Pub-Tipps (2): The Rose & Crown in Oxford

Knallrosa hebt sich die Fassade von der Nachbarschaft ab, weithin sichtbar das Schild mit Rose und Krone. Für Paul Kingsnorth, Globalisierungskritiker und Autor des Buches „Real England“, ist dieser Pub etwas Besonderes.
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Ein Pub ist für ihn nicht einfach ein Pub, sondern ein Kulturgut. Eines, das es zu schützen gilt, weil es gefährdet ist. Kingsnorth sitzt im „Rose & Crown“ in Oxford, vor sich auf dem Tisch ein Pint des lokalen Biers „Old Hooky“. Er erzählt von den 27 Pubs, die jede Woche auf der Insel schließenvon derzeit 57 500 insgesamt. Und davon, dass es die Kleinen trifft und die auf dem Land. Und dass sich ein authentischer Pub auf den ersten Blick von Kettenpubs Marke „Wetherspoons“ oder „O’Neill’s“ unterscheidet. Von jenen Orten, an denen sich Britanniens Jugend freitagabends die Kante gibt, bis zum Erbrechen. Mit süßlichen Alkopops oder Lager-Bier, das immer gleich schmeckt, egal welche Marke am Zapfhahn steht oder auf der Flasche.

Woran also lässt sich der authentische Pub erkennen? „Die Tische“, sagt Paul Kingsnorth und zeigt auf das Mobiliar. „Kein Tisch sieht hier aus wie der andere.“ In Kettenpubs ist alles Einheitsware, hier aber wird immer mal wieder was ausgewechselt und hinzugestellt. Das Interieur wächst organisch. Genau wie die Dekoration an den Wänden: Das „Rose & Crown“ brilliert mit einem liebenswerten Chaos aus Ansichtskarten, Plakaten und sportlichen Reliquien. Auf der Speisekarte stehen „Fish Pie“ oder „Sausage and Mash“.

Authentisch heißt nicht stereotyp. Es geht auch ohne Cricket und Rugby. An der Wand im „Rose & Crown“ hängen Eishockeyschläger und -trikots des örtlichen Teams. Auch bei den Farben verfällt dieser Pub nicht in Merry-Old-England-Klischees. Auf Weinrot und Britischgrün wird verzichtet. Kingsnorth sitzt vor einer lachsfarbenen Tapete und einem bunten Papageienposter. Die Bierbänke im Hof sind quietschgelb.
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Wichtig sind hier auch die Gläser: Nicht die hohen, glatten, nach oben breiter werdenden Pint-Gläser seien typisch englisch, doziert Paul Kingsnorth, sondern die bauchigen mit einem Henkel und eckigem Relief außen herum. Darauf einen tiefen Schluck „Old Hooky“.
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Wer auf der Insel zu Gast ist, sollte Lager-Bier meiden – es hat ohnehin mit einem gut gezapften Pils nichts zu tun – und sich aufs Ale einlassen. Für kontinentale Gaumen ist das bitter-süße Bier ein „acquired taste“, ein gewöhnungsbedürftiger Geschmack. Doch die Mühe lohnt sich. Wer ein bisschen übt, stellt bald fest, dass die Klischees vom lauen englischen Bier gar nicht stimmen. Feine Geschmacksunterschiede wollen erarbeitet sein. Belohnt wird die Geduld dann zum Beispiel mit „Old Hookys“ malzig-honigsamtenem Aroma. Zum Glück darf der Ale-Novize etwas länger trainieren, denn echtes englisches Bier macht nicht so schnell betrunken. „Old Hooky“ gilt als starkes Ale, hat aber mit 4,6 Prozent immer noch etwas weniger Alkohol als ein deutsches Pils.

