Fair not foul: Gordon Browns Rede

Große Parteitagsreden richten sich immer an zwei Zuschauergruppen, die sich zuweilen stark unterscheiden: die Delegierten im Saal und die Wähler am Bildschirm. Bei Gordon Browns Rede soeben auf dem Labour-Parteitag in Manchester war dieser Unterschied besonders wichtig. Der Premierminister Brown musste das Vertrauen der Wähler in Zeiten der Krise zurückgewinnen. Der Parteichef Brown musste potenzielle Putschisten abschrecken und Labours Richtungsstreit eindämmen.

Den Wählern diente sich Brown als Wirtschaftsexperte an, der allein die Erfahrung habe, sie durch die Krise zu führen. Nach der Stärke des Beifalls zu urteilen, scheinen die Putschgefahren zunächst gebannt. Doch das wichtigste Dilemma bleibt: Trotz aller Schlagzeilen der letzten Tage über parteiinterne Attacken gegen Brown ist der Streit zwischen klassischen Linken und Modernisierern für ihn die größere Herausforderung.

Ein Streit, der die gesamte europäische Linke erfasst hat. „Die Achtundsechziger haben weder neue Ideen noch neue Führer hervorgebracht“, schreibt Sunder Katwala, Generalsekretär des labournahen Thinktanks „Fabian Society“, in „Newsweek“ mit Blick auf die aktuelle Lage der Linken in Europa. Deren Zukunft liege nahe der Mitte und nicht weiter außen. Das ist vor allem in Großbritannien so. Zwar nutzt die Parteilinke die derzeitige Vertrauenskrise, um eine Rückbesinnung auf klassische Labourpositionen – und damit auf die klassische Arbeiterklientel – zu fordern wie stärkere Marktregulierung, höhere Steuern für Einkommensstarke sowie höhere Mindestlöhne.

Doch das deckt sich nicht mit den Überzeugungen großer Teile der Wählerschaft auf der Insel. Eine Studie der Deutsch-Britischen Stiftung bekräftigt, dass das thatcheristische Credo von Deregulierung und Wettbewerb in Großbritannien tief im Mainstream verankert ist. Selbst die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise dürfte diese über zwei Jahrzehnte verfestigten Grundüberzeugungen nicht so einfach wieder ändern.

Dass Brown das weiß, zeigt die parteiinterne Auseinandersetzung um eine Steuer auf die Gewinne von Energieunternehmen. Brown lehnte ab, obwohl er seine parteiinternen linken Kritiker und kurzfristig auch Wähler, die unter Preiserhöhungen leiden, hätte besänftigen können. Wenn Brown nach links rückt, verliert er die Wähler der Mitte, vor allem die der rechten Mitte, die Tony Blair als Regierungschef – mit Hilfe des Schatzkanzlers Brown – mit einer Politik des Ausgleichs zwischen Wettbewerb und einer gewissen sozialen Sicherheit binden konnte. Diese große politische und wirtschaftliche Mittelklasse läuft derzeit wieder zu den Konservativen über.

„Fairness“ war ein Schlüsselwort der Rede Browns. Ein Begriff, der anders klingt als das deutsche Schlagwort „Gerechtigkeit“, das meistens gleichbedeutend ist mit dem Streben nach sozialer Gleichheit. Den meisten Briten, die gestern an den Bildschirmen saßen, geht es nicht um Gleichheit. Ihnen geht es um Chancengleichheit – auch wenn viele Delegierte im Saal in Manchester das anders sehen.

Die ganze Rede hier hinter diesem Link.

The Germans? No sense of humour – siehe Ypsilanti-Ulk

Ein Lieblingsklischee der Briten ist, dass die Deutschen keinen Humor haben. No sense of humour, those Germans. „I don’t find that funny!“, sagt dazu der German Comedy Ambassador Henning Wehn. Und ich habe das mit unserer angeborenen Humorlosigkeit bislang auch nicht wirklich geglaubt. Wer aber in diesen Tagen von London aus die Aufregung um den Ypsilanti-Ulk verfolgt, der muss den Briten wohl Recht geben. Hier auf der Insel gab es im vergangenen Jahr einen ähnlichen Fall. Der Stimmenimitator Rory Bremner rief als damaliger Schatzkanzler Gordon Brown bei der damaligen Umweltministerin Margaret Beckett an, die daraufhin bereitwillig über Kabinettskollegen herzog. Der Sender Channel 4 entschied sich gegen die Veröffentlichung, doch der „Observer“, nicht gerade ein Krawallblatt, dokumentierte das Gespräch lustvoll. Auch in Großbritannien gab es dann eine Debatte über „broadcasting ethics“, aber hier müssen die Autoritäten nicht grundsätzlich gefragt werden, ob man sie denn untertänigst jetzt mal verarschen darf. Und vor allem klagt am Ende nicht irgendein Prozesshansel, wie in diesem Fall gleich eine ganze Prozesshansel-Partei, Ypsilantis hessische SPD.

