Pete Doherty for London 2012!

Mehr geht jetzt nicht mehr. Das haben die Briten nach der Eröffnungsfeier von Peking sofort erkannt. Nicht zu toppen, bloß nicht übertrumpfen. Das ist der Tenor der britischen Pressestimmen im Vorgriff auf die Olympischen Spiele in London 2012. Nicht nur manchem Briten mag diese gigantische Show vorgekommen sein wie die Geburtstagsfeier des unbeliebten, aber neureichen Klassenkameraden, der alle zu sich nach Hause einlädt und dann so viel auftischt, dass sich die Gäste ganz arm und klein fühlen. Und sich schon im Vorhinein für ihre nächste eigene Party schämen.
Es war eine olympische Eröffnungsfeier als ultimativer Überwältigungsakt. Die Erben von Leni Riefenstahl und Albert Speer haben wahrscheinlich schon ihre Anwälte verständigt, um in Peking Copyrights geltend zu machen.
Was aber bleibt den armen Engländern da noch? Vielleicht eine lustige kleine Eröffnungsparty aus dem Geiste des Britpop: ironisch, schrammelig, pubertär. Könnte man nicht Pete Doherty als Regisseur verpflichten? Da käme garantiert nicht zu viel Pathos auf. Und er würde sicher auch auf ein Duett mit Sarah Brightman verzichten.

Obama, throngs of fawning Germans – und dann auch noch Post von Wagner

Nett war das ja nicht, was ein PR-Mann des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain da in durchaus offizieller Mission sagte: McCains demokratischer Gegenspieler Barack Obama sei in Berlin vor „einem Haufen unterwürfiger Deutscher“ aufgetreten. Ich muss zugeben, dass mir Ähnliches in den Sinn kam, als ich die Jubelperser unter der Siegessäule rotieren sah, irgendwo zwischen Fanmeile und Reichsparteitag. Mir fiel dabei Adenauer ein, dem angesichts der deutschen Jubelarien für de Gaulle und Kennedy unwohl wurde. Und ich freute mich, derzeit mit Merkel und Steinmeier so wunderbar uncharismatische politische Führer (oops) zu haben. Zweifelnd, dass sich ein Kandidatenberater derart undiplomatisch äußern könnte, dachte ich allerdings zunächst an einen Übersetzungsfehler oder besser an eine unzulässig zuspitzende Übertragung aus dem Amerikanischen ins Deutsche. Im Originaltext der Agentur sagte der McCain-Mann „throngs of fawning Germans“. Ich hatte das Wort „fawning“ noch nie gehört und schlug nach. Und siehe, das Wort verdient eigentlich eine noch härtere Übersetzung: dict.leo bietet „kriecherisch“ an, neben „byzantinisch“ und „schwanzwedelnd“, was ja auf die Hundehauptstadt Berlin auch wieder zuträfe. Ebenso wie „hündisch“, was dict.cc neben „liebedienerisch“ und ebenfalls „kriecherisch“ für „fawning“ vorschlägt. Schön hier auch das angebotene Synonym „bootlicking“, das wiederum irgendwie an Margaret Thatcher erinnert und ihren Spruch den zu Margaret Thatchers Zeiten auf der Insel gern aufgewärmten Churchill-Spruch erinnert, nach dem man die Deutschen entweder an seiner Kehle hat oder unter seinen Füßen.

P.S. einen Tag später: Nun hat sich Bild-Wagner in unser aller Namen postalisch an den „Lieben John McCain“ gewandt. Wir Deutsche seien nicht kriecherisch, sondern romantisch, klärt er auf. Wir glaubten, dass man die Welt verbessern könne und strömten deshalb zu Obama und zur Siegessäule. Mir bleibt die Hoffnung, dass die Welt nicht schon wieder von uns Romantikern verbessert werden will.