Für Paul Kingsnorth, Jahrgang 1972, steht Ale für das echte England, dessen Verdrängung durch die grassierende Gleichförmigkeit er in „Real England“ beschreibt. Vor der McDonaldisierung der Pubs und Brauereien habe man jede Region des Landes anhand ihres Biers identifizieren können, sagt Kingsnorth. Einen „Wandteppich der Geschmäcker, gewoben aus unserem nationalen Getränk“, nennt er dies lyrisch leicht verquer. Ein Sinnbild regionaler Eigenarten – für Selbstständigkeit, gegen Gleichmacherei.
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Doch ganz so selbstständig ist auch das „Rose & Crown“ nicht. Der Oxforder Pub gehört zwar keiner Kette, ist aber abhängig von einer sogenannten Pub Company, einer Art Kneipen-Holding. Die PubCo erleichtert Wirten die Existenzgründung, indem sie vor allem die Räumlichkeiten stellt. Im Gegenzug zahlen die Wirte Miete und verpflichten sich, alle Getränke von der PubCo abzunehmen. Damit liefern sie sich der preislichen Willkür aus und scheitern oft an den steigenden finanziellen Forderungen ihres Konzerns. Am Ende ist es dann oft die einfachste Lösung für alle Beteiligten, die Immobilie an Investoren zu verkaufen und die Pubs abreißen zu lassen, um Läden oder Wohnungen zu bauen. Auch das „Rose & Crown“ ist in Gefahr. Denn die Zeiten sind schlecht: Großbritannien droht eine Rezession, das Geld der Verbraucher ist knapp. Das seit einem Jahr gültige Rauchverbot verschärft die Situation. Viele Briten essen, trinken und rauchen jetzt noch lieber zu Hause, als sie es im Land der häuslichen, gutnachbarschaftlichen Dinnerpartys ohnehin tun.
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The Rose & Crown, 14 North Parade Avenue, Oxford, OX2 6LX.
Ein paar kleinere Pub-Tipps hier hinter diesem Link.

Hitler aus Wachs

Das moderne Deutschland hat verstanden, dass die Geschichte wichtig ist – das ist ein Grund, warum die Geschichte nicht mehr alles überlagert. Dieser kluge Satz stammt von einem Briten, Bürger eines Landes, das seit der Nazi-Zeit besonders kritisch auf Deutschland schaut. Steve Crawshaw, Autor des Buches „Easier Fatherland. Germany And The Twenty-First Century“, will damit sagen, dass das wiedervereinigte Deutschland zu sich gefunden hat: Es leugnet oder verdrängt die Nazi-Zeit nicht mehr, es ist aber auch nicht mehr grüblerisch und voller Selbstzweifel davon besessen. Mehr als sechs Jahrzehnte nach Kriegsende sei eine Balance gefunden. Vor diesem Hintergrund wirkt der Aufschrei wegen einer Wachsfigur in der neuen Berliner Dependance von Madame Tussaud wie ein kleiner Rückfall in die Zeit von Verdrängung auf der einen und ritueller Selbstzerfleischung auf der anderen Seite. Hitler ist eine Figur der deutschen Geschichte, also gehört er in jede Ausstellung, die einen Überblick über deutsche Kultur, Politik und Geschichte bietet – auch in der populären Form eines Wachsfigurenkabinetts. Rührend die Einlassung des Berlin-Vermarkters Nerger: Hitlers Wachsfigur sei wohl keine Gefahr für den Tourismus. Nerger weiß genau, dass gerade dieser Teil der deutschen Geschichte Touristen anzieht. Und Berlin leugnet dies ja auch nicht, sondern geht damit verantwortungsvoll um. Hitler aus Wachs, nicht in Heldenpose, sondern zum Untergang verurteilt im Bunker, ist dazu ein weiterer Beitrag.
Hier hinter diesem Link gibt es auch die Gegenmeinung.
Und hier eine Internet-Abstimmung zum Thema.

Imagined Nation – England after Britain

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Nach den Schotten fragen sich auch die Engländer, wer sie sind und ob das Vereinigte Königreich wohl in der Zukunft ihre Heimat sein wird. Diese Frage diskutiert Herausgeber Mark Perryman mit Autoren wie Billy Bragg, Rupa Huq, Tom Nairn oder Paul Gilroy in einem neuen Buch zum Thema Englishness (im Kontrast zu Gordon Browns verzweifelter Britishness-Kampagne). Ich leiste einen kleinen Beitrag zu dem Buch, indem ich unter anderem die Identitäts- und Immigrationsdebatte in Deutschland beschreibe. Unten steht ein Auszug aus meinem Text. Ein weiterer, persönlicherer Abschnitt hier, mehr zum Buch hier.

