The Great British Superlative – Hilfe vom Philologen

Superlative aus Greatest Britain wurden hier ausgebreitet und hier diskutiert. Jetzt half ein großer Philologe bei der Einordnung. Bei der Lektüre von „LTI – Notizbuch eines Philologen“ fiel mir folgender Satz auf, mit dem Victor Klemperer den spielerischen amerikanischen Superlativ vom Superlativ-Wahn der Nazisprache (Lingua Tertii Imperii, LTI) abgrenzt: „Ich und du, lieber Leser, wir haben beide die gleiche Freude am Übertreiben, wir wissen beide, wie es gemeint ist – also lüge ich ja gar nicht, du subtrahierst schon von selber das Nötige, und von meiner Anpreisung geht keine Täuschung aus, sie prägt sich dir durch superlativische Form nur fester und angenehmer ein!“ Klemperer spricht hier von amerikanischer Werbung, aber ich glaube, dass sich diese kleine Rezeptionstheorie auch auf die britischen Zeitungen und ihren unverkrampften Umgang mit Zahlen, Zuspitzungen und Zitaten ausdehnen lässt. Ich habe verstanden und lese jetzt britisch-entspannter.

Walthamstow goes to the dogs – nimmermehr

Wer auf die in London sehr wichtige, weil identitätsentscheidende Frage „Where do you live?“ antwortet, dass er in Walthamstow wohnt, bekommt meist den O-das-ist-ja-nicht-gerade-Shoreditch/Islington/Richmond/Hampstead-Blick, je nach Hipness- oder Richness-Faktor des Gesprächspartners. Um das leichte Unbehagen zu überbrücken, kommt dann meist der Hinweis auf die Band East 17, benannt nach dem hiesigen post code, und auf Walthamstows wichtigste Sehenswürdigkeit. Nein, nicht die wunderbare William Morris Gallery, die den Designer, Schriftsteller und großen Sohn des Bezirks ehrt. Genannt wird die Hunderennbahn, „an iconic London landmark“ (BBC) und das seit 75 Jahren. Das ist bald vorbei. Der dog track wird im August geschlossen. Wie so oft in London steckt der Verkauf an einen Investor dahinter, der auf dem Gelände des Stadions neue Wohnungen baut. Das in dem Fall unvermeidliche Wortspiel, Walthamstow goes to the dogs, ist also nicht ganz angebracht. Im Gegenteil, die Investorenpläne in der Nähe des Olympiageländes von 2012 sind eher ein weiterer Schritt zur Gentrifizierung meines Bezirks. Schon eröffnen Delis (Eat17), schon ziehen die ersten ruhiger werdenden party animals aus Hackney hierher. Ein Gutes hat das Ende des dog tracks. Von jetzt an herrscht hier William Morris allein bei den Sehenwürdigkeiten. Es sei denn, wir Walthamstower hören künftig: O, das ist ja da, wo die Hunderennbahn war.

Übersetzungskünstler (3): Die Deutschen-Versteher

Wenn Briten andere Briten im öffentlichen Raum schriftlich zu etwas auffordern, nehmen wir als Beispiel, nicht in einem Kneipeninnenhof, sondern auf der Straße vor der Kneipe zu rauchen, dann liest sich das in etwa so:
This pub operates a non-smoking-in-the-courtyard policy. May we kindly ask you to smoke in front of the main entrance, if you would.
Der Barfly-Pub in Cambridge hat diese britisch-zuvorkommende Aufforderung bei einem Konzert der Berliner Band Beatsteaks jetzt mit beachtlichem interkulturellen Einfühlungsvermögen ins Deutsche übertragen. Und das las sich dann so:
„ACHTUNG! Ausgang Ist Fucking VERBOTEN! Nicht rauchen hier, rauchen vor der eingang am der strasse.“
Und falls jemand nicht gehorcht, marschiert die Pub-Polizei in den Innenhof ein und brüllt: „SCHNELL, SCHNELL! RAUS, RAUS!“, weitere deutsche Lieblingswörter der Briten.
Mehr Übersetzungskünstler hier und hier.