The Great British Superlative – Hilfe vom Philologen

Superlative aus Greatest Britain wurden hier ausgebreitet und hier diskutiert. Jetzt half ein großer Philologe bei der Einordnung. Bei der Lektüre von „LTI – Notizbuch eines Philologen“ fiel mir folgender Satz auf, mit dem Victor Klemperer den spielerischen amerikanischen Superlativ vom Superlativ-Wahn der Nazisprache (Lingua Tertii Imperii, LTI) abgrenzt: „Ich und du, lieber Leser, wir haben beide die gleiche Freude am Übertreiben, wir wissen beide, wie es gemeint ist – also lüge ich ja gar nicht, du subtrahierst schon von selber das Nötige, und von meiner Anpreisung geht keine Täuschung aus, sie prägt sich dir durch superlativische Form nur fester und angenehmer ein!“ Klemperer spricht hier von amerikanischer Werbung, aber ich glaube, dass sich diese kleine Rezeptionstheorie auch auf die britischen Zeitungen und ihren unverkrampften Umgang mit Zahlen, Zuspitzungen und Zitaten ausdehnen lässt. Ich habe verstanden und lese jetzt britisch-entspannter.

Liberty vs. security in der ältesten Demokratie der Welt

Okay, genug zum Fußball (und Olympia ist noch nicht nah genug). Hier kommt endlich mal wieder was Politisches. Nicht ganz superfrisch, gebe ich zu, aber ich habe ja jetzt auch eine Zeit mit dem London Blogging ausgesetzt und ein bisschen was aufzuholen. Außerdem liegt mir dieses Thema wirklich am Herzen:

Sie waren sich doch immer so sicher: „Es ist ein Zeichen von Selbstbewusstsein: Die Engländer haben nicht viel Zeit damit verbracht, sich selbst zu definieren“, hat der Nachrichtenmoderator und Buchautor Jeremy Paxman, eine Art britischer Ulrich Wickert, einmal historisch zurückblickend gesagt. Um dann kritisch zu fragen: „Ist es notwendig, dies jetzt zu tun?“ Zuletzt aufgegriffen hat Paxmans Spruch ein Engländer, dessen Vater wie so viele aus Indien nach Großbritannien eingewandert ist. Ed Husain, einst Mitglied der fundamentalistischen Organisation Hizb ut Tahrir, stellte sie seinem Bekennerbuch „The Islamist“ voran – als Aufforderung an die Briten, gleich welcher Herkunft, sich über ihre Identität Gedanken zu machen und ihre Werte wie Freiheit und Toleranz zu vertreten. Das klingt nach einer Leitkulturdebatte, wie sie bislang eher für das politisch labile Deutschland als für die älteste Demokratie der Welt typisch war.

Die aktuelle Diskussion über Sicherheit und Freiheit gehört zu dieser Debatte auf der Insel. Jahrelang hatten sich die Briten zum Beispiel kaum für die vielen Überwachungskameras interessiert, die sie auf Schritt und Tritt beobachten. „Großbritannien schlafwandelt in den Überwachungsstaat“, sagte 2004 warnend der oberste Datenschützer Richard Thomas. Es sei längst so weit, fügte Thomas 2006 an und listete das britische Überwachungsarsenal auf: mehr als vier Millionen Kameras, automatische Nummernschilderkennung, Mobilfunk- und Kreditkartenüberwachung sowie eine Unzahl von öffentlichen und privaten Datenbanken, auf die Ermittler zugreifen.

Der erneute Warnruf des Datenschützers kam ein Jahr nach den Anschlägen in der Londoner U-Bahn und einem Bus – und damit noch zur Unzeit. Am 7. Juli 2005 hatten vier islamistische Selbstmordattentäter, allesamt aus Einwandererfamilien, 52 Menschen getötet und hunderte verletzt. Im Angesicht der realen Gefahr schien es in der britischen Bevölkerung ein Einverständnis mit dem Antiterrorkampf der Behörden zu geben, allerdings eher unausgesprochen stoisch als öffentlich reflektiert. Erst eine Mischung aus allgemeiner Enttäuschung über die „New Labour“-Regierung, nicht zuletzt wegen des verlustreichen Irakkriegs, sowie des Gefühls, vom „nanny state“ (bemutternden Staat) ohnehin zu sehr gegängelt zu werden, bewirkte einen Stimmungsumschwung. Mehr und mehr verbreitete sich das Gefühl, dass etwas falsch lief im Mutterland der bürgerlichen Freiheit.