The most intriguing bit for me in my current stay here in England was to learn that there is an identity debate going on in this country right now. Wasn’t that something for Germans, a people who had always been inclined to brooding? A late nation whose identity had been crushed by having to come to terms with the greatest atrocities in the history of mankind and then being a divided country part of which was again a dictatorship. If national identity is a process of amnesia, or as Ernest Renan in his lecture “What is a Nation?? famously put it, ‘the essential element of a nation is that all its individuals must have many things in common but it must also have forgotten many things’, then the Germans would never have a chance of being a nation again, since their crimes were too outrageous ever to be forgotten. But England? The oldest democracy which was on the right side of history for most of the time? ‘It is a mark of self-confidence: the English have not spent a great deal of time defining themselves because they haven’t needed to. Is it necessary to do so now?’ asks the Newsnight presenter Jeremy Paxman.
Germans are experts on debates about national identity, so perhaps it is richly appropriate that we should be asked to contribute to yours. Our very own Leitkulturdebatte (debate about defining culture) peaked around the turn of the millennium. Interestingly the term was coined by an immigrant scholar, Bassam Tibi, and it was not so much brought to bear on Germany alone but on European or Western identity as a whole. “The values for the desirable Leitkultur must come from cultural modernity and they are: democracy, laicism, enlightenment, human rights and civil society.? It was then adopted particularly by conservative politicians in a German debate about immigration and integration. It also catered well for a popular appetite for self-discovery. Nabelschau (navel-gazing) is one of the terms used to criticize this supposedly typically German inclination. (…)
There are none of the exclusions there used to be when Germany was in denial of being a nation founded on waves of immigration. But there has to be a certain disposition, a will for identification, by all those we should be making welcome to join in. This identification does not function along the lines of ethnicity, ancestry or ‘blood’ any more, but around the acceptance of achievements such as democracy, women’s rights, free speech, free trade, entrepreneurship, social security, functioning public services and infrastructures, tax solidarity, consensus, charity, volunteering, tolerance. This sounds very much like an expanded and more detailed list of Bassam Tibi’s Leitkultur elements. But there is a bit more, and that is at least a sense of a national heritage or culture. Culture in the sense that T.S. Eliot understood it in Notes Towards a Definition of Culture, where he listed “Derby Day, Henley Regatta, Cowes, the twelfth of August, a cup final, the dog races, the pin table, the dart board, Wensleydale cheese, boiled cabbage cut into sections, beetroot in vinegar, nineteenth century Gothic churches and the music of Elgar? as elements of English culture. This identification is less about integration, which means more or less having to give up other inherited cultures, but more about a sense of inclusion, inviting others to bring inherited cultures to add something new to the continually, but also carefully negotiated Leitkultur without alienating those unfamiliar with these new additions, nor suppressing what is perceived as the original culture. Is not our present Leitkultur nothing but an amalgamation of past inclusions? I agree with what Billy Bragg wrote in his book The Progressive Patriot about “the urge of the majority to assert itself“ and what can happen if that urge breaks out from a real or imagined suppression and „is taken to the extreme?. Nazi Germany is one of his examples for the terrible consequences such an outburst can have.

Muslimischer Think Tank gegen Extremismus stellt sich vor

Der Ort ist gut gewählt. Der neue muslimische Think Tank stellt sich im British Museum vor und vermittelt damit eine klare Botschaft: Diese Organisation steht in der Tradition des Westens. Sie ist gegründet von Menschen, deren Heimat Großbritannien und deren Religion der Islam ist. Die Quilliam-Stiftung, die sich am Dienstag in London präsentiert, beschreibt sich selbst als „Think Tank gegen Extremismus“.

„Wir können nicht Al Qaida entradikalisieren“, sagt Ed Husain, Quilliam-Mitgründer und Autor des Buches „The Islamist“, in dem er seinen Weg vom jungen muslimischen Briten zum Extremisten und zum Aussteiger beschreibt. Aber die neue Organisation könne jungen, gefährdeten Muslimen andere Wege aufzeigen, die Mythen der Fundamentalisten widerlegen und dabei helfen, einen „westlichen Islam wiederzubeleben“, der sich an Werten wie Toleranz, Rationalität und Gleichberechtigung orientiere. Dazu wollen Aussteiger wie Ed Husain in die Moscheen und Jugendtreffs gehen, um mit den jungen Muslimen zu diskutieren.

