The Germans? No sense of humour – siehe Ypsilanti-Ulk

Ein Lieblingsklischee der Briten ist, dass die Deutschen keinen Humor haben. No sense of humour, those Germans. „I don’t find that funny!“, sagt dazu der German Comedy Ambassador Henning Wehn. Und ich habe das mit unserer angeborenen Humorlosigkeit bislang auch nicht wirklich geglaubt. Wer aber in diesen Tagen von London aus die Aufregung um den Ypsilanti-Ulk verfolgt, der muss den Briten wohl Recht geben. Hier auf der Insel gab es im vergangenen Jahr einen ähnlichen Fall. Der Stimmenimitator Rory Bremner rief als damaliger Schatzkanzler Gordon Brown bei der damaligen Umweltministerin Margaret Beckett an, die daraufhin bereitwillig über Kabinettskollegen herzog. Der Sender Channel 4 entschied sich gegen die Veröffentlichung, doch der „Observer“, nicht gerade ein Krawallblatt, dokumentierte das Gespräch lustvoll. Auch in Großbritannien gab es dann eine Debatte über „broadcasting ethics“, aber hier müssen die Autoritäten nicht grundsätzlich gefragt werden, ob man sie denn untertänigst jetzt mal verarschen darf. Und vor allem klagt am Ende nicht irgendein Prozesshansel, wie in diesem Fall gleich eine ganze Prozesshansel-Partei, Ypsilantis hessische SPD.

Fußball-Rückfall: Perryman lesen!

Und schon nach ein paar Tagen der erste Fußballrückfall bei London Blogging: Ich möchte aber hier unbedingt den Essay meines englischen Freundes Mark Perryman im Tagesspiegel empfehlen. Hier hinter diesem Link erklärt uns der Gründer von „Philosophy Football“ vor dem Hintergrund der deutschen Fernsehgelddebatte nach der Kartellamtsentscheidung gegen den neuen Kirch-Deal, warum England, das vielbesungene Mutterland des Fußballs, nun wirklich derzeit kein Vorbild ist – trotz aller Erfolge der Premier-League-Clubs. Denn der überkommerzialisierte Fußball auf der Insel hat schon längst mit den Fans nichts mehr im Sinn. Und es gibt gute Kommentare zu Marks Text. Gleich der erste Kommentator, „berlinmitte“, zum Beispiel meint: „Hallo Herr Rummenigge, bitte lesen!“ Siehe zum Thema auch: „Das Mutterland des Irrsinns.“

P.S.: Mark Perrymans Text jetzt auch hier hinter diesem Link mit weiteren guten Kommentaren.

The Great British Superlative – Hilfe vom Philologen

Superlative aus Greatest Britain wurden hier ausgebreitet und hier diskutiert. Jetzt half ein großer Philologe bei der Einordnung. Bei der Lektüre von „LTI – Notizbuch eines Philologen“ fiel mir folgender Satz auf, mit dem Victor Klemperer den spielerischen amerikanischen Superlativ vom Superlativ-Wahn der Nazisprache (Lingua Tertii Imperii, LTI) abgrenzt: „Ich und du, lieber Leser, wir haben beide die gleiche Freude am Übertreiben, wir wissen beide, wie es gemeint ist – also lüge ich ja gar nicht, du subtrahierst schon von selber das Nötige, und von meiner Anpreisung geht keine Täuschung aus, sie prägt sich dir durch superlativische Form nur fester und angenehmer ein!“ Klemperer spricht hier von amerikanischer Werbung, aber ich glaube, dass sich diese kleine Rezeptionstheorie auch auf die britischen Zeitungen und ihren unverkrampften Umgang mit Zahlen, Zuspitzungen und Zitaten ausdehnen lässt. Ich habe verstanden und lese jetzt britisch-entspannter.