Blair/Brown: Eine Männerfeindschaft

Kaum vorstellbar, dass diese beiden Männer einst ein Büro in Westminster teilten, dass sie mal gute Kollegen und Verfechter einer gemeinsamen Sache waren. Nun könnte ein den Medien zugestecktes Memo des früheren britischen Premierministers Tony Blair den letzten Anlass zur totalen Demontage seines Nachfolgers Gordon Brown liefern. In dem Schrieb warnte Blair vor einem Jahr einen Parteifreund vor Browns Unfähigkeit, das gemeinsame Projekt „New Labour“ weiterzuführen. An der jetzigen, mit Blick auf die nächsten Wahlen fast aussichtslosen Lage der Labourpartei ist aber nicht Brown allein schuld, auch wenn dies Blair und die Seinen historisch gern so festgeschrieben hätten. Blair hat zu seiner Zeit viel erreicht. Er überwand die starren ideologischen Lager und führte seine Partei in die politische Mitte. Doch der Mann, der Großbritannien als „großartigstes Land der Welt“ bezeichnet, trug in seiner Selbstherrlichkeit auch zu Labours Niedergang bei. Er verließ sich lieber auf externe Berater statt auf sein Kabinett und ließ den politischen Nachwuchs in seiner Partei verkümmern. Da konnte es nur auf einen wenig fähigen Nachfolger hinauslaufen.

Carpe Berlin: Scheißt auf diese Stadt!

Meinem heiligen und gerechten Zorn über Hundehalter habe ich hier schon mehrfach Ausdruck verliehen. Und der vagen Hoffnung, dass sich durch Walls orangefarbene Hundescheißeauffangstationen zumindest bei uns im Schöneberger Kiez vielleicht etwas bessert. Recherchen beim Heimatbesuch ergeben: Es sieht nicht so aus. Und es riecht auch nicht so. Jeden schönen Sommermorgen liegt in diesen Tagen wieder die frische Kacke dampfend auf dem Bürgersteig. Diese feigen Typen treten nämlich nachts auf, im Schutze der Dunkelheit. Und wenn man doch einmal einen von ihnen am hellichten Tag mit seiner Kotpumpe in Aktion sieht und Herrchen oder Frauchen freundlich darauf anspricht, wird man hysterisch angeplärrt: „Was geht Sie das an?“ Natürlich geht mich das was an, wenn vor meine Haustür geschissen wird. Warum scheißen Sie nicht vor Ihre eigene Haustür? Was ist in der Erziehung dieser Leute falsch gelaufen? Was geht in ihren Köpfen vor? Und warum stört das alles niemanden in Berlin? Warum gibt es keine Bürgerinitiativen gegen den ausufernden Scheiß wie in Wien oder in München? Warum profiliert sich kein Lokalpolitiker über das Thema? Und warum kommen Berlins Hundebesitzer nicht wie Londons Hundebesitzer einfach selbst auf den Trichter, dass sie sich asozial verhalten, wenn sie den Dreck ihrer Köter nicht wegmachen? Und diese Dreckschleudern sind ja massenhaft unterwegs, wie die Tonnen von Scheiße auf Berliner Straßen uns täglich vor Augen und Nasen führen. Wer sich beim bezirklichen Ordnungsamt die Nachfrage gönnt, warum weder hinreichend kontrolliert noch saubergemacht werde, erhält von einer freundlichen Mitarbeiterin die Antwort, dass man trotz allen Streifelaufens nichts machen könne, da man die Hundebesitzer ja auf frischer Tat ertappen müsse. Ein anderer Ordnungsamtmann forderte mich auf, doch dem Bürgermeister zu schreiben. Ok, mach ich, wie heißt unser Bezirksbürgermeister doch gleich? Nein, nicht dem Bezirksbürgermeister, sondern Herrn Wowereit solle ich schreiben. Ich bin mir nicht sicher, ob das was bringt. Der hält den Scheiß doch sicher für imagefördernd. So wie die Leute von der Website Carpe Berlin:
Carpe Berlin Hundescheiße Hundekot Hundekacke Hundedreck Hundehalter Hundebesitzer Hund Hunde
Gesehen an einem Motorrad in Schöneberg – mit Kölner Kennzeichen.