In den letzten Wochen nun brach die Debatte um Sicherheit und Freiheit mit voller Wucht aus. Anlass ist jenes Gesetz, das es erlauben soll, Terrorverdächtige ohne Anklage statt bislang 28 nun bis zu 42 Tage in Haft zu halten. Premierminister Gordon Brown stilisierte die Abstimmung im Unterhaus zu einer Grundsatzfrage der nationalen Sicherheit und zur Vertrauensfrage für ihn selbst. Er zeigte Stärke und gewann – trotz vieler Dissidenten in den eigenen Reihen. Doch die Schlagzeilen über den hart und äußerst knapp errungenen Sieg stahl dem Labour-Chef ein konservativer Widersacher. David Davis, in einer möglichen konservativen Regierung als Innenminister vorgesehen, ging so weit, sein Unterhausmandat niederzulegen, um die dadurch notwendige Neuwahl in seinem Wahlkreis zur Abstimmung über bürgerliche Freiheit zu deklarieren. Davis wurde wie erwartet wieder ins Unterhaus gewählt und stieß eine nationale Debatte an.

Der „Guardian“ zum Beispiel brachte eine große Reihe „Was Freiheit für mich bedeutet“ mit Beiträgen, die weit über den Anlass des Gesetzes hinauswiesen. „Unser paternalistischer Staat macht diese Debatte notwendig“, schrieb der Philosoph A. C. Grayling in seinem Beitrag. „Unsere Mächtigen sind dem falschen Glauben zum Opfer gefallen, dass eine Technologie, die verfügbar ist, auch angewendet werden muss.“ Zum Beispiel eine, die es erlaube, die Bevölkerung auszuspionieren. „Ein bemutternder, sich einmischender, paternalistischer Staat traut seinen Bürgern nicht zu, ihre eigenen Entscheidungen zu fällen, ihre eigenen Risiken zu tragen und entsprechend Verantwortung zu übernehmen“, schrieb Grayling. Und dann erteilten auch noch die ehrenwerten Damen und Herren vom House of Lords dem Regierungschef eine Lektion. In einer ersten Debatte zeichnete sich bereits ab, dass das Oberhaus die Zustimmung zu Browns Antiterrorgesetz verweigern könnte. Das brächte zumindest einen Aufschub – und eine Verlängerung der Debatte um Sicherheit und Freiheit.

Germany’s free-flowing beauty – auf Panzerketten

Nach Deutschland-Spielen machen von je her die gesammelten internationalen Pressestimmen Spaß. Deutschland? Nur auf Ketten! Das war jahrzehntelang Pflicht. Seit der sommermärchenhaften WM 2006 ist es ruhiger geworden, man könnte fast meinen, man mag uns im Ausland. Selbst in England werden die letzten Bastionen des Kraut-Bashings geschleift. „This was no clichéd footballing tale of Teutonic efficiency and power grinding down more creative but less physical opposition. Some of the football emanating from German feet, particularly Ballack’s, was breathtaking“, schrieb jetzt niemand anderes als der Daily Telegraph nach dem deutschen Viertelfinalsieg über Portugal. Und zu Klose und Ballack: „The pair headed in dead-ball deliveries from the outstanding Bastian Schweinsteiger, who himself finished off a move of such free-flowing beauty that it could have been invented by the Dutch.“ Germany? Free-flowing beauty? Das geht runter wie Ale. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob mir der Holland-Vergleich wirklich gefällt. Zum Glück gibt es immer noch die verlässlichen Türken. „Der Panzer ist zurück“, analysiert Sabah und verabreicht kalten Stahl, damit es uns Deutschen nicht zu warm wird ums Herz. „Die Panzer haben den Portugiesen keine Chance gegeben“, schreibt Miliyet. Ebenfalls eine „Panzer-Offensive“ am Werk sah Hürriyet. On second thoughts: Vielleicht meinen die das ja auch liebevoll-lobend.
(Diese und mehr Stimmen zum Spiel lesen Sie hier.)