Gordon Brown ist Avram Grant

Parallelen zwischen Fußball und Politik werden oft vorschnell gezogen, doch der Vergleich zwischen Gordon Brown und Avram Grant drängt sich auf. Britanniens Premier und Chelseas Trainer sind sich sehr ähnlich – nicht nur vom bärigen, leicht unbeholfenen Erscheinungsbild her. Beide sind spät ganz nach oben gekommen. Beiden wird das Amt nicht wirklich zugetraut. Beide haben glamouröse Vorgänger – Tony Blair und José Mourinho -, gelten aber selbst als farblos. Beide sind gut gestartet und haben dann Probleme bekommen. Beide haben Visionen (Browns Britishness, Grants entertaining football), während die Fans vor allem gewinnen und die Wähler vor allem genug Geld in der Tasche haben wollen. Wenn bei Grants Team ein Gegentor fällt, singen die Zuschauer: „You don’t know what you’re doing.“ Wenn Browns Umfragewerte fallen, schreiben die Zeitungen über innerparteiliche Nachfolgedebatten. Einen Vorteil hat der Premier gegenüber dem Trainer. Grant muss die Wende bis zum Saisonende in einem Monat schaffen. Brown bleiben noch zwei Jahre, bis er eine Wahl ausrufen muss.

P.S.: Kurz nach Niederschrift dieses Posts gab Avram Grant eine grandiose Pressekonferenz, ein Meisterwerk der einsilbigen Rhetorik. Transkript zum Beispiel hier.

Googlehupf: Wer suchet, der landet

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Be Berlin und Totally London

Bevor ich nach London gezogen bin, habe ich gedacht, dass der Wunsch nach einer Imagekampagne typisch deutsch und typisch Berlinerisch ist. Das verbindet Nabelschau und die Angst, vor anderen schlecht dazustehen, auf produktive Weise. Seit ich in London lebe, weiß ich, dass die Briten auch nicht so sehr in sich ruhen, dass ihnen die Meinung der anderen egal sein könnte und sie sich dank ihrer Tradition selbst genügen. Viele hier, der Premierminister vorneweg, grübeln inzwischen in aller Öffentlichkeit darüber nach, was eigentlich Britishness ist. Und es gab sogar mal vor nicht allzu langer Zeit eine Imagekampagne für London, die Weltmetropole, von der man annehmen könnte, dass sie sowas nicht braucht. „Totally London“ hieß der dazugehörige Slogan. Umso mehr Verständnis habe ich jetzt für Berlins neue Werbung. „Be Berlin“ ist völlig okay. „Total Berlin“ hätte doch ein bisschen zu sehr nach Sportpalast 1943 geklungen.

Das Auschwitz-Zitat des Tory-Chefs

Wie Zitate in britischen Medien, auch in seriösen, verdreht und zugespitzt werden, ist erstaunlich. Noch mehr beeindruckt mich, dass sich offenbar nie ein Leser darüber beschwert. „Gesagt“ wird hier ohnehin nie was, jeder Satz eines Politikers oder Fußballers oder die Reaktion darauf ist „jibe“, „quip“, „gaffe“, „outrage“, „blast“, „fury“, „backlash“ oder „fire“. Unter Feuer geriet nun David Cameron. Zeitungen vom Guardian bis zur Sun berichten, dass der konservative Oppositionsführer kritisiert werde, weil er regierungsgesponserte Schülerfahrten nach Auschwitz als „Gimmicks“ bezeichnet habe. Was hat Cameron wirklich gesagt? Er hat kritisiert, es sei ein „Gimmick“, erst solche Fahrten groß anzukündigen und sie dann nicht vernünftig zu finanzieren, so dass die Schüler und ihre Eltern immer noch selbst Geld aufbringen müssen. Klingt irgendwie anders als die hyperventilierenden Überschriften. (Camerons Rede ist hier nachzulesen.)