P.S.: Wie es ein zivilisierter Schweizer sieht, den es für einige Zeit in die Welthundehaufenhauptstadt verschlagen hat, steht hier hinter diesem Link.
P.P.S.: Noch etwas zum Thema gibt es hier.

Obama, throngs of fawning Germans – und dann auch noch Post von Wagner

Nett war das ja nicht, was ein PR-Mann des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain da in durchaus offizieller Mission sagte: McCains demokratischer Gegenspieler Barack Obama sei in Berlin vor „einem Haufen unterwürfiger Deutscher“ aufgetreten. Ich muss zugeben, dass mir Ähnliches in den Sinn kam, als ich die Jubelperser unter der Siegessäule rotieren sah, irgendwo zwischen Fanmeile und Reichsparteitag. Mir fiel dabei Adenauer ein, dem angesichts der deutschen Jubelarien für de Gaulle und Kennedy unwohl wurde. Und ich freute mich, derzeit mit Merkel und Steinmeier so wunderbar uncharismatische politische Führer (oops) zu haben. Zweifelnd, dass sich ein Kandidatenberater derart undiplomatisch äußern könnte, dachte ich allerdings zunächst an einen Übersetzungsfehler oder besser an eine unzulässig zuspitzende Übertragung aus dem Amerikanischen ins Deutsche. Im Originaltext der Agentur sagte der McCain-Mann „throngs of fawning Germans“. Ich hatte das Wort „fawning“ noch nie gehört und schlug nach. Und siehe, das Wort verdient eigentlich eine noch härtere Übersetzung: dict.leo bietet „kriecherisch“ an, neben „byzantinisch“ und „schwanzwedelnd“, was ja auf die Hundehauptstadt Berlin auch wieder zuträfe. Ebenso wie „hündisch“, was dict.cc neben „liebedienerisch“ und ebenfalls „kriecherisch“ für „fawning“ vorschlägt. Schön hier auch das angebotene Synonym „bootlicking“, das wiederum irgendwie an Margaret Thatcher erinnert und ihren Spruch den zu Margaret Thatchers Zeiten auf der Insel gern aufgewärmten Churchill-Spruch erinnert, nach dem man die Deutschen entweder an seiner Kehle hat oder unter seinen Füßen.

P.S. einen Tag später: Nun hat sich Bild-Wagner in unser aller Namen postalisch an den „Lieben John McCain“ gewandt. Wir Deutsche seien nicht kriecherisch, sondern romantisch, klärt er auf. Wir glaubten, dass man die Welt verbessern könne und strömten deshalb zu Obama und zur Siegessäule. Mir bleibt die Hoffnung, dass die Welt nicht schon wieder von uns Romantikern verbessert werden will.

Liberty vs. security in der ältesten Demokratie der Welt

Okay, genug zum Fußball (und Olympia ist noch nicht nah genug). Hier kommt endlich mal wieder was Politisches. Nicht ganz superfrisch, gebe ich zu, aber ich habe ja jetzt auch eine Zeit mit dem London Blogging ausgesetzt und ein bisschen was aufzuholen. Außerdem liegt mir dieses Thema wirklich am Herzen:

Sie waren sich doch immer so sicher: „Es ist ein Zeichen von Selbstbewusstsein: Die Engländer haben nicht viel Zeit damit verbracht, sich selbst zu definieren“, hat der Nachrichtenmoderator und Buchautor Jeremy Paxman, eine Art britischer Ulrich Wickert, einmal historisch zurückblickend gesagt. Um dann kritisch zu fragen: „Ist es notwendig, dies jetzt zu tun?“ Zuletzt aufgegriffen hat Paxmans Spruch ein Engländer, dessen Vater wie so viele aus Indien nach Großbritannien eingewandert ist. Ed Husain, einst Mitglied der fundamentalistischen Organisation Hizb ut Tahrir, stellte sie seinem Bekennerbuch „The Islamist“ voran – als Aufforderung an die Briten, gleich welcher Herkunft, sich über ihre Identität Gedanken zu machen und ihre Werte wie Freiheit und Toleranz zu vertreten. Das klingt nach einer Leitkulturdebatte, wie sie bislang eher für das politisch labile Deutschland als für die älteste Demokratie der Welt typisch war.