Germany’s free-flowing beauty – auf Panzerketten

Nach Deutschland-Spielen machen von je her die gesammelten internationalen Pressestimmen Spaß. Deutschland? Nur auf Ketten! Das war jahrzehntelang Pflicht. Seit der sommermärchenhaften WM 2006 ist es ruhiger geworden, man könnte fast meinen, man mag uns im Ausland. Selbst in England werden die letzten Bastionen des Kraut-Bashings geschleift. „This was no clichéd footballing tale of Teutonic efficiency and power grinding down more creative but less physical opposition. Some of the football emanating from German feet, particularly Ballack’s, was breathtaking“, schrieb jetzt niemand anderes als der Daily Telegraph nach dem deutschen Viertelfinalsieg über Portugal. Und zu Klose und Ballack: „The pair headed in dead-ball deliveries from the outstanding Bastian Schweinsteiger, who himself finished off a move of such free-flowing beauty that it could have been invented by the Dutch.“ Germany? Free-flowing beauty? Das geht runter wie Ale. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob mir der Holland-Vergleich wirklich gefällt. Zum Glück gibt es immer noch die verlässlichen Türken. „Der Panzer ist zurück“, analysiert Sabah und verabreicht kalten Stahl, damit es uns Deutschen nicht zu warm wird ums Herz. „Die Panzer haben den Portugiesen keine Chance gegeben“, schreibt Miliyet. Ebenfalls eine „Panzer-Offensive“ am Werk sah Hürriyet. On second thoughts: Vielleicht meinen die das ja auch liebevoll-lobend.
(Diese und mehr Stimmen zum Spiel lesen Sie hier.)

Englische Streitkultur – über Grobiane mittleren Alters

Ich liebe die englische Streitkultur. Zumindest die in den Medien, im Parlament und in sonstiger Öffentlichkeit. In privaten Diskussionen, face to face, ist es ja oft so, dass man als Deutscher unangenehm auffällt, wenn man den Small-Talk-Code durch allzu direkte, mit heiligem Ernst und Leidenschaft vorgetragene Beiträge bricht. Das passiert mir inzwischen nicht mehr so oft. Aber auf Papier (und im Netz) – da geht es rund in England. Ich halte die einstmals als so angelsächsisch vorbildlich gepriesenen Nachrichtenseiten der britischen Zeitungen ehrlich gesagt für übertrieben, unzulässig zugespitzt, krampfhaft personalisiert und platt. Doch die Kommentar- und Kolumnenseiten machen mir Spaß, genau wie die vielen meinungsfreudigen Essays und Aufsätze in Magazinen und Büchern. Da schonen sich selbst Freunde und gute Bekannte nicht.

Und wenn jemand in eine Sache, über die er schreibt, selbst verwickelt ist, dann ist es gute Sitte „to declare an interest“. Also: Ich vermelde beim Folgenden ein persönliches Interesse. (Und sorry, jetzt wird dieser Blog – wie zuletzt ohnehin, warum noch gleich? – doch wieder fußballlastig.) Zwei englische Bekannte von mir, mit denen ich auch bei verschiedenen Projekten zusammenarbeite, sind publizistisch in Streit geraten. Barney Ronay vom Sportteil des Guardian und vom geschätzten Fußballmagazin When Saturday Comes sieht es als Vorteil an, dass England nicht bei der EM dabei ist und hat zur Begründung ein paar harte Worte für englische Fußballfans gefunden. Im Tagesspiegel klang das (in meiner Übersetzung) so: „Engländer werden diesmal keine Plastikstühle über ansonsten verschlafene Dorfplätze schmeißen. Die reisende Armee der rotgesichtigen, halbnackten, tätowierten, falsch singenden, Bier hinunterstürzenden Grobiane mittleren Alters bleibt zu Hause. Europas Polizisten! Ihr könnt Eure Helme und Schilde wegpacken. Wir kommen nicht.“

Der Sportwissenschaftler und England-Fan Mark Perryman nennt Barney Ronay in seinem Buch „Imagined Nation. England After Britain“ (Achtung, Achtung, auch hier ein persönliches Interesse von mir) einen „po-faced commentator“ (das schöne Adjektiv „po-faced“ ist mit „grimmig“ oder „mürrisch“ nur unzureichend übersetzt, wer kann helfen?), beschuldigt ihn streng der „indulgence in the snobbish stereotyps that England fans are so well used to“ und hält dagegen: „The author, football fanzine writer Barney Ronay, had not taken the time to check the Fifa and Uefa official reports on World Cups 2002 and 2006, and Euro 2004, when England fans were singled out for their friendship, passion, and commitment.“ Englands Fans und ihr gutes Benehmen – das wäre doch einen weiteren Feldversuch in Österreich und der Schweiz wert gewesen. Schon deshalb finde ich es schade, dass England nicht dabei ist.

