Wer will schon nach Morden?

Wie Frau Kogelboom einmal ein transport problem in der Londoner U-Bahn hatte, als sie ganz schnell zum Flughafen musste (ich kann’s bezeugen, ich war dabei):
„Die Chefs des Londoner Nahverkehrs haben eine ganz einfache Methode entwickelt, um die Fahrgäste vor dem Durchdrehen zu schützen: Sie ziehen mit ihren ahnungslosen Probanden ein strenges Fitnessprogramm durch – wer sich viel bewegt, regt sich nicht so schnell auf. In diesem Sinne erschien auf der Anzeigetafel am Bahnsteig: ‚Next train to Morden Platform 4‘. Dahinter eine blinkende ‚1‘, was bedeutet, dass der nächste Zug bereits in einer Minute in Gleis 4 eintrifft. Ich klackerte unzählige schmale Stufen mit bronzefarbenem Metallbeschlag auf und ab, sprang auf eine vergleichsweise sehr schnell rollende Rolltreppe – Northbound? Southbound? – und traf mit den Seitenstichen einer untrainierten Sprinterin auf Gleis 4 ein. Dort meldete die Anzeigetafel: ‚Next train to Morden Platform 2‘, dahinter eine blinkende ‚1‘. Ich hetzte wieder zurück, erlebte mehrmals diese dem ungewohnten Linksverkehr geschuldeten Rempelsituationen, bei denen einem plötzlich ein stets in dieselbe Richtung ausweichender Fremder gegenübersteht – Sorry! Sorry! Excuse me! Pardon me! – und schnappte nach Luft. Der Vorgang wiederholte sich insgesamt vier- oder fünfmal. Die Chefs der Londoner Verkehrsbetriebe hatten sich eine hochmoderne Choreografie ausgedacht, ich fühlte mich ein bisschen wie ein Schauspieler in Elfriede Jelineks ‚Sportstück‘. Wer will schon nach Morden?“ (Die ganze Glosse ist hier zu finden, mehr über transport problems hier.)

Autor: Markus Hesselmann

Tagesspiegel-Korrespondent Markus Hesselmann über Britisches, Allzubritisches aus der Metropole des Pop, des Fußballs, der Kunst und der Politik.