Die aktuelle Diskussion über Sicherheit und Freiheit gehört zu dieser Debatte auf der Insel. Jahrelang hatten sich die Briten zum Beispiel kaum für die vielen Überwachungskameras interessiert, die sie auf Schritt und Tritt beobachten. „Großbritannien schlafwandelt in den Überwachungsstaat“, sagte 2004 warnend der oberste Datenschützer Richard Thomas. Es sei längst so weit, fügte Thomas 2006 an und listete das britische Überwachungsarsenal auf: mehr als vier Millionen Kameras, automatische Nummernschilderkennung, Mobilfunk- und Kreditkartenüberwachung sowie eine Unzahl von öffentlichen und privaten Datenbanken, auf die Ermittler zugreifen.

Der erneute Warnruf des Datenschützers kam ein Jahr nach den Anschlägen in der Londoner U-Bahn und einem Bus – und damit noch zur Unzeit. Am 7. Juli 2005 hatten vier islamistische Selbstmordattentäter, allesamt aus Einwandererfamilien, 52 Menschen getötet und hunderte verletzt. Im Angesicht der realen Gefahr schien es in der britischen Bevölkerung ein Einverständnis mit dem Antiterrorkampf der Behörden zu geben, allerdings eher unausgesprochen stoisch als öffentlich reflektiert. Erst eine Mischung aus allgemeiner Enttäuschung über die „New Labour“-Regierung, nicht zuletzt wegen des verlustreichen Irakkriegs, sowie des Gefühls, vom „nanny state“ (bemutternden Staat) ohnehin zu sehr gegängelt zu werden, bewirkte einen Stimmungsumschwung. Mehr und mehr verbreitete sich das Gefühl, dass etwas falsch lief im Mutterland der bürgerlichen Freiheit.

In den letzten Wochen nun brach die Debatte um Sicherheit und Freiheit mit voller Wucht aus. Anlass ist jenes Gesetz, das es erlauben soll, Terrorverdächtige ohne Anklage statt bislang 28 nun bis zu 42 Tage in Haft zu halten. Premierminister Gordon Brown stilisierte die Abstimmung im Unterhaus zu einer Grundsatzfrage der nationalen Sicherheit und zur Vertrauensfrage für ihn selbst. Er zeigte Stärke und gewann – trotz vieler Dissidenten in den eigenen Reihen. Doch die Schlagzeilen über den hart und äußerst knapp errungenen Sieg stahl dem Labour-Chef ein konservativer Widersacher. David Davis, in einer möglichen konservativen Regierung als Innenminister vorgesehen, ging so weit, sein Unterhausmandat niederzulegen, um die dadurch notwendige Neuwahl in seinem Wahlkreis zur Abstimmung über bürgerliche Freiheit zu deklarieren. Davis wurde wie erwartet wieder ins Unterhaus gewählt und stieß eine nationale Debatte an.

Der „Guardian“ zum Beispiel brachte eine große Reihe „Was Freiheit für mich bedeutet“ mit Beiträgen, die weit über den Anlass des Gesetzes hinauswiesen. „Unser paternalistischer Staat macht diese Debatte notwendig“, schrieb der Philosoph A. C. Grayling in seinem Beitrag. „Unsere Mächtigen sind dem falschen Glauben zum Opfer gefallen, dass eine Technologie, die verfügbar ist, auch angewendet werden muss.“ Zum Beispiel eine, die es erlaube, die Bevölkerung auszuspionieren. „Ein bemutternder, sich einmischender, paternalistischer Staat traut seinen Bürgern nicht zu, ihre eigenen Entscheidungen zu fällen, ihre eigenen Risiken zu tragen und entsprechend Verantwortung zu übernehmen“, schrieb Grayling. Und dann erteilten auch noch die ehrenwerten Damen und Herren vom House of Lords dem Regierungschef eine Lektion. In einer ersten Debatte zeichnete sich bereits ab, dass das Oberhaus die Zustimmung zu Browns Antiterrorgesetz verweigern könnte. Das brächte zumindest einen Aufschub – und eine Verlängerung der Debatte um Sicherheit und Freiheit.