Ein erster großer Kongress der Stiftung soll sich mit dem Thema Frauen im Islam befassen. Ein erstes Arbeitspapier legt der Think Tank am Dienstag im British Museum bereits vor. Mit Empfehlungen zum Kampf gegen Extremismus. Zu den Vorschlägen gehören Rehabilitierungszentren für Extremisten als Anreiz für Aussteiger, Druck auf muslimische Organisationen, sich öffentlich von radikalen Predigern und Autoren zu distanzieren, oder die Arbeit gegen die Radikalisierung junger Muslime in Gefängnissen.

Wer zum British Museum will, der steigt am U-Bahnhof Russell Square aus. Am 7. Juli 2005 kamen dort 26 Menschen ums Leben, fast die Hälfte der Opfer, die an dem Tag von Selbstmordattentätern in London ermordet wurden. Rachel North war in dem Waggon, in dem eine der Bomben gezündet wurde. Jetzt unterstützt sie Quilliam. „Der Islam ist nicht der Feind, sondern Teil der Lösung des Problems“, sagt die Londonerin, die in ihrer Rede daran erinnert, dass auch Muslime zu den Anschlagsopfern gehörten. Als Rachel North davon erzählt, wie sich die verletzten Überlebenden im dunklen Waggon gegenseitig Mut machten, herrscht atemlose Stille im mit 300 Gästen gefüllten Vortragssaal des Museums.

Das Gedankengut, das zu Taten wie denen vom 7. Juli 2005 führt, kennen Ed Husain und Maajid Nawaz, die Quilliam-Gründer, aus eigener Erfahrung. Beide sind ehemalige Mitglieder der fundamentalistischen, in Deutschland verbotenen Hizb ut-Tahrir (Partei der Befreiung). Von der panislamischen Ideologie dieser Organisation haben sie sich losgesagt, nachdem sie sich eingehender mit islamischer Lehre beschäftigt hatten. Jetzt treten sie für einen anderen, aber aus ihrer Sicht gar nicht so neuen Islam ein, für „unser andalusisches Erbe von Pluralismus und Respekt“. Und für ein britisches Erbe: Denn nicht nur der Ort der Vorstellung, auch der Name der Stiftung ist Programm: Sie wurde benannt nach Abdullah William Quilliam, einem englischen Konvertiten, der 1889 in Liverpool Großbritanniens erste Moschee gegründet hatte – im Geiste des Dialogs.

Den aktuellen Dialog beleben sollen prominente Unterstützer. Eine Reihe renommierter muslimischer Gelehrter gehört zum Beraterkreis. Es wäre gut gewesen, wenn diese Initiative früher und aus ihren Reihen gekommen wäre, merken einige selbstkritisch an. Paddy Ashdown, der frühere Chef der britischen Liberaldemokraten und ehemalige Sondergesandte für Bosnien-Herzegowina, unterstützt Quilliam ebenfalls. Wie auch der Historiker Timothy Garton Ash, der sich im British Museum als Atheist und Liberaler vorstellt und auf „Kernwerte“ wie das Recht auf freie Meinungsäußerung und gleiche Rechte für Frauen pocht.

Neben Rachel North steht mit Jemima Khan noch eine weitere Frau am Rednerpult. Ihr Lebenslauf ist glamourös: Designerin, Unicef-Botschafterin, Ex-Frau des früheren Kricketstars und jetzigen pakistanischen Politikers Imran Khan, Ex-Freundin des Schauspielers Hugh Grant, Tochter des Milliardärs James Goldsmith. „Ich weiß, dass ich nicht dem Idealbild einer Muslimin entspreche“, sagt Jemima Khan, die areligiös aufgewachsen und nach ihrer Heirat mit Imran Khan Muslimin geworden ist. Aber gerade deshalb hätten die Quilliam-Gründer sie ermuntert dabeizusein. Jemima Khan berichtet von Drohungen durch Fundamentalisten gegen die neue Organisation. Aus Angst habe sie beinahe nicht mitgemacht. Doch sie sei umgestimmt worden: „Wenn es keine Reaktion von der dunklen Seite gibt, dann liegen wir falsch“, habe Ed Husain zu ihr gesagt.