P.S.: Der Blogger-Kollege Sven Goldmann hat den Engländern eine Top Ten der Fußballlieder für die EM-lose Zeit zusammengestellt. Unter anderem platziert: „Losing My Religion“ von R.E.M. und „School’s Out For Summer“ von Alice Cooper (so, das war jetzt wirklich genug pro domo).

Hooray for Pig Climber, oder: Wen unterstützen die Briten bei der EM?

Im Blick die kreative Verzweiflung, mit der polnische Zeitungen dieser Tage bei ihren Lesern punkten und in Europa bekannt werden wollen, wünsche ich mir fast die alten Zeiten des German-Bashings der britischen Tabloids zurück. Das hatte noch Wortwitz und war von gestochener prognostischer Schärfe („For you Fritz, ze Euro 96 is over“). Schön also, dass die „Sun“ den hilflosen polnischen Blattmachern jetzt zeigt, wie es geht, wenn sie vor Polens EM-Spielen jeweils polnischsprachige Ausgaben herausgibt und dabei endlich einmal wieder die Chance für herzhaft Antideutsches nutzen kann. Englische Leser scheint das ja inzwischen zu langweilen. Die „Sun“ steht unter den britischen Medien nicht allein mit ihren Bemühungen, das Beste aus einer EM zu machen, die ohne ein einziges Team von den Inseln stattfindet. „Who will you support?“, fragt die BBC in dem Trailer, mit dem sie ihr EM-Programm anpreist und ihren Zuschauern Vorschläge für eine zeitgebundene Gefolgschaft unterbreitet. Selbst Ballack kommt vor und es wird suggeriert, das Chelseas Fans jetzt wegen ihm Deutschland unterstützen. Auch der „Evening Standard“ sieht Chelsea in diesen Tagen „full of wannabe Germans“. As if. Da scheint mir einmal mehr die „Daily Mail“ eher die Stimmung im Lande zu treffen. Auch dieses Massenblatt hat das stumpf Antideutsche hinter sich gelassen, entwickelt aber stattdessen eine ausgeklügelte Fan-Dialektik, basierend auf Rivalitäten in einer englischen Premier League voller europäischer Stars: „Who will you support? It is too easy to say whoever is playing Germany. Far better to cheer on whoever reduces the star player of a rival club to a sobbing, psychiatric outpatient following a penalty shootout, or whoever kicks that rival star player up in the air in a vicious collision.“ Und dann ist da zum Glück noch Mr. Lambert aus Bridgwater. Sein Herz ist rein. Im „Bridgwater Mercury“ bekennt er sich aus folgenden Gründen zu Deutschland: „We will be supporting Germany during the Euros. My wife is German and I’m fond of the name Bastian Schweinsteiger, which translates to Pig Climber in English.“

England given a rough guide

Wer als Tourist auf die Insel kommt, trifft auf „overweight, alcopop-swilling, sex- and celebrity-obsessed TV addicts“. Das ist eine der selbstironischen Thesen des neuen Rough Guide für England. Die englischste aller englischen Zeitungen, die Daily Mail, diskutiert darüber auf ihrer Website und unterschlägt zu Recht nicht, dass der Reiseführer auch gute Seiten Englands benennt: Humor, Friedfertigkeit und vor allem Kultur. Dazu passend standen neben dem Text über den Rough Guide zum Zeitpunkt meines Besuchs auf der Website Links zu folgenden Kulturbeiträgen der Daily Mail:
Clothes Show host Louise Redknapp pregnant with Baby No.2
Enjoy your trip, Myleene? Klass’s billowing dress proves hard to walk in
Blonde joke: Cher in her worst wig ever (and that’s saying something)
Peaches Geldof caught up in shoplifting scrape yet again
Mariah shows off her husband for first time at New York gig – and says now she does want babies
Gwyneth Paltrow test-drives ANOTHER pair of super-high heels… across a cobblestone street!

Le Stink oder Der Stink

Die Engländer klagen über Le Stink oder Der Stink, eine miefende Wolke, für die Ostwind und die Deutschen, wahlweise Franzosen, verantwortlich gemacht werden. Der Ärger ist nachvollziehbar. Die Engländer haben Angst, dass ihr landesübliches Aroma überdeckt wird. Die liebgewonnene Mischung aus Bratfettgeruch, Alkoholdunst und dem Duft von Hektolitern süßlichen Parfüms.

