Walthamstow goes to the dogs – nimmermehr

Wer auf die in London sehr wichtige, weil identitätsentscheidende Frage „Where do you live?“ antwortet, dass er in Walthamstow wohnt, bekommt meist den O-das-ist-ja-nicht-gerade-Shoreditch/Islington/Richmond/Hampstead-Blick, je nach Hipness- oder Richness-Faktor des Gesprächspartners. Um das leichte Unbehagen zu überbrücken, kommt dann meist der Hinweis auf die Band East 17, benannt nach dem hiesigen post code, und auf Walthamstows wichtigste Sehenswürdigkeit. Nein, nicht die wunderbare William Morris Gallery, die den Designer, Schriftsteller und großen Sohn des Bezirks ehrt. Genannt wird die Hunderennbahn, „an iconic London landmark“ (BBC) und das seit 75 Jahren. Das ist bald vorbei. Der dog track wird im August geschlossen. Wie so oft in London steckt der Verkauf an einen Investor dahinter, der auf dem Gelände des Stadions neue Wohnungen baut. Das in dem Fall unvermeidliche Wortspiel, Walthamstow goes to the dogs, ist also nicht ganz angebracht. Im Gegenteil, die Investorenpläne in der Nähe des Olympiageländes von 2012 sind eher ein weiterer Schritt zur Gentrifizierung meines Bezirks. Schon eröffnen Delis (Eat17), schon ziehen die ersten ruhiger werdenden party animals aus Hackney hierher. Ein Gutes hat das Ende des dog tracks. Von jetzt an herrscht hier William Morris allein bei den Sehenwürdigkeiten. Es sei denn, wir Walthamstower hören künftig: O, das ist ja da, wo die Hunderennbahn war.

England given a rough guide

Wer als Tourist auf die Insel kommt, trifft auf „overweight, alcopop-swilling, sex- and celebrity-obsessed TV addicts“. Das ist eine der selbstironischen Thesen des neuen Rough Guide für England. Die englischste aller englischen Zeitungen, die Daily Mail, diskutiert darüber auf ihrer Website und unterschlägt zu Recht nicht, dass der Reiseführer auch gute Seiten Englands benennt: Humor, Friedfertigkeit und vor allem Kultur. Dazu passend standen neben dem Text über den Rough Guide zum Zeitpunkt meines Besuchs auf der Website Links zu folgenden Kulturbeiträgen der Daily Mail:
Clothes Show host Louise Redknapp pregnant with Baby No.2
Enjoy your trip, Myleene? Klass’s billowing dress proves hard to walk in
Blonde joke: Cher in her worst wig ever (and that’s saying something)
Peaches Geldof caught up in shoplifting scrape yet again
Mariah shows off her husband for first time at New York gig – and says now she does want babies
Gwyneth Paltrow test-drives ANOTHER pair of super-high heels… across a cobblestone street!

Le Stink oder Der Stink

Die Engländer klagen über Le Stink oder Der Stink, eine miefende Wolke, für die Ostwind und die Deutschen, wahlweise Franzosen, verantwortlich gemacht werden. Der Ärger ist nachvollziehbar. Die Engländer haben Angst, dass ihr landesübliches Aroma überdeckt wird. Die liebgewonnene Mischung aus Bratfettgeruch, Alkoholdunst und dem Duft von Hektolitern süßlichen Parfüms.

Mit Muffelhansa von City nach Tegel

Während sich ganz Deutschland wegen des Heathrow-Kofferdramas nicht mehr einkriegt, hatte ich die Ehre, nach langer Zeit mal wieder mit Lufthansa zu fliegen, der deutschesten aller Fluglinien. Ist ja an sich angenehm, dass Lufthansa jetzt einen halbwegs günstigen Flug von London-City nach Berlin-Tegel anbietet. Und der kompakte City-Airport ist nun wirklich kein Vergleich mit dem gefallenen Riesen Heathrow (aber auch keiner mit Tempelhof, liebe Schließungsgegner, alle Argumente in dieser Richtung sind unsinnig, weil City trotz seines Namens kein Innenstadtflughafen ist, sondern von der Stadtrandlage her sogar eher mit Schönefeld vergleichbar). Aber dann: auch hier Verspätung. Schon vor dem Start. Eine Durchsage der Crew nach dem Boarding wälzt die Schuld erst einmal souverän auf die Reinigungstruppe ab. Bald darauf gibt die Stewardess mit bösem Blick und fuchtelnden Händen zu verstehen, dass sie beim Durchzählen der Passagiere nicht mit Kundenfragen behelligt werden will. Hätte man doch wissen müssen, dass sie gerade über Zahlen meditiert. Und nach der Landung in Tegel gibt es selbst nach einer mehr als halbstündigen Verspätung keine Entschuldigung. Man selbst war ja nicht schuld, sondern die Putzfrau. An das liebenswerte britische Chaos habe ich mich nach einem Jahr London gewöhnt. An deutsche Arroganz auch nach vierzig Jahren nicht.