Hitler aus Wachs

Das moderne Deutschland hat verstanden, dass die Geschichte wichtig ist – das ist ein Grund, warum die Geschichte nicht mehr alles überlagert. Dieser kluge Satz stammt von einem Briten, Bürger eines Landes, das seit der Nazi-Zeit besonders kritisch auf Deutschland schaut. Steve Crawshaw, Autor des Buches „Easier Fatherland. Germany And The Twenty-First Century“, will damit sagen, dass das wiedervereinigte Deutschland zu sich gefunden hat: Es leugnet oder verdrängt die Nazi-Zeit nicht mehr, es ist aber auch nicht mehr grüblerisch und voller Selbstzweifel davon besessen. Mehr als sechs Jahrzehnte nach Kriegsende sei eine Balance gefunden. Vor diesem Hintergrund wirkt der Aufschrei wegen einer Wachsfigur in der neuen Berliner Dependance von Madame Tussaud wie ein kleiner Rückfall in die Zeit von Verdrängung auf der einen und ritueller Selbstzerfleischung auf der anderen Seite. Hitler ist eine Figur der deutschen Geschichte, also gehört er in jede Ausstellung, die einen Überblick über deutsche Kultur, Politik und Geschichte bietet – auch in der populären Form eines Wachsfigurenkabinetts. Rührend die Einlassung des Berlin-Vermarkters Nerger: Hitlers Wachsfigur sei wohl keine Gefahr für den Tourismus. Nerger weiß genau, dass gerade dieser Teil der deutschen Geschichte Touristen anzieht. Und Berlin leugnet dies ja auch nicht, sondern geht damit verantwortungsvoll um. Hitler aus Wachs, nicht in Heldenpose, sondern zum Untergang verurteilt im Bunker, ist dazu ein weiterer Beitrag.
Hier hinter diesem Link gibt es auch die Gegenmeinung.
Und hier eine Internet-Abstimmung zum Thema.

Imagined Nation – England after Britain

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Nach den Schotten fragen sich auch die Engländer, wer sie sind und ob das Vereinigte Königreich wohl in der Zukunft ihre Heimat sein wird. Diese Frage diskutiert Herausgeber Mark Perryman mit Autoren wie Billy Bragg, Rupa Huq, Tom Nairn oder Paul Gilroy in einem neuen Buch zum Thema Englishness (im Kontrast zu Gordon Browns verzweifelter Britishness-Kampagne). Ich leiste einen kleinen Beitrag zu dem Buch, indem ich unter anderem die Identitäts- und Immigrationsdebatte in Deutschland beschreibe. Unten steht ein Auszug aus meinem Text. Ein weiterer, persönlicherer Abschnitt hier, mehr zum Buch hier.