Googlehupf: Wer suchet, der landet

Was die Leute so alles gegoogelt haben und sie zu diesem Blog führte:
don\’t let the germans nick your sunbeds
matte attacke
led zeppelin orgien
hundebesitzer asozial
pickelhaube grenadier
Ballack nackt
gefühl der irischen insel
Dekolltes
alte mann street of london in deutsch gesungen
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Fernsehen Pakistani London Autos
Wie ist man Weißwurst korrekt
einfache frisur
German Girls of the U-Bahn
ALLE Böser Held
launige sprüche für gutes essen
hasselhoff in berlin
jelinek Sportstück – gutes werk
dicke soldaten

An inconvenient truth: Handtuch-Krieg unter Briten

Deutschland wurde beleidigt. Die britische Gleichstellungs- und Menschenrechtskommission ist eingeschaltet. Der Übeltäter musste sich öffentlich entschuldigen. „Rassismus-Streit bricht aus“, titelt das Massenblatt „Daily Mail“. Auch der „Daily Telegraph“ berichtet über den Fall. Und natürlich die „Sun“. Was ist geschehen? Was bringt Britannien derart in Wallung? „Wir brauchen dieses germanische Verhalten hier nicht“, hatte Christopher Wells, Kapitän des Kreuzfahrtschiffs „Oceana“, über Lautsprecher seine rund 2000 Passagiere auf einer Fahrt in die Karibik wissen lassen. Mit einem kleinen, typisch britischen Witz wollte er verhindern, dass immer wieder Sonnenliegen am Pool mit Handtüchern für ganze Tage reserviert wurden. Ein Passagier fand die Bemerkung nicht komisch, sondern fremdenfeindlich und beschwerte sich. Die Presse erhielt einen Hinweis, die Kommission ebenfalls, der launige Spruch wurde zum Rassismus-Fall. „Die Gleichstellungs- und Menschenrechtskommission hat eine Untersuchung eingeleitet wegen des Vorwurfs, dass die deutsche Nation verunglimpft wurde“, schreibt die „Daily Mail“. Die Kommission bestätigte auf meine ungläubige Nachfrage hin, dass sie tatsächlich informiert worden sei, wollte aber nichts Näheres dazu mitteilen. Eine Sprecherin des Kreuzfahrtveranstalters P&O sagte, Kapitän Wells habe niemanden verletzen wollen. Er habe nichts gegen die Deutschen, seine Frau sei selbst Deutsche.

Hinter der ganzen Aufregung steckt ein britischer Lieblingsmythos: der „towel war“ (Handtuch-Krieg). Aus der Angewohnheit einiger deutscher Mallorca-Urlauber, frühmorgens am Pool Sonnenliegen mit Badetüchern zu reservieren und etwas länger schlafende Briten um ihre Urlaubsbräune zu bringen, ist auf der Insel eine Legende geworden. Eine sichere Wahl für Comedysendungen, Werbespots (hier der großartige Dambusters-Clip), Songs (Don’t let the Germans nick your sunbeds) oder Zeitungskolumnen, in denen Deutschland vorkommt, und sogar ein Online-Spiel.

Dieser Fall hier ist allerdings komplizierter: Es sei unwahrscheinlich, dass auf dem Schiff überhaupt deutsche Passagiere gewesen seien, sagte die P&O-Sprecherin. Man habe die Kreuzfahrt nur in Großbritannien angeboten. Eine deutsche Rezeptionistin, von der „Daily Mail“ als mögliches beleidigtes Opfer ausgemacht, hat der Sprecherin zufolge gesagt, dass sie die Bemerkung in Wirklichkeit lustig fand. Die Beschwerde über den Kapitän sei in jedem Fall von einem britischen Passagier gekommen. Um dieses Detail drücken sich die britischen Zeitungen: Da hat ein Brite den britischen Humor nicht verstanden. Noch dazu in einem „towel war“ ganz ohne deutsche Beteiligung. Ein Bürgerkrieg am Pool. Eine Handtuch-Schlacht unter Briten. Eine unangenehme Wahrheit.