Zu nackt für die U-Bahn

Cranach Venus Royal Academy of Arts
Ab zehn Grad und zwei Sonnenstrahlen sind Shorts, Flip-Flops und tief ausgeschnittene Tops im Londoner Stadtverkehr Pflicht. In der Sauna aber bleiben Badehose und Bikini an. London ist eine merkwürdige Mischung aus Burleske und Puritanismus. Viel zu sexy ist da deutsche Kunst aus dem 16. Jahrhundert. Ein Plakat zur kommenden Cranach- Ausstellung in der Royal Academy of Arts darf nicht mehr in U-Bahnhöfen hängen. „Wir müssen an die ganze Bandbreite unserer Fahrgäste denken und sicherstellen, dass niemand Anstoß an der Werbung nimmt“, sagte ein Sprecher von London Underground der Daily Mail. Man habe nun einmal keine B-Version, auf der die Venus angezogen sei, erwiderte ein Akademie-Sprecher. Man hoffe noch auf einen Sinneswandel der Sittenwächter, wolle sich aber ansonsten um ein weniger anstößiges Poster bemühen.

Ereignistipps London -> Berlin

Ich bin auf dem Weg in den Urlaub. In zwei Wochen wird weiter gebloggt. Bis dahin! Und bis hierhin vielen Dank. Hier noch zwei Ereignistipps mit Londonern in Berlin:

„Faceless“: Die österreichische Künstlerin Manu Luksch, die in London und Wien lebt, hat einen Spielfilm produziert, der ausschließlich aus Aufnahmen britischer Überwachungskameras besteht – Aufnahmen von der Künstlerin selbst, die sie bei Behörden und Unternehmen über die Jahre angefordert und zu dem Film zusammengeschnitten hat. Bei der Transmediale im Haus der Kulturen der Welt präsentiert Manu Luksch ihren Science Fiction „Faceless“ am 1. Februar.

„Sie waren die Boys“: Der jüdische Sportler und Trainer Paul Yogi Mayer ist 1938 vor den Nazis von Berlin nach London geflohen. Dort betreute er nach dem Krieg die „Boys“, junge, jüdische Waisen, die den Holocaust überlebt hatten und in England aufgenommen worden waren. Deren Geschichte hat der britische Historiker Martin Gilbert aufgeschrieben. Jetzt kommt der 95-jährige Paul Yogi Mayer nach Berlin und Potsdam, um das „Boys“-Buch vorzustellen: am 23. Januar um 11 Uhr im Centrum Judaicum in Berlin und am 24. Januar um 19 Uhr in der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam. Die Schriftstellerin Pieke Biermann ist jeweils Mayers Gesprächspartnerin.

Erhebendes und Enttäuschendes zum Jahreswechsel

Das Jahr ist zu Ende und ich bin nun fast ein Jahr auf der Insel. Zeit, über viel Erhebendes und wenig Enttäuschendes nachzudenken.
Erhebend ist …
… mit Menschen aus allen Himmels- und Glaubensrichtungen in London zu leben und sich darüber zu freuen, dass diese ganz besondere Millionenstadt trotz aller Probleme so modellhaft friedlich funktioniert.
… dem einstigen Hassprediger Ian Paisley und dem früheren IRA-Terroristen Martin McGuinness beim gemeinsamen Regieren in Nordirland zuzuschauen. Und allen Freunden, Kollegen und Lesern eine Reise in dieses wunderschöne, spannende, kleine Land zu empfehlen.
… Großbritanniens meinungsfreudige, hintergründige, gedankenvolle Politmagazine „New Statesman“ und „Spectator“ zu lesen, während der Rest der britischen Presse unter dem leidet, was der „New Statesman“ so nennt: „a hysteria in the media that appears to have lost all ability to look beyond the day-to-day“.
… den BBC-Reporter Alan Johnston nach seiner Freilassung aus palästinensischer Gefangenschaft als bescheidenen, nachdenklichen, in keinem Moment rachsüchtigen Menschen zu erleben und sich zu vergewissern, dass dank Journalisten wie ihm längst nicht die ganze BBC zum Boulevardsender verkommen ist.
… Kunst von Georg Baselitz, Carsten Höller, Doris Salcedo, Jamie Reid, Thomas Schütte und vielen anderen zu sehen.
Enttäuschend ist …
… sich vom „New Musical Express“ jede Woche einen neuen Hype aus fadem Britpop-Geschrammel aufschwatzen zu lassen.
… den Tod der englischen Fußballkultur aus dem Geiste des Kommerzialismus bezeugen zu müssen.
… erkennen zu müssen, dass das vielgelobte, in Deutschland als vorbildlich geltende britische Fernsehen zu einem großen Teil Witze-, Quiz-, Reality-, Soap-, Lifestyle- und Personality-Programme sendet, die BBC leider inbegriffen.

Kunst erklären, oder lieber nicht?

Zwei spektakuläre Kunstwerke ziehen derzeit in London die Zuschauer an: Doris Salcedos „Shibboleth“, ein langer Riss, der sich durch den Boden der großen Halle der Tate Modern zieht. Und Thomas Schüttes „Model for a Hotel 2007“, ein meterhohes, tonnenschweres Architekturmodell aus buntem Glas auf dem Trafalgar Square. Die Kolumbianerin und der Deutsche gehen unterschiedlich mit der ewigen Frage um: Was will uns der Künstler damit sagen? Thomas Schütte hält sich zurück, legt ein paar Fährten, weigert sich, eine schlüssige Erklärung zu liefern. Doris Salcedo bemüht sich um Klarheit, ordnet ihr Werk ein. Der Riss verweise auf die Trennung zwischen Reich und Arm, zwischen Nord und Süd, auch zwischen Londons Norden und Süden, lautet eine ihrer Eigeninterpretationen. Als ich dann über der Zickzack-Spalte stand, ging mir die Vorgabe der Künstlerin nicht aus dem Kopf. Meine Eindrücke, Gefühle und Gedanken standen unter Vorbehalt. Hätte die Künstlerin doch geschwiegen – oder hätte ich bloß nicht hingehört.

 Shibboleth crack in Soho Shibboleth Riss in Soho

Und was wohl dieser Shibboleth zu bedeuten hat, der sich jetzt mitten in Soho auftat? (Foto: Brock Craft)