The most intriguing bit for me in my current stay here in England was to learn that there is an identity debate going on in this country right now. Wasn’t that something for Germans, a people who had always been inclined to brooding? A late nation whose identity had been crushed by having to come to terms with the greatest atrocities in the history of mankind and then being a divided country part of which was again a dictatorship. If national identity is a process of amnesia, or as Ernest Renan in his lecture “What is a Nation?? famously put it, ‘the essential element of a nation is that all its individuals must have many things in common but it must also have forgotten many things’, then the Germans would never have a chance of being a nation again, since their crimes were too outrageous ever to be forgotten. But England? The oldest democracy which was on the right side of history for most of the time? ‘It is a mark of self-confidence: the English have not spent a great deal of time defining themselves because they haven’t needed to. Is it necessary to do so now?’ asks the Newsnight presenter Jeremy Paxman.
Germans are experts on debates about national identity, so perhaps it is richly appropriate that we should be asked to contribute to yours. Our very own Leitkulturdebatte (debate about defining culture) peaked around the turn of the millennium. Interestingly the term was coined by an immigrant scholar, Bassam Tibi, and it was not so much brought to bear on Germany alone but on European or Western identity as a whole. “The values for the desirable Leitkultur must come from cultural modernity and they are: democracy, laicism, enlightenment, human rights and civil society.? It was then adopted particularly by conservative politicians in a German debate about immigration and integration. It also catered well for a popular appetite for self-discovery. Nabelschau (navel-gazing) is one of the terms used to criticize this supposedly typically German inclination. (…)
There are none of the exclusions there used to be when Germany was in denial of being a nation founded on waves of immigration. But there has to be a certain disposition, a will for identification, by all those we should be making welcome to join in. This identification does not function along the lines of ethnicity, ancestry or ‘blood’ any more, but around the acceptance of achievements such as democracy, women’s rights, free speech, free trade, entrepreneurship, social security, functioning public services and infrastructures, tax solidarity, consensus, charity, volunteering, tolerance. This sounds very much like an expanded and more detailed list of Bassam Tibi’s Leitkultur elements. But there is a bit more, and that is at least a sense of a national heritage or culture. Culture in the sense that T.S. Eliot understood it in Notes Towards a Definition of Culture, where he listed “Derby Day, Henley Regatta, Cowes, the twelfth of August, a cup final, the dog races, the pin table, the dart board, Wensleydale cheese, boiled cabbage cut into sections, beetroot in vinegar, nineteenth century Gothic churches and the music of Elgar? as elements of English culture. This identification is less about integration, which means more or less having to give up other inherited cultures, but more about a sense of inclusion, inviting others to bring inherited cultures to add something new to the continually, but also carefully negotiated Leitkultur without alienating those unfamiliar with these new additions, nor suppressing what is perceived as the original culture. Is not our present Leitkultur nothing but an amalgamation of past inclusions? I agree with what Billy Bragg wrote in his book The Progressive Patriot about “the urge of the majority to assert itself“ and what can happen if that urge breaks out from a real or imagined suppression and „is taken to the extreme?. Nazi Germany is one of his examples for the terrible consequences such an outburst can have.

Sorry, dass ich euch bombardiert habe

Er hat ein paar Jahre gebraucht. Aber jetzt, mit 87 Jahren, hat sich Willi Schludecker bei den Bürgern von Bath entschuldigt. Auf den Tag genau vor 66 Jahren war er als Kampfflieger der Luftwaffe an der Bombardierung der Stadt beteiligt, bei der 404 Menschen starben und 19000 Gebäude zerstört oder schwer beschädigt wurden. Bei seiner Rückkehr habe ich den Bomberpiloten und seine Gastgeber begleitet, die ganze Geschichte steht hier hinter diesem Link. Die Szenen waren zuweilen anrührend, zuweilen bizarr, zuweilen voll Komik. Für den ungedienten deutschen Beobachter war etwa Schludeckers Auftritt im Rathaus in der Ausgehuniform der Luftwaffe (samt zweier Eiserner Kreuze, Frontflugspange und Adler mit Hakenkreuz) gewöhnungsbedürftig.
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Aber die Engländer wollten das so, ihre Veteranen tragen schließlich auch ihre Uniformen bei feierlichen Anlässen. Unfreiwillig komisch wurde es, als es hieß, Schludecker solle Ehrenmitglied des Bath Preservation Trust werden. Es war ein Kommunikationsfehler, eine Ehrenmitgliedschaft gibt es dort überhaupt nicht. Die ehrwürdige Einrichtung, die sich um die Erhaltung der vielen Sehenswürdigkeiten der Stadt kümmert, empfing den früheren Stadtzerstörer aber als Ehrengast. Im Haus Nummer eins in der berühmten Royal Crescent von Bath. Die deutschen Bomben hatte dieses Gebäude damals übrigens einigermaßen überstanden. Unfreiwilliger Humor kam auch durch, als die Bürgermeisterin den Kampfpiloten beim Empfang im Rathaus ganz im Geiste der Versöhnung fragte, wie er denn den Krieg in Deutschland erlebt habe. „Ich war damals fast nie in Deutschland“, sagte Schludecker. Er war ja mit seinen Bomben unterwegs. Ein anderer Gast kam extra aus Norfolk zu Schludeckers Entschuldigungszeremonie in einem Park von Bath. Vor 66 Jahren gehörte Peter Earle als 18-Jähriger hier zu den Bombenentschärfern. Warum machte er sich jetzt im hohen Alter auf den weiten Weg nach Bath, um Willi Schludecker zu treffen? „It is quite interesting to meet somebody who tried to kill you“, sagte Earle. Später schüttelte er Schludecker die Hand.