(Weitere Berichte hier und hier.)

Nicht übersetzt, aber gut (2): Ein großes Werk über den Holocaust

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Auf Bulgarisch und Mazedonisch liegt es vor, aber nicht auf Deutsch: Im Gegensatz zu anderen Büchern des britischen Historikers und Churchill-Biographen Martin Gilbert (zuletzt: „Sie waren die Boys“) wurde sein monumentales Werk „The Holocaust“ unerklärlicherweise nie ins Deutsche übersetzt. Es erschien 1986 und gab schon damals den Opfern eine Stimme, zwei Jahrzehnte vor Saul Friedländers auch in Deutschland gefeiertem „Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Vernichtung 1939 – 1945“. Vielleicht findet sich ja doch noch ein deutscher Verlag, der das Versäumte nachholt. (Erste Folge „Nicht übersetzt, aber gut“ hier.)

Fritz Sterns deutsche Botschaft

Fritz Stern war jetzt in der deutschen Botschaft in London. Der deutsch-amerikanische Historiker, der unlängst seine Erinnerungen „Fünf Deutschland und ein Leben“ veröffentlicht hatte, sprach über ein sechstes Deutschland, eines, das er nach eigener Aussage nicht kennt. Das klingt kokett, denn natürlich weiß der Deutschlandexperte Stern auch über das 19. Jahrhundert und das Kaiserreich alles, wenn auch in dem Fall nicht aus eigenem Erleben. Der 82-jährige Stern sprach über den fehlenden Bürgersinn und die Autoritätsgläubigkeit in jenem zweiten Reich, worin Gründe liegen, die zu den Schrecken des dritten Reichs führten, die auch Fritz Stern zur Flucht zwangen. Stern sprach aber auch über Deutsche, die diese Fehlentwicklungen früh erkannten und kritisierten. Nietzsche zum Beispiel, der den reichsdeutschen Nationalismus verabscheute und einen großen Sieg wie den von 1871 für gefährlich hielt. Oder Theodor Mommsen, der gegen den Zeitgeist liberal war und den vor allem mit England, dem Mutterland der bürgerlichen Freiheit, vieles verband. Ich habe mich beim Zuhören gefragt, warum diese spezielle deutsche Linie den Deutschen selbst so wenig bewusst ist. In der Schule habe ich jedenfalls darüber wenig gelernt. Nichts zum Beispiel über Robert Blum, den radikalen Liberalen der 48er-Revolution. Der Begriff „liberal“ gilt bei uns, meist mit der Vorsilbe „neo-“ versehen, ja eher als Schimpfwort. Warum lesen wir Marx in der Schule, aber nicht Hayek? „Der Weg zur Knechtschaft“ ist ein Buch, das alle derzeit mal wieder sozialismusbesoffenen Deutschen zur Hand nehmen sollten. (Und hier gibt es ein Interview mit Fritz Stern.)

Unvermessene short list

Briten lieben Listen, Nominierungen, Preisverleihungen. Long lists, short lists, and the winner is … Es gibt den Bingo Caller of the Year und schon bald endlich auch wieder den Sports Interviewer of the Year (neben dem Sports Diarist of the Year und dem Sports Feature Writer of the Year). Aber manche Nominierungslisten sind tatsächlich spannend. Der wunderbare Blog Love German Books bringt mich zum Beispiel auf die aktuelle short list für den Independent Foreign Fiction Prize. Da ist Daniel Kehlmanns „Measuring the World“ nominiert – und hat den Sieg auf jeden Fall verdient.

Nicht übersetzt, aber gut (1): Ein Hitler-Imitator auf dem Wege zu sich selbst

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Ich möchte hier ab und zu Bücher empfehlen, die nur auf Englisch erschienen sind. Inzwischen lesen ja viele Deutsche ihre angelsächsischen Lieblingsautoren im Original. Los geht es mit dem britischen Lieblingsthema: The Führer. Der Stand-Up-Comedian Mark Watson setzt ein Projekt von John Cleese fort (Fawlty Towers, „Don’t mention the war“ und all das). Watson karikiert in seinem Roman „A Light-Hearted Look At Murder“ die Fixierung der Briten auf die Nazizeit. Held des Buchs ist ein Hitler-Imitator auf dem Wege zu sich selbst. Der deutsche Cambridge-Student Andreas erarbeitet sich im Partyeinsatz als Führer-Doppelgänger gutes Geld und die Liebe einer faszinierenden Frau. Das führt zu allerlei Verwicklungen, Identitätskrisen und in historische Abgründe, die den Helden von seiner Familie daheim in Berlin entfremden und ihn sogar ins Gefängnis bringen. Die Szenen aus einem von Neonazis durchsetzten Post-Mauerfall- Berlin sind etwas klischeeartig geraten, aber Spaß macht das Buch auf jeden Fall.