Fußball-EM: eine vexillologisch-berlinische Nachlese

Wer während der Fußball-EM die Heimat besucht hat, durfte sich wie schon bei der WM an vielen, vielen bunten Fähnlein erfreuen. Deutschland ließ wieder seine Autos patriotisch für seine Bürger grüßen. Schön, dass dieses schwarz-rot-güldene Geflatter in Berlin immer wieder ironisch durchpustet wurde. Von meinem Fenster in Schöneberg aus durfte ich beobachten, wie zwei muskelbepackte Türken vor dem Halbfinale gegen Deutschland ihren 5er-BMW beiderseits mit dem Halbmond beflaggten. Zwei Parklücken weiter stand ein Kleinwagen mit schwuler Regenbogenfahne. Ein situationistisches Sinnbild für meinen wunderbaren, wenn auch nicht immer spannungsfreien Schöneberger Kiez. Immer wieder gern gesehen auch die binationale Doppelbeflaggung: deutsch-türkisch (vor allem), deutsch-italienisch, deutsch-russisch, deutsch-britisch. Deutsch-britisch? Schwarz-Rot-Gold und der Union Jack? Da hat ein anglophiler Deutscher wohl was nicht mitbekommen. Erstens gibt es ja nun keine britische Fußballmannschaft. Zweitens hat sich keines der vier Teams aus dem Vereinigten Königreich für die EM qualifiziert. Nicht einmal Nordirland. Auf ein sonniges Gemüt (oder eine ausgeprägte Identitätskrise) weist der disparate Fahnendreier Deutschland/ Holland/Italien hin. Mein ganz persönlicher vexillologischer Höhepunkt aber war die Beflaggung an einem Mini, noch original englisch, also einem Ur-Mini aus der Zeit vor der Übernahme durch BMW. Da flatterte zweifach fröhlich der gelbe EU-Sternenkreis auf blauem Grund. Die Farbe des europabeflissenen Fahrzeugs? British Racing Green.

P.S.: Den Begriff „Vexillologie“ habe ich heute gelernt. Ich dachte bis eben, die Lehre vom Fahnen- und Flaggenwesen hieße Heraldik, bis mich Wikipedia eines Genaueren belehrte.
P.P.S.: Um nachzuweisen, dass ich mich in diesen Tagen nicht nur mit Fußball befasse, erlaube ich mir hier, ja, genau hier, einen Link zu einem Essay zu setzen, der heute im Tagesspiegel erschien. Okay, auch da wird Fußball erwähnt.

Krankes Berlin, krankes Brandenburg

Ich komme aus dem Kotzen nicht mehr raus, wenn ich den Computer hochfahre und immer wieder solche Meldungen in meinem internationalen Kiez hier in Walthamstow, umgeben von Menschen von allen Kontinenten, lese. Krankes Berlin, krankes Brandenburg, kommt endlich im normalen Leben an und gebt Ruhe:
http://www.tagesspiegel.de/berlin/Polizei-Justiz-Uebergriffe;art126,2542971
http://www.tagesspiegel.de/berlin/Polizei-Justiz-Spremberg-Rechtsextremismus;
art126,2542632

Euro-Tories

Mit dem Gedanken, es spätestens in zwei Jahren mit einem Premierminister David Cameron zu tun zu bekommen, sollten sich Großbritanniens Partner in der Welt langsam anfreunden: Labours Wahlniederlage in Crewe, sonst eine der Hochburgen der Partei in Nordengland, ist ein weiteres Indiz für einen Regierungswechsel nach der nächsten Unterhauswahl, die Premierminister Gordon Brown bis 2010 ausrufen lassen muss. Außenpolitisch hat Cameron in den ersten zweieinhalb Jahren an der Spitze der Konservativen Partei kaum Profil gewonnen. Trotzdem hat er es geschafft, sich in Europa unbeliebt zu machen, vor allem bei den eigenen Parteifreunden im EU-Parlament. Dort unternahm er den dilettantischen Versuch, eine neue, europaskeptische Gruppierung zu gründen. Bundeskanzlerin Angela Merkel ignorierte ihn deshalb zunächst. Ein Punkt aber könnte überzeugten Europäern Hoffnung machen. Darauf hat mich in einem sehr inspirierenden Gespräch Kieron O’Hara gebracht, Autor des Buches „After Blair. Conservativism Beyond Thatcher“, in dem er schon vor Camerons Amtsantritt 2005 dessen Strategie zur Modernisierung der Konservativen Partei vorweggenommen hatte. Cameron will, dass die Tories auf dem Weg in die politische Mitte alte Obsessionen hinter sich lassen, wie etwa radikale Steuersenkungen oder Ausfälle gegen Immigranten. Und womöglich auch das Feindbild EU. Eine konstruktive Europapolitik der nächsten konservativen Regierung in London – zumindest träumen darf Europa davon.