Morrissey und die Frau mit dem Union Jack

Morrissey hat mit einer Geldspende das antirassistische „Love Music Hate Racism“-Festival gerettet. Morrissey? Da war doch was. In großer Aufmachung hatte das Musikmagazin NME ihn in die Nähe des Rassismus gerückt, weil der Ex-Sänger der Smiths sich einmal mehr Sorgen um die britische Identität machte. Eine der Anekdoten, die in dem Zusammenhang jedes Mal auftaucht, ist ein Auftritt in Finsbury Park, bei dem sich Morrissey in den Union Jack einwickelte, wofür er von der Bühne gebuht wurde. Vielleicht aber ist ja jemand, der zur Fahne und zur Tradition seines Landes steht, am besten geeignet, sich gegen Rassismus zu äußern. „To be standing by the flag not feeling shameful, racist or partial“, singt Morrissey in „Irish Blood, English Heart“. Als ich kürzlich in Oxford war, um über eine Debatte mit dem Holocaust-Leugner David Irving und mit Nick Griffin, dem Chef der British National Party, zu berichten, erlebte ich dort eine Demonstration gegen die beiden Rechtsradikalen. Eine junge Frau hatte einen großen Union Jack dabei. Ich fragte, warum sie hier mit der Landesfahne demonstriere. „Weil das die Nazis am härtesten trifft“, sagte sie. Mehr Schwarz-Rot-Gold bei Anti-Nazi-Demos bitte!

Muslimischer Think Tank gegen Extremismus stellt sich vor

Der Ort ist gut gewählt. Der neue muslimische Think Tank stellt sich im British Museum vor und vermittelt damit eine klare Botschaft: Diese Organisation steht in der Tradition des Westens. Sie ist gegründet von Menschen, deren Heimat Großbritannien und deren Religion der Islam ist. Die Quilliam-Stiftung, die sich am Dienstag in London präsentiert, beschreibt sich selbst als „Think Tank gegen Extremismus“.

„Wir können nicht Al Qaida entradikalisieren“, sagt Ed Husain, Quilliam-Mitgründer und Autor des Buches „The Islamist“, in dem er seinen Weg vom jungen muslimischen Briten zum Extremisten und zum Aussteiger beschreibt. Aber die neue Organisation könne jungen, gefährdeten Muslimen andere Wege aufzeigen, die Mythen der Fundamentalisten widerlegen und dabei helfen, einen „westlichen Islam wiederzubeleben“, der sich an Werten wie Toleranz, Rationalität und Gleichberechtigung orientiere. Dazu wollen Aussteiger wie Ed Husain in die Moscheen und Jugendtreffs gehen, um mit den jungen Muslimen zu diskutieren.