Crazy Germans in Football’s Home – ein Buchtipp

Dass die Engländer uns Deutsche neuerdings ganz doll lieb haben und für unsere Fußballkultur schwärmen, das liegt an ihren guten Erfahrungen mit deutscher Gastfreundschaft bei der WM 2006. Haben wir bislang geglaubt. In Wirklichkeit aber hatten Pioniere schon Vorarbeit geleistet. Die erste Liebe zur deutschen Fankultur keimte bei Engländern nicht in Nürnberg oder auf Schalke, sondern in Brentford oder in Ipswich. Im Kapitel „Verrückte Deutsche in der Stadt“ seines neuen Buchs „Football’s Home. Geschichten vom englischen Fußball“ beschreibt Carsten Germann die England-Reisen einer Gruppe Fans von Fortuna Düsseldorf und vom FC St. Pauli. footballshome.jpg
„Crazy Germans in Town“, hieß es  im Beitrag eines lokalen Radiosenders zum Besuch der Deutschen bei Ipswich Towns FA-Cup-Spiel gegen Portsmouth. Im Stadion applaudierte dann der ganze Ipswich-Fanblock der bunten, lauten Truppe aus Deutschland, sonst eher das Feindbild – wegen zweier Weltkriege und ebensovieler Elfmeterschießen. „Dieser Besuch hat eindeutig bei einigen Engländern dazu beigetragen, über deutsche Stereotypen nachzudenken“, meinte ein englischer Fan. Die Deutschen sahen die Angelegenheit eher unpädagogisch: „Wir wollten nicht den Friedensbotschafter markieren, sondern einfach eine Party-Tour von Fans für Fans machen.“ Germanns Buch gibt den Fans viel Raum – und verschweigt auch nicht das Hooligan-Problem. „Football’s Home“ erschöpft sich aber nicht in Fan-Geschichten, sondern bietet Analysen und Anekdoten über Spieler, Trainer und Klubchefs. Das englische Trauma Elfmeterschießen  arbeitet Germann in einem eigenen Kapitel auf. Hier blieb mit der WM 2006 für die Engländer alles beim Alten. Zum zweiten Mal hintereinander scheiterten sie im Viertelfinale eines großen Turniers nach Elfmetern am selben Team – den Portugiesen, den „neuen Deutschen“, wie Germann sie nennt.

Ein neuer Name für Mohammed den Maulwurf

Der britische Kinderbuchautor Kes Gray verschiebt die Neuauflage seines Buchs „Who’s Poorly Too“, weil dort ein Maulwurf namens Mohammed vorkommt. „Ich habe ja keine Ahnung gehabt, dass dies eine sensible Angelegenheit ist, bis zu dem Fall im Sudan“, sagte Gray laut Times Online. „Als ich die Nachrichten schaute, dachte ich, o je, ich habe da einen Maulwurf, der Mohammed heißt. Das ist nicht gut.“ Gray sagte weiter, er habe Mohammed eigentlich für einen harmlosen Jungennamen gehalten und mit seinem Buch Kinder über Kulturgrenzen hinweg ansprechen wollen. Das Bilderbuch hat sich 40 000 mal verkauft seit seinem ersten Erscheinen 1999. Beschwerden gab es bislang keine und die britischen Muslime haben sich in dem sudanesischen Fall sofort mit ihrer Landsmännin Gillian Gibbons solidarisiert , als die Lehrerin in Khartum eine Woche im Gefängnis sitzen musste, weil ihre sudanesischen Schüler einen Teddybären Mohammed genannt hatten. Trotzdem heißt der Maulwurf ab sofort Morgan.

Vergleiche auch: Adam the Muslim Prayer Bear.