verstehen konntest, warum Außenseiter das nie begriffen hatten…

    (also: alle Einwegglas/-plastikflaschen und -dosen bis 500ml und mit Sprudel, außer Schaumwein: 25ct; ab 500ml und mit Sprudel, außer Schaumwein: 50ct, oder war es 1 Euro, Einwegflaschen ohne Sprudel: kein Pfand; Einwegdoesn ohne Sprudel: doch Pfand; und dann Bons sammeln und sie ggf. per INternettauschbörsen sammeln und so einlösen. Oder Pfandchips? Ich habe noch einige hier….aaaaargh.

    Bei Hit/Ullrich am Bahnhof Zoo gibt es neuerdings wieder Dosenbier.

  5. Das mit dem Mülltrennen ist hier für den Verbraucher praktisch gelöst. Man stopft alles Recylebare in handliche Wannen im Vorgarten. Dann fährt eine gigantische Mülltrenn- und -sammelanlage auf Rädern vor und fleißige Hände sortieren das Altpapier, die Flaschen und das Plastik auseinander. Weniger praktisch ist das allerdings für die Stadtreinigung, denn bei Wind fliegt alles durch die Straßen. Und hier ist oft und gern Wind.

  6. Als Londoner ist das englische System mir bekannt, obwohl, ja, was man in Waltham Forest recycleln (lassen) darf, völlig anders sein kann als 5km weiter in Redbridge oder Newham…

  7. Stimmt. Ich habe in anderen Boroughs auch schon die kluge Lösung mit Deckeln für die Recyclingwannen beobachtet. Dann fliegt nicht alles herum. Hat sich in Waltham Forest noch nicht durchgesetzt.

  8. Das ist ja fast deutsch! Und womöglich auch noch gelbe, grüne und blaue Plastikkübel am Straßenrand? Hier gibt es nur schwarze Plastikwannen, eine von unseren beiden ist gerade verschwunden, so dass ich mir mit meinen Nachbarn eine teilen muss, was den Recycling-Enthusiasmus nicht gerade fördert.

  9. Fast deutsch (bzw. fast berlinerisch) ist die Tatsache, dass in Barking and Dagenham, jedeR BewohnerIn eine kostenlose Biomülltonne vom Bezirksamt angeliefert bekommen kann. Anders als in Berlin aber, kommen keine Mülltypen einmal im Monat, um das stinkende Ding zu entleeren, sondern man bekommt Tipps, wie man aus dem Biomüll Compost macht (Urin dazugiessen, z.B.) Und dann im heimischen Garten hat man, nach einige Zeit, ganz tollen Compost!

    Allerdings gibt es keine Mülltrennungskübel am Straßenrand wie z.B. auf DB-Bahnhöfe. Sondern lediglich „Rest“mistkübel, und hier und da riesige Altpapiertonnen und Glascontainer (auch wenn Altpapier und Altglas auch in den orangefarbene (doch nicht grüne) Müllbeutel mitgenommen werden). Das ist aber nicht neu, vor 20 Jahren gab’s sie auch…

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