Ein erster großer Kongress der Stiftung soll sich mit dem Thema Frauen im Islam befassen. Ein erstes Arbeitspapier legt der Think Tank am Dienstag im British Museum bereits vor. Mit Empfehlungen zum Kampf gegen Extremismus. Zu den Vorschlägen gehören Rehabilitierungszentren für Extremisten als Anreiz für Aussteiger, Druck auf muslimische Organisationen, sich öffentlich von radikalen Predigern und Autoren zu distanzieren, oder die Arbeit gegen die Radikalisierung junger Muslime in Gefängnissen.

Wer zum British Museum will, der steigt am U-Bahnhof Russell Square aus. Am 7. Juli 2005 kamen dort 26 Menschen ums Leben, fast die Hälfte der Opfer, die an dem Tag von Selbstmordattentätern in London ermordet wurden. Rachel North war in dem Waggon, in dem eine der Bomben gezündet wurde. Jetzt unterstützt sie Quilliam. „Der Islam ist nicht der Feind, sondern Teil der Lösung des Problems“, sagt die Londonerin, die in ihrer Rede daran erinnert, dass auch Muslime zu den Anschlagsopfern gehörten. Als Rachel North davon erzählt, wie sich die verletzten Überlebenden im dunklen Waggon gegenseitig Mut machten, herrscht atemlose Stille im mit 300 Gästen gefüllten Vortragssaal des Museums.

Das Gedankengut, das zu Taten wie denen vom 7. Juli 2005 führt, kennen Ed Husain und Maajid Nawaz, die Quilliam-Gründer, aus eigener Erfahrung. Beide sind ehemalige Mitglieder der fundamentalistischen, in Deutschland verbotenen Hizb ut-Tahrir (Partei der Befreiung). Von der panislamischen Ideologie dieser Organisation haben sie sich losgesagt, nachdem sie sich eingehender mit islamischer Lehre beschäftigt hatten. Jetzt treten sie für einen anderen, aber aus ihrer Sicht gar nicht so neuen Islam ein, für „unser andalusisches Erbe von Pluralismus und Respekt“. Und für ein britisches Erbe: Denn nicht nur der Ort der Vorstellung, auch der Name der Stiftung ist Programm: Sie wurde benannt nach Abdullah William Quilliam, einem englischen Konvertiten, der 1889 in Liverpool Großbritanniens erste Moschee gegründet hatte – im Geiste des Dialogs.

Den aktuellen Dialog beleben sollen prominente Unterstützer. Eine Reihe renommierter muslimischer Gelehrter gehört zum Beraterkreis. Es wäre gut gewesen, wenn diese Initiative früher und aus ihren Reihen gekommen wäre, merken einige selbstkritisch an. Paddy Ashdown, der frühere Chef der britischen Liberaldemokraten und ehemalige Sondergesandte für Bosnien-Herzegowina, unterstützt Quilliam ebenfalls. Wie auch der Historiker Timothy Garton Ash, der sich im British Museum als Atheist und Liberaler vorstellt und auf „Kernwerte“ wie das Recht auf freie Meinungsäußerung und gleiche Rechte für Frauen pocht.

Neben Rachel North steht mit Jemima Khan noch eine weitere Frau am Rednerpult. Ihr Lebenslauf ist glamourös: Designerin, Unicef-Botschafterin, Ex-Frau des früheren Kricketstars und jetzigen pakistanischen Politikers Imran Khan, Ex-Freundin des Schauspielers Hugh Grant, Tochter des Milliardärs James Goldsmith. „Ich weiß, dass ich nicht dem Idealbild einer Muslimin entspreche“, sagt Jemima Khan, die areligiös aufgewachsen und nach ihrer Heirat mit Imran Khan Muslimin geworden ist. Aber gerade deshalb hätten die Quilliam-Gründer sie ermuntert dabeizusein. Jemima Khan berichtet von Drohungen durch Fundamentalisten gegen die neue Organisation. Aus Angst habe sie beinahe nicht mitgemacht. Doch sie sei umgestimmt worden: „Wenn es keine Reaktion von der dunklen Seite gibt, dann liegen wir falsch“, habe Ed Husain zu ihr gesagt.

(Weitere Berichte hier und hier.)