Imagined Nation – England after Britain

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Nach den Schotten fragen sich auch die Engländer, wer sie sind und ob das Vereinigte Königreich wohl in der Zukunft ihre Heimat sein wird. Diese Frage diskutiert Herausgeber Mark Perryman mit Autoren wie Billy Bragg, Rupa Huq, Tom Nairn oder Paul Gilroy in einem neuen Buch zum Thema Englishness (im Kontrast zu Gordon Browns verzweifelter Britishness-Kampagne). Ich leiste einen kleinen Beitrag zu dem Buch, indem ich unter anderem die Identitäts- und Immigrationsdebatte in Deutschland beschreibe. Unten steht ein Auszug aus meinem Text. Ein weiterer, persönlicherer Abschnitt hier, mehr zum Buch hier.

The most intriguing bit for me in my current stay here in England was to learn that there is an identity debate going on in this country right now. Wasn’t that something for Germans, a people who had always been inclined to brooding? A late nation whose identity had been crushed by having to come to terms with the greatest atrocities in the history of mankind and then being a divided country part of which was again a dictatorship. If national identity is a process of amnesia, or as Ernest Renan in his lecture “What is a Nation?? famously put it, ‘the essential element of a nation is that all its individuals must have many things in common but it must also have forgotten many things’, then the Germans would never have a chance of being a nation again, since their crimes were too outrageous ever to be forgotten. But England? The oldest democracy which was on the right side of history for most of the time? ‘It is a mark of self-confidence: the English have not spent a great deal of time defining themselves because they haven’t needed to. Is it necessary to do so now?’ asks the Newsnight presenter Jeremy Paxman.
Germans are experts on debates about national identity, so perhaps it is richly appropriate that we should be asked to contribute to yours. Our very own Leitkulturdebatte (debate about defining culture) peaked around the turn of the millennium. Interestingly the term was coined by an immigrant scholar, Bassam Tibi, and it was not so much brought to bear on Germany alone but on European or Western identity as a whole. “The values for the desirable Leitkultur must come from cultural modernity and they are: democracy, laicism, enlightenment, human rights and civil society.? It was then adopted particularly by conservative politicians in a German debate about immigration and integration. It also catered well for a popular appetite for self-discovery. Nabelschau (navel-gazing) is one of the terms used to criticize this supposedly typically German inclination. (…)
There are none of the exclusions there used to be when Germany was in denial of being a nation founded on waves of immigration. But there has to be a certain disposition, a will for identification, by all those we should be making welcome to join in. This identification does not function along the lines of ethnicity, ancestry or ‘blood’ any more, but around the acceptance of achievements such as democracy, women’s rights, free speech, free trade, entrepreneurship, social security, functioning public services and infrastructures, tax solidarity, consensus, charity, volunteering, tolerance. This sounds very much like an expanded and more detailed list of Bassam Tibi’s Leitkultur elements. But there is a bit more, and that is at least a sense of a national heritage or culture. Culture in the sense that T.S. Eliot understood it in Notes Towards a Definition of Culture, where he listed “Derby Day, Henley Regatta, Cowes, the twelfth of August, a cup final, the dog races, the pin table, the dart board, Wensleydale cheese, boiled cabbage cut into sections, beetroot in vinegar, nineteenth century Gothic churches and the music of Elgar? as elements of English culture. This identification is less about integration, which means more or less having to give up other inherited cultures, but more about a sense of inclusion, inviting others to bring inherited cultures to add something new to the continually, but also carefully negotiated Leitkultur without alienating those unfamiliar with these new additions, nor suppressing what is perceived as the original culture. Is not our present Leitkultur nothing but an amalgamation of past inclusions? I agree with what Billy Bragg wrote in his book The Progressive Patriot about “the urge of the majority to assert itself“ and what can happen if that urge breaks out from a real or imagined suppression and „is taken to the extreme?. Nazi Germany is one of his examples for the terrible consequences such an